Darrow Schecter

Kritische Theorie im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen übersetzt von Diana Göbel

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2016 (Studien zur Politischen Soziologie 28); 296 S.; brosch., 39,- €; ISBN 978-3-8487-1574-9
Ziel des Bandes ist es, sich an einer (weit angelegten) Rekonzeptualisierung der Kritischen Theorie zu versuchen, „um diese für eine Reihe soziologischer Realitäten zu öffnen, die seit 1968 zunehmend zum Gegenstand theoretischen Interesses geworden sind“ (12). Die englische Originalfassung des Buches (2013) dient dabei als Auftaktband der Reihe „Critical Theory and Contemporary Society“. In diesem Sinne bietet der Band weniger eine abgeschlossene Neuformulierung der Kritischen Theorie, sondern unternimmt vor allem eine umfassende Neubewertung vor dem Hintergrund konkreter gesellschaftlicher Probleme der Gegenwart mit dem Ziel, Fragen aufzuwerfen, mögliche Antwortrichtungen vorzuschlagen und somit den Rahmen für die Folgebände der Reihe abzustecken. Darrow Schecter gesteht der Kritischen Theorie in der Ausprägung der Frankfurter Schule nach wie vor ein großes Potenzial zu, Antworten auf drängende politische und gesellschaftliche Fragen der (Post‑)Moderne zu liefern, konstatiert jedoch gleichsam mit Bedauern eine „literaturwissenschaftliche Wende“ (13) der Kritischen Theorie, welche zentrale politökonomische Fragen an den Rand gedrängt habe. Eine Neuformulierung erachtet der Autor insbesondere deshalb als notwendig, als sich mittlerweile sowohl die Rolle des Marxismus in der Erkenntniskritik als auch die Rolle der Linken und Gewerkschaften im gesellschaftlichen Transformationsprozess nachhaltig verändert haben. Vor diesem Hintergrund steht die Grundsatzfrage im Raum: „[W]as bleibt ohne ein offensichtliches epistemologisches Fundament oder einen vorrangigen Akteur der Veränderung von der Erkenntniskritik und der Erforschung gesellschaftlichen Wandels übrig?“ (30) In fünf Abschnitten setzt sich Schecter detailliert mit der Geschichte der Kritischen Theorie (sowie ihrer Vorläufer und Interpretationen) und mit ihren zentralen Begrifflichkeiten auseinander. Im Zentrum stehen dabei Mechanismen der Vermittlung zwischen Mensch und Natur sowie deren Wandlungsprozesse seit den 1960er‑Jahren. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Entwicklungen, mit denen Kommunikations‑ und Vermittlungsprozesse von den Schlüsselinstitutionen der bürgerlichen Gesellschaft (wie Parteien, Gewerkschaften oder Universitäten) auf Einzelpersonen und soziale Systeme übergegangen sind, argumentiert Schecter für die Notwendigkeit, die Struktur der Vermittlungen zwischen Mensch und Natur ebenso wie die zentralen gesellschaftsstrukturierenden Institutionen neu zu organisieren.
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Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Darrow Schecter: Kritische Theorie im 21. Jahrhundert. Baden-Baden: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39981-kritische-theorie-im-21-jahrhundert_48340, veröffentlicht am 11.08.2016. Buch-Nr.: 48340 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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