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Willi Baer / Carmen Bitsch / Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.)

Krawall. Die Jugendrevolte 1968 in der Schweiz

Hamburg: LAIKA Verlag 2010 (Bibliothek des Widerstands 4); 120 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-942281-73-7
Es sind die sehr persönlichen und kurzweilig zu lesenden Erfahrungsberichte in diesem weiteren Band der Reihe „Bibliothek des Widerstands“, die ein eindrückliches Bild vom Entstehen einer Jugendprotestkultur und einer „Neuen Linke[n]“ (24) in der Schweiz der 1960er-Jahre zeichnen. „In dieser latenten und ambivalenten Zeit solidarisierten sich irgendwie alle dem Bürgertum kritisch gegenüber eingestellten Strömungen, ob es nun Beat, Klassenkampf, Kunst, Poesie, Theater oder sonst ein Freiheitsstreben war. Zumindest in der kleinen Schweiz kam es zu allen möglichen und manchmal auch merkwürdigen Allianzen“ (27), schreibt der Publizist Wolfgang Bortlik. Er schildert, wie er als 16-Jähriger „als kleines Würstchen vom Land“ (28) ein Jimi Hendrix-Konzert in Zürich besucht und dabei Zeuge gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei wird, wie er sich in dieser Zeit politisch engagiert und den sogenannten Globus-Krawall erlebt. Das damals leerstehende Gebäude des Kaufhauses Globus wurde von der Zürcher Stadtjugend besetzt und als Jugendzentrum beansprucht. Die Aktion wurde mit einem Polizeieinsatz beendet, der selbst in der bürgerlichen Presse als brutal bezeichnet wurde. Auch Roland Gretler beschreibt seine persönlichen Erfahrungen mit dem „Erlernen des Demonstrierens“ (53), berichtet über die Ostermärsche und die Aktivitäten des Vietnam-Informationskomitees. Lesenswert ist zudem der Beitrag von Oliviero Pettenati, der sich mit den Schwierigkeiten der Interpretation der 68er-Bewegung auseinandersetzt. Diese sei ein Ereignis, das bei den meisten Zeitgenossen einen „Positionierungsreflex“ auslöse, ihre Definition sei offen und „immer noch ideologisch, da jede Definition darauf hinausläuft, das Phänomen innerhalb des eigenen Wertesystems zu erklären“ (72). Eine zentrale Ursache für die definitorische Unschärfe sieht er in den Wechselwirkungen zwischen Lokalem und Globalem. In seinen weiteren Ausführungen bezieht er sich auf den (dem Band auf DVD beigefügten) Film „Krawall“ von Jürg Hassler, der, so Pettenati, nicht nur ein wichtiges Zeitdokument ist, sondern „auch als eben einer dieser Versuche gelesen werden kann, das Phänomen 68 zu definieren.“ (75)
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.5 | 2.22 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Willi Baer / Carmen Bitsch / Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Krawall. Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14513-krawall_42003, veröffentlicht am 02.08.2012. Buch-Nr.: 42003 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken