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Michael Kiefer et al.: „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“. Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe

04.09.2017
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Autorenprofil
Michael Rohschürmann
Wiesbaden, Springer VS 2018

Der Sammelband stellt eine der ersten deutschsprachigen Untersuchungen zur Jugendradikalisierung in salafistischen Netzwerken dar, die auf empirischem Material basiert – in diesem Fall dem Protokoll eines WhatsApp-Chats. 5.757 Botschaften aus drei Monaten wurden ausgewertet. Sie gewähren Einblicke in Gruppendynamiken, in die Gedankenwelt und den tatsächlichen Radikalisierungsprozess einer zunehmend militanter werdenden Gruppe junger Salafisten. Das Protokoll wird von Forschern des Forschungsnetzwerkes „Radikalisierung und Prävention“ (FNPR) aus interdisziplinärer Perspektive analysiert. Das im Juni 2015 gegründete Netzwerk führt Forscher*innen des Instituts für Islamische Theologie (IIT) der Universität Osnabrück und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld zusammen.

Im ersten Kapitel erläutert Rauf Ceylan die Hintergründe der Entwicklung des politischen Islams und stellt die historischen Vordenker (allen voran Ibn Taimīya) sowie die wichtigsten Denker des modernen Islamismus wie Sayyid Qutb und Sayyid Abu Al-Ala Mawdudi vor. Dabei wird besonders betont, „dass weder Religion noch Fundamentalismus Überreste der Vormoderne, sondern Produkte der Moderne selbst“ (10) seien.

Die Untersuchung des Chat-Protokolls zeigt eine Bottom-up-Mobilisierung und Radikalisierung der Gruppe, die sich ohne Anknüpfungspunkt an einen bekannten Islamprediger und ohne direkte Kontakte zur Terrormiliz ISIS gegründet habe. Die Feststellung, dass vor allem junge Menschen aus einem dysfunktionalen familiären Umfeld anfällig für das Angebot vermeintlicher Sicherheit, die hermetische Glaubensvorstellungen bieten, seien, scheint indes zu kurz gegriffen. Für den vorliegenden Fall in dem entsprechenden Milieu ist sie wohl kaum zu hinterfragen, auf der Ebene der Vordenker der Bewegung zeigt die Geschichte des salafistischen Dschihadismus jedoch zumeist Menschen aus besserem Elternhaus mit formal hoher – wenngleich selten theologischer – Bildung.

Letzterer Befund trifft indes auch auf die untersuchte Gruppe zu. Aus islamwissenschaftlicher und theologischer Sicht bescheinigen Bacem Dziri und Michael Kiefer den Gruppenmitgliedern ein „instrumentelles und eklektizistisches Verhältnis zu den Traditionsbeständen der islamischen Religion“ (56). Die Mehrzahl beherrsche kein Arabisch, sei nicht in der Lage, den Koran zu lesen beziehungsweise zu verstehen und gehöre keiner Moscheegemeinde an. Ihre Vorstellungen gründeten weitestgehend in Versatzstücken salafistischer und dschihadistischer Werbung aus dem Internet, die als Gegenwart zur bisherigen Lebensrealität in einer Art „Lego-Baustein-Prinzip“ zusammengesetzt werde und die islamische Tradition und Theologie dabei ignoriere. Im Chat zählten dabei die radikalsten und wildesten Thesen zu den erfolgreichsten.

Die Schließung der Gruppengrenzen erfolge über Takfir-(=Verketzerung)Ketten: Diejenigen, die eine bestimmte Glaubensauffassung nicht teilen, seien damit automatisch Ungläubige und die, die diese nicht auch dazu erklären, zeigen damit ebenfalls ihren Unglauben. Aufgrund dieses in salafistischen Kreisen verbreiteten Modus sei die Gruppe immer kleiner geworden und habe sich zunehmend von der Außenwelt isoliert.

Der Band schließt erfreulich praxisrelevant mit politischen Empfehlungen für die Prävention. Dem an sich sehr guten Vorschlag, das Chatprotokoll im Unterricht zu besprechen, um so eine „präventive Entzauberung aktuell kursierender Instant-Heilsangebote“ zu erreichen, stehen leider datenschutzrechtliche Bestimmungen im Wege. Für die Praxis sind in besonderem Maße die Erkenntnisse relevant, dass der Umgang mit Religion und Glaubensinhalten durchaus „den Aspekt des Spielerisch-Kreativen“ beinhaltet. In der Präventionspraxis besteht die Herausforderung somit darin, nicht als „Spielverderber“ wahrgenommen zu werden. Ebenso ergibt sich für die Prävention das Problem, den Jugendlichen beim Ausstieg aus der Szene zu helfen und dabei „sowohl den Verlust des einmal akkumulierten Kapitals als auch das damit verbundene Schamgefühl aufzufangen“ (141). Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung liegt vor allem darin begründet, dass bei dieser Form der Radikalisierung nicht zwingend die Moscheegemeinden die richtigen Adressaten für Präventions- beziehungsweise De-Radikalisierungsmaßnahmen sind, da Bottom-up-Radikalisierung häufig rein virtuell und ohne Bindung an deren Institutionen oder Prediger abläuft. Entsprechend empfehlen die Autoren hier in erster Linie, auf Regelakteure wie die Schule und Jugendhilfe zu setzen.

 

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