Skip to main content
Aurel Croissant / David Kühn

Militär und zivile Politik

München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2011 (Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft); XIII, 302 S.; 34,80 €; ISBN 978-3-486-58705-0
Der Stellenwert des Militärs bemisst sich heute am Erfolg seiner Einsätze in internationalen Missionen. Die Frage, wo die Armee im Staatsgefüge eines jeden Landes rangiert, gerät dabei in den Hintergrund. Aufgegriffen wird sie von Croissant und Kühn, verbunden mit der Feststellung, dass eine entschiedene Haltung der Politik gegenüber den Soldaten den Streitkräften nützt. In diesem Lehrbuch wollen die Autoren nun insbesondere Studierende über das Wechselverhältnis von Politik und Militär aufklären – über zivile (vor allem parlamentarische) Kontrolle, Haushaltsvorgaben und Sicherheitsziele einerseits, andererseits über Prägekräfte wie Stabschefs, die häufig politische Entscheidungen beeinflussen (der Erfolg von General Petraeus’ revidierter Strategie für den Irak und – abgeschwächt – für Afghanistan wird aber nicht erwähnt). Der Band liefert einen exzellenten Methodenüberblick, bei dem Paradigmen sozialwissenschaftlicher Ansätze zusammengeführt werden, die Stichworte lauten Kultur, Struktur und Handlung. Mit diesem Rüstzeug werden zivil-militärische Beziehungen in etablierten Demokratien am Beispiel von Deutschland, Japan und der USA dargestellt – und mit ebensolchen Beziehungen in Autokratien kontrastiert. China und Nordkorea gehören dabei praktisch zum Kanon, am Beispiel von Myanmar lernt man Neues. Als Faustregel herauszulesen ist: In der Demokratie dient das Militär der Politik, in Autokratien ist die Politik nicht selten Geisel. Die Analyse neuer Demokratien ist uneinheitlich ausgefallen. Im Kapitel zu Südeuropa fehlt ein Wort zur Türkei (deren Armee die Laizität verteidigt, aber demokratische Partizipation hemmt), nicht zuletzt weil Griechenland aus Angst vor ihr noch wirkliche Landesverteidigung betreibt. Erläutert wird aber, dass sich in Lateinamerika und Osteuropa nach der Demokratisierung politische Kontrolle und militärische Unterordnung erst etablieren müssen. Gestaltet das Militär die Demokratisierung mit, so die Analyse, bestehen oft Vorrechte fort – an diese Aussage kann die Systemwechselforschung anknüpfen. Die Autoren fragen insgesamt zu wenig nach einer Richtschnur militärischen Handelns – als Vergleichsmaßstab hätte sich das international geachtete Prinzip der Inneren Führung angeboten, das (in Kenntnis demokratischer Spielregeln) manche Kontrolle erübrigt.
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.21 | 2.68 | 2.64 | 2.65 | 2.61 | 2.31 | 2.324 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Aurel Croissant / David Kühn: Militär und zivile Politik München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/21659-militaer-und-zivile-politik_41065, veröffentlicht am 27.10.2011. Buch-Nr.: 41065 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken