Skip to main content
Joachim Gmehling

Kritik des Nationalsozialismus und des Sowjetkommunismus in der Zeitschrift "Der Monat"

Online-Publikation 2011 (http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2011/5240/pdf/Dissertation.pdf); 952 S.
Diss. Hamburg; Begutachtung: M. Th. Greven, O. Asbach. – Wer Primo Levis und Alexander Solschenizyns Lagerberichte gelesen hat, der weiß um die Austauschbarkeit der Unterwerfungs- und Vernichtungstechniken des Rechts- wie des Linkstotalitarismus. Gmehlings überaus materialreiche Studie geht am Beispiel der im Zuge des US-amerikanischen Reeducation-Programms etablierten Kulturzeitschrift „Der Monat“ der Frage nach, „welches Bild die Zeitschrift vom nationalsozialistischen und sowjetkommunistischen Herrschaftssystem“ zeichnete und „wie [...] der Vergleich zwischen der ‚braunen’ und der ‚roten’ Diktatur ausgefallen“ (14) ist. Dabei resultiert eine gewisse analytische Brisanz gerade aus der Tatsache, dass „Der Monat“ kein neutrales Diskussionsforum, sondern wegen seiner maßgeblichen Finanzierung durch die CIA ein „Kind des Kalten Krieges“ (9), mithin also parteiisch war. „Der Monat“, so Gmehlings Fazit, verstand sich selbst durch und durch als „antitotalitäre Zeitschrift“ (830), wodurch die Schwerpunktsetzung in Richtung der vom Autor vertretenen Fragestellung plausibel wird. Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus (hier insbesondere in der stalinistischen Phase) seien beide in Anlehnung an die Diagnose von Eric Voegelin als „Produkte des Säkularisierungsprozesses“ (831) angesehen worden. Dabei sei gerade das System der Konzentrationslager jener „Inbegriff“ (835) totalitärer Herrschaft, der den antidemokratischen Impetus dieser Herrschaftsform am deutlichsten sichtbar mache. Während die Feststellung solcher Ähnlichkeiten kaum überrascht, verwundert die quantitative Betrachtung dann doch: Während in 60 Beiträgen über das sogenannte Dritte Reich geschrieben wurde, fand eine Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus in über 250 Beiträgen statt. Ob daraus nun eine stärker antikommunistische Haltung der Zeitschrift – einhergehend mit einer schleichenden Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und einer geminderten Aufklärungsbereitschaft über den Nationalsozialismus – abzuleiten ist, wie Gmehling schlussfolgert, bliebe zu diskutieren. Vielleicht drückt sich in dieser Ungleichheit bloß die tagespolitische Aktualität in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion aus. Unabhängig von solchen Detailfragen ist die – zeitintensive – Lektüre der Arbeit für die Beschäftigung mit der größten politischen Geißel des 20. Jahrhunderts gerade wegen ihrer längeren ideengeschichtlichen Ausflüge – etwa zu Carl J. Friedrich, Jacob A. Talmon oder zu Richard Löwenthal – nur nachhaltig zu empfehlen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.313 | 2.333 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Joachim Gmehling: Kritik des Nationalsozialismus und des Sowjetkommunismus in der Zeitschrift "Der Monat" 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35451-kritik-des-nationalsozialismus-und-des-sowjetkommunismus-in-der-zeitschrift-der-monat_42733, veröffentlicht am 06.09.2012. Buch-Nr.: 42733 Rezension drucken