Charlotte Spitzer

Neorassismus und Europa. Rassistische Strukturen in der Selbstvergewisserung europäischer Identität

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2003 (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXII, Soziologie 390); 152 S.; brosch., 34,- €; ISBN 3-631-50926-X
Die Soziologin Spitzer untersucht die Funktion so genannter neorassistischer Diskurse für die Konstitution der europäischen Integration und Identität. Der Begriff der „Rasse" existiere heute zwar noch, nur sei er durch die Termini „Kultur" oder „Ethnie" ersetzt worden. Dieser Neorassismus versuche rassistische Vorurteile zu legitimieren und trage so zu einer „Disposition zur Diskriminierung von Minderheiten als ‚normale' Reaktion des Menschen auf das ‚Fremde'" bei (11). Spitzer erläutert zunächst die Begriffe „Rasse" und „Rassismus" (nach Albert Memmi) sowie den Begriff der Ideologie. Anschließend stellt sie eine Reihe von Zugängen zum Verständnis von Rassismus vor, die alle ohne den Begriff „Rasse" auskommen: „Ethnie", „Nationalismus", „Fremde" und den „genuin rassistischen" „Antisemitismus". Sie bezieht sich dabei vor allem auf Collette Guillaumin, Etienne Balibar und Zygmunt Bauman. Im zweiten Teil widmet sich Spitzer den von ihr konstatierten neorassistischen Diskursen in der europäischen Öffentlichkeit, den Massenmedien und der Rolle der sozialen Eliten. In Anlehnung an Pierre Bourdieu und Michel Foucault vertritt sie die These, dass „neorassistische Diskurse" ihre Hauptfunktion darin haben, eine kollektive Mentalitätsstruktur zu schaffen beziehungsweise diese zu stärken. Dies gelinge auch durch ein den Diskursen inhärentes Kommunikationsverbot. Das Fehlen bestimmter Themen zur Ermöglichung und Steuerung von Kommunikation bezeichnet Spitzer in Anlehnung an Niklas Luhmann als ein System „strukturfunktionaler Latenzen" (oder „Kommunikationslatenzen") (111 ff.). Darüber hinaus fungierten Diskurse als „bedeutendste[s] Instrument zur Legitimation von Herrschaft in den modernen Gesellschaften" (137). Resümierend hält Spitzer fest, dass die Idee einer europäischen Einheit „eine Idee der geistig-kulturellen Eliten" sei und der Neorassismus von dieser Elite auch dazu verwendet werde, „die strukturfunktionale Kommunikationslatenz der Thematik der eigenen prekären Ungleichheitsverhältnisse zu den Wählermassen zu schützen" (141). Das anspruchsvolle Buch ist zumeist gut lesbar und enthält einen nachvollziehbaren Argumentationsgang. Es ist jedoch leider von vielen Flüchtigkeitsfehlern durchzogen.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.23 | 3.4 | 3.1 | 5.42 Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Charlotte Spitzer: Neorassismus und Europa. Frankfurt a. M. u. a.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/21042-neorassismus-und-europa_24551, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24551 Rezension drucken

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