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Claudia Neubert

Nationsbildung in der Ukraine und die Figur Ivan Mazepas. Ein moderner Mythos zur Konstruktion kollektiver Identität?

Wien/Berlin: Lit 2008 (Osteuropa 44); 110 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8258-1004-7
Die Autorin fragt nach dem Beitrag des Diskurses um die historische Figur des Kosaken-Hetmans Ivan Mazepa (1639-1709) zur Herausbildung eines die kollektive Identität der Ukrainer befördernden Geschichtsmythos. Gerade in der Ukraine, die historisch bedingt in einen eher national orientierten Westteil (Galizien als Zentrum) und einen durch die lange Zugehörigkeit zu Russland geprägten Osten und Süden zerfällt, erwies sich das Nationbuilding seit der Unabhängigkeit im Jahre 1991 allerdings als schwierige Gratwanderung. Während gesellschaftliche Eliten die ambivalente Figur des Hetmans Mazepa schon recht bald im Sinne der Unabhängigkeit der ukrainischen Nation, ihrer Staatlichkeit und europäischen Ausrichtung „rehabilitierten“, blieb man auf der Ebene der politischen Entscheidungsträger zurückhaltender. So sah der ehemalige Präsident Leonid Kučma (1994-2004) von einer Verwendung des Mazepa-Mythos bewusst ab, um die Politik der außenpolitischen Neutralität und sein staatsbürgerliches Nationskonzept nicht zu gefährden. Auch Viktor Juščenko, sein Nachfolger im Amt, ließ sich in Reden nicht zu einer Mythologisierung des in der sowjetischen Geschichtsschreibung als „Verräter“ gebrandmarkten Hetmans hinreißen, war als überzeugter Nationalist bisher aber durchaus bereit, Mazepa in sein rhetorisches „Nationalheldenpantheon“ einzugliedern. In der ukrainischen Presselandschaft finden sich seit dem Amtsantritt Juščenkos zwar merklich mehr Hinweise auf Mazepa, trotz einer positiven Umdeutung des alten negativen Mazepa-Bildes kann aber auch hier keine Rede von der bewussten Inszenierung eines Mythos sein. Trotz der durchaus interessanten und relevanten Darstellung leidet die Studie vor allem unter ihrer einseitigen Konzentration auf den Mazepa-Mythos und der methodischen Schwerpunktsetzung. So fällt die wenig ergiebige Analyse ukrainischer Presseerzeugnisse zu weitschweifend aus, eine umfangreichere Beschäftigung mit der Rolle staatlicher Entscheidungsträger (Premierminister, regionale und Parteieliten) wäre aus geschichtspolitischer Sicht dienlicher gewesen.
André Härtel (ANH)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: André Härtel, Rezension zu: Claudia Neubert: Nationsbildung in der Ukraine und die Figur Ivan Mazepas. Wien/Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/29143-nationsbildung-in-der-ukraine-und-die-figur-ivan-mazepas_34441, veröffentlicht am 12.08.2008. Buch-Nr.: 34441 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken