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Jeffrey Mankoff: Empires of Eurasia. How Imperial Legacies Shape International Security

10.11.2022
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Autorenprofil
Prof. Dr. Rainer Lisowski
New Haven, Yale University Press 2022

Jeffrey Mankoff versucht hier anhand vergangener Auseinandersetzungen den außenpolitischen Status quo folgender Länder mit der jeweiligen imperialen Vergangenheit zu erklären: China, Russland, Türkei und Iran. Das Ergebnis des Buchs, wonach ihnen allen der Gedanke, über den eigenen Nationalstaat hinaus ‚besonders“ zu sein, weiter anhafte, hat Rainer Lisowski ausführlich rezensiert. Die sich hier ergebenen sicherheitspolitischen Herausforderungen reichten in ihrem Spektrum von regionalen Bedrohungen bis zur Absage an die Legitimität der westfälischen Staatenordnung. (tt)


Eine Rezension von Rainer Lisowski

Gunpowder Empires“ bezeichnet im Englischen vergangene Imperien, so wie das ottomanische, das persische und das indische Mogulreich. Obgleich diese in der frühen Neuzeit wirtschaftlich prosperierten, gerieten sie im Zuge der Fahrt aufnehmenden Industrialisierung der aufstrebenden europäischen Mächte ab dem 18. Jahrhundert unter Druck. Den eigenen imperialen Anspruch haben manche von ihnen aber niemals ganz aufgegeben. So zumindest lautet die These von Jeffrey Mankoff, die er in seinem Buch „Empires of Eurasia“ in Bezug auf Russland, China, die Türkei und den Iran untersucht. Alle vier, so meint Mankoff, haben bis heute Anpassungsschmerzen, weil der imperiale Gedanke auch im enger gewordenen Korsett des Nationalstaates nicht verschwunden ist.   

Mankoff, der in Yale seinen Ph.D. in Geschichte der Diplomatie abgeschlossen hat, Berater des US-Außenministeriums war und heute am Center for Strategic & International Studies (CSIS) forscht, nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand vornehmlich aus einer historischen Perspektive. Die Analyse vergangener Krisen und Konflikte stehen im Zentrum seines Buches. Detailliert und in der Regel chronologisch geordnet, im Schwerpunkt etwa ab dem 18. Jahrhundert verortet, werden vergangene Geschehnisse Region für Region dargestellt und ihre Relevanz für den Status quo des jeweiligen Landes herausgearbeitet. Bevor er auf jeweils vierzig bis fünfzig Seiten die vier Staaten diesbezüglich nacheinander untersucht, steckt er zunächst den Untersuchungsrahmen ab. Im Kern sind es stets drei Aspekte, die ihn interessieren und die er akribisch – manchmal zu kleinteilig – bei jedem der Länder beleuchtet:

  • Das Selbstverständnis des jeweiligen Landes: Alle vier haben ihren Status als Imperium verloren und wurden zurückgeworfen auf ein Kernland. Alle vier mussten eine Transformation zu einem Nationalstaat durchmachen. Mankoff will wissen, wie ihnen dies gelungen ist und ob der imperiale Anspruch – zum Beispiel eine kulturelle Attraktivität – bis heute fortbesteht.
  • Der Umgang mit ethnischen wie religiösen Minderheiten und Grenzregionen sowie Konflikte im Inneren: Alle vier zeichne aus, dass in ihren Grenzen zahlreiche Menschen leben, die nicht der nationalstaatlichen Mehrheitsgesellschaft angehörig sind, aber irgendwie in das neue nationalstaatliche Narrativ eingebunden werden mussten. Kurden etwa im Fall der Türkei und des Iran; Völker des Kaukasus und anderer Gebiete im Fall Russlands und die Uiguren etwa im Fall Chinas. Die Muster des Umgangs wechseln sich in allen Ländern ab und changierten zwischen Verlockung oder Zwang.
  • Das nahe und das ferne Ausland und Konflikte nach außen: Alle drei blickten auf ein „nahes“ Ausland, in der Regel angrenzende Länder, die sie früher stark beeinflusst oder gar beherrscht haben. In Zeiten des Ukraine-Kriegs reicht der Verweis auf den Krieg Russlands gegen das Nachbarland, um im Bilde zu sein, was damit gemeint ist und welche Spannungen bestehen können. Mankoff blickt aber auch auf die Geopolitik der vier, also auf ihr Verhältnis zum „fernen“ Ausland und damit auch auf ihre Positionierung gegenüber der wesentlich von den USA und ihrer Verbündeten geschaffenen Weltordnung.

 
Mit der Aufteilung in vier Länder und drei Kategorien ist das Raster des 270 Seiten umfassenden Buches bereits ausgiebig beschrieben. Werfen wir einen genaueren Blick auf Mankoffs Ergebnisse.

Russland (16-79): Von allen vier Ländern habe Russland die deutlichsten Ambitionen, den eigenen imperialen Anspruch auch gegen die Ordnungsbestrebungen des Westens durchzusetzen (42). Mankoff beleuchtet das gedankliche Konstrukt, welches zuweilen innerhalb der westlichen Medien als höchst einflussreich auf Wladimir Putin angesehen wird: Russkiy Mir (25 ff.): Die über die russische Sprache vermittelte Volkskultur, die Menschen, wie auch Länder und Regionen zusammenhalte, auch wenn diese Menschen nicht im russischen Kerngebiet, sondern vielleicht im Kaukasus geboren wurden. Ursprünglich entstand der Gedanke weniger durch Religion, ethnische oder nationale Zugehörigkeit, sondern durch Loyalität gegenüber der russischen Krone (26). Eine aktive Assimilation wurde zunächst nicht gesucht und sowohl das Zarenreich als auch später die Sowjetunion haben neben brutalster Unterdrückung auch Phasen gekannt, in denen sie mit (teil-)assimilierten Nationen versöhnlich umgingen. Als multiethnisches Imperium habe sich die UdSSR in der Nachfolge russischer Zaren gesehen (29). Erst seit Putins Herrschaft sei der imperiale Gedanke nach außen und beispielsweise die alte Dreiteilung in Großrussen (Russland), Weißrussen (Belarus) und Kleinrussen (Ukraine) wieder im Umlauf (31 ff.). Die Einwohnerinnen und Einwohner dieser Länder würden notfalls auch entgegen eigener Eliten als moskautreu angesehen (38). Russland selbst betrachte sich dabei als attraktiver und anziehender Magnet (39), weswegen Staat und Kirche mit erheblichen Mitteln versuchten, russische Gemeinschaften weltweit an sich zu binden (41). Allerdings, so meint der Autor, werde der zugegebenerweise bestehende Einfluss und das Gefühl einer Verbundenheit mit Moskau immer geringer, je mehr das Erbe der UdSSR und die russische Sprache in Vergessenheit gerieten (78). Mankoff geht neben Zentralasien insbesondere auf den Kaukasus ein, der auf der Schnittstelle der Einflusssphären Russlands, Irans und der Türkei liegt und wo gerade die Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan immer wieder Anlass für Russland und die Türkei geben, sich gegenseitig ins Gehege zu kommen (63 f.). Nach innen bleibe die Russische Föderation ein nicht zuletzt aus einer Binnenkolonialisation hervorgegangener multiethnischer Flickenteppich, der neben zahlreichen Oblasten (Verwaltungsbezirken) auch 21 „Republiken“ ethnischer Minderheiten kenne. Interessanterweise erkennt Mankoff in eben dieser ethnischen Vielfalt ein aktuelles Demokratisierungshindernis, da deren zentripetale Kräfte eine demokratische Regierung vermutlich sprengen würden (44 f.). Noch jede Regierung seit Ivan IV. habe mit solchen gegen das Zentrum gerichteten, regionalen Interessen zu kämpfen gehabt – und damit, das riesige Land mit nur eingeschränkten administrativen Kapazitäten zu verwalten (58).

Türkei: Gleich mit dem Blick auf die auf Seite 81 abgedruckte Karte wird deutlich, wie umfangreich das ottomanische Imperium einmal war und was als heutige Republik Türkei davon übriggeblieben ist. Welches Selbstverständnis füllt diese Türkei aus? Ist es der Islam oder die Identität der Turkvölker? Für die Außenpolitik könnte jedes davon eine unterschiedliche Konsequenz haben. Eine gemeinsame Religion strahle aus in Richtung arabischer Halbinsel oder Nordafrika; die ethnische Identität in die Richtung Zentralasiens. Mankoff meint, dass bereits unter Turgut Özal (1983-1993), insbesondere aber seit der AKP-Regierung, die Religion stärker als früher in der (Außen-)Politik betont würde (90, 98), während insbesondere in der Gründungsphase der Republik der türkische Nationalismus im Vordergrund gestanden habe (95). Mit der Gründung der Diyanet (der türkischen Religionsbehörde) hätten die Republikgründer sogar einen dezidiert nationalstaatlichen Islam im Sinn gehabt (97). Heute unterstütze die AKP islamische Bewegungen wie die Muslimbruderschaft oder die Hamas. Ähnlich wie Soner Cagaptay in „Erdogan’s Empire. Turkey and the Politics of the Middle East“ kommt Mankoff aber zu dem Ergebnis, dass der heterodoxe, vom Sufismus beeinflusste türkische Islam als Transmissionsriemen in die sunnitische oder schiitische Welt nicht gut funktioniere und die Erfolge für Erdoğan und Davutoğlu daher recht bescheiden ausfielen (105). Bei der Frage nach den inneren Konflikte mit ethnischen Minderheiten steht natürlich der Konflikt mit den Kurden an erster Stelle der Diskussion und Mankoff rekapituliert das heikle Thema, welches die Republik seit ihrer Gründung begleitet im Detail, ohne dabei andere Konflikte, etwa mit der armenischen Minderheit, aus den Augen zu verlieren. Doch es ist vor allem der Konflikt mit den Kurden, der bis heute die Innen- wie Außenpolitik Ankaras stark beschäftigt (Stichwort: Militäroperationen in Nordsyrien oder im Irak). Wo aber Russland zur Not militärisch drastisch eskaliere, setze die Türkei in der Regel stärker auf kulturelle Bindungskräfte: „In contrast to Russia’s focus on military domination and institutional integration or China’s emphasis on unequal economic relations, Turkey emphasizes a shared Ottoman heritage and the attraction of its own democratic Islamism as a model” (123). Ankara sehe sich vielmehr als „großer Bruder” (132) anderer Regionen denn als deren Herrscher. Und, wo russische und türkische Interessen miteinander in Konflikt gerieten, ist nach Mankoffs Meinung übrigens zu beobachten, dass Russland sich auffallend zurückhalte. Moskaus Interesse, die Türkei aus dem westlichen Lager herauszubrechen, übersteige dann die Interessen Russlands in der jeweiligen Konfliktregion.

Iran: Das Land sieht sich als uralte Kulturnation. Was beseelt seine Identität? Sicher die persische Sprache, die noch anderswo in Asien gesprochen wird, der Zoroastrismus und natürlich der schiitische Zweig des Islam (die Einflüsse der persischen Kultur, etwa in Hinblick auf deren klar erkennbare Ästhetik, nennt Mankoff erstaunlicherweise nicht) (153). Nach innen wirke der Iran auf Mankoff restriktiv gegenüber ethnoreligiösen Minderheiten. Und dies auch, so betont er, im Vergleich zu Russland und China (188). Sprache, Kultur und Religion des Landes wirken über seine Grenzen hinweg. Bekanntermaßen in den Süden des Irak, aber auch nach Afghanistan, Aserbaidschan und Tadschikistan. Angesichts begrenzter Ressourcen konzentriere sich Iranzamin (die Vorstellung eines „größeren Iran“) aber auf die Golfregion und den Nahen Osten (192); Teherans Interessen in Zentralasien seien dagegen viel begrenzter und defensiver (199). Mankoff diskutiert zunächst die Einflüsse der von eher kurzer Dauer bestimmten Pahlavi-Dynastie auf Iran und auf die umliegenden, von Iran beeinflussten Länder. Und er diskutiert, was die, eben jene Dynastie beseitigende, iranische Revolution von 1979 daraus gemacht hat. Früh scheint seine generelle Einschätzung durch: Unter den Mullahs betreibe Iran eine sektiererische Außenpolitik (155), die vor allem von der Religion geleitet werde. Der Rest imperialen Gebarens ähnele eher dem Russlands als dem der Türkei. Im Fokus stehe die Idee einer Einigung schiitischer Glaubensgemeinschaften über nationale Grenzen hinweg. Mit der Islamischen Republik als Leitstern (168). Stärker umgeben von traditionell unruhigen Regionen, priorisiere der Iran mehr die Sicherung seiner Grenzregionen denn eine Projektion seiner Macht (187). Ein nicht ganz überzeugendes Argument, mischte sich doch gerade der Iran unter Leitung des von den USA getöteten Generals Quasem Soleimani tief in die inneren Angelegenheiten seiner Nachbarstaaten ein. Und dies erkennbar nicht mit dem Ziel, dort für Ruhe und Stabilität zu sorgen. Im Gegenteil. Doch dieser oft am Terror orientierten Politik zum Trotz: Im Vergleich sind Irans Möglichkeiten eben deutlich begrenzter, vor allem „[g]iven the Islamic Republic’s sclerosis and vulnerablity“ (188). Somit bleiben es oft terroristische Nadelstiche.

China: Eigentlich will China nicht zu recht zu den anderen drei Ländern passen. Zum einen spielt China wirtschaftlich und kulturell in einer anderen Liga, sein Einfluss ist quasi in ganz Asien spürbar. Zum anderen überlappen sich die Einflusssphären der drei anderen Mächte recht stark; die Chinas und der anderen nicht wirklich. Vor allem aber schickt sich die Volksrepublik an, ein echtes – auch philosophisch untermauertes – Alternativsystem zur westlichen Weltordnung zu schaffen. Sein Engagement etwa in Afrika macht deutlich, dass es in stärkerem Maße geopolitisch in langen Zyklen denkt.  Chinas Identität ist tief gefestigt und reicht so weit wie bei vermutlich keinem anderen Land zurück. Es ist mehr eine Zivilisationsform als ein Nationalstaat. So blickt Mankoff auch weiter in die Vergangenheit zurück, um Chinas aus Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus geformten „kulturellen Komplex“ (213) zu verstehen. Interessant zu lesen sind Mankoffs Rezeptionen der verschiedenen sprachlichen Floskeln, mit denen chinesische Denker selbst versucht haben zu ergründen, ob Sprache, Kultur oder Nation „das Chinesische“ formen. Kein Wunder, dass diese Diskussionen vor allem in der Zeit der Republik nach dem Ende der Qing-Herrschaft zu verorten sind, als auch China sich irgendwie in einen Nationalstaat wandeln musste. Nach innen hin habe das für die meisten ethnischen Minderheiten bedeutet, sich in die chinesische Mehrheitskultur assimilieren zu müssen (223). Die kulturellen Brücken verbinden China bis heute mit über 40 Millionen Überseechinesen in Asien sowie in der ganzen Welt. Weswegen China früh ein Overseas Chinese Affairs Office (OCAO) geschaffen habe (228), das bis heute beispielsweise versuche, selbst im Ausland chinesische Studierende an die Volksrepublik gebunden zu halten. Die Diskussion des Umgangs mit ethnischen Minderheiten des ehemaligen Imperiums fokussiert stark auf Tibet einerseits und auf die Region Xinjiang andererseits. In beiden Fällen werden zwei Dinge kritisch thematisiert: Einerseits sei die Grenzziehung mehr oder minder willkürlich durch den Stärkeren – Beijing – erfolgt. Und in beiden Fällen versuche das Zentrum vor allem durch Peuplierung mit Han-Chinesen die Kultur der jeweiligen Regionen auszulöschen. Hier sollte man allerdings fairerweise mitberücksichtigen, dass im Grunde alle Grenzziehungen auf der modernen Welt künstlich und nicht selten willkürlich durch „den Stärkeren“ erfolgten. Und dass es auf den deutschen Fall übertragen etwa auch niemand verstehen würde, warum nicht Norddeutsche nach Bayern ziehen sollten, selbst, wenn die Bajuwaren dadurch eine kulturelle Überfremdung befürchteten. So ist das nun einmal in Nationalstaaten. Besonders interessant und intellektuell anregender ist das Tianxia-Kapitel (251-268). Denn hier entstehe ein philosophisches Grundgerüst für eine andere, nicht-westliche Grundordnung. Gezielt richte sich dieses gegen die westfälische Staatenordnung der Welt und kehre zurück zu alten chinesischen Ideen, eines moralisch überlegenen Zentrums (Beijing), das radial in die Welt ausstrahlt und die Welt um China herum einlädt, durch „voluntary submission“ (255) Teil der zivilisierten (chinesischen) Welt zu werden und in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis einzutreten. Alle chinesischen Versuche, neue Institutionen auf globaler Ebene zu schaffen – von der Shanghai Cooperation Organization (SCO) bis zur Belt-and-Road-Initiative werden entsprechend vor diesem Hintergrund von Mankoff gedeutet. Er erkennt hier in jedem Fall im Vergleich zu den anderen Staaten einen viel weitreichenderen Ansatz, den Westen auch intellektuell herauszufordern, zumal dieser Ansatz durch viel größere Ressourcen gespeist würde als bei Moskau, Ankara oder gar Teheran. Allerdings versickerten auch viele dieser Ressourcen in nutzlosen und unfruchtbaren Projekten (267 f.). China übt noch.  

Während der eigentliche Text wiederkehrend in gewisser Weise Verständnis für die Entwicklung der vier Länder ausdrückt oder ein solches zumindest nahelegt, scheint die Einleitung des Buches eher für diejenigen verfasst zu sein, die den Ambitionen der vier Länder sehr skeptisch gegenüberstehen. Von Revisionismus ist da die Rede und davon, die Nachbarn dominieren zu wollen und davon, dass alle vier nicht saturiert seien (5, 6, 8). Was aber haben die vier Länder aus Mankoffs Sicht am Ende seiner umfangreichen Diskussion gemeinsam? Weder die Begeisterung für ein bestimmtes Regierungssystem (viel zu unterschiedlich) oder eine politische Ideologie (hier gilt dasselbe). Vielmehr trage der gemeinsame Gedanke, „besondere“ Länder zu sein und eben keine kleinen Nationalstaaten. Daher suchten sie 1) enge Verbindungen zu Menschen in ihren Grenzregionen; 2) mischten sich in die Politik ihrer Nachbarländer ein; 3) veränderten die regionale Ordnung (im Falle Russlands und Chinas auch die globale) und 4) wirkten stark auf Menschen in ihren Grenzregionen und auf Minderheiten ein, teilweise mittels Unterdrückung (269). Und das aus einem Grund: Weil sie einst Imperien waren und das imperiale Denken bis heute wachgehalten hätten. Trotz Konkurrenz untereinander stützten sie sich durchaus gegenseitig, wenn es gegen die westliche Weltordnung zu Felde zu ziehen ginge (271) und wären in der Lage, gegenseitige Konflikte beizulegen. Und einen wichtigen Gedanken hält der Historiker Mankoff noch für uns bereit. Er ist überzeugt, dass zu kurz denkt, wer die imperialen Ansprüche von Ländern wie Russland oder China vor allem auf deren uns unliebsame Staatschefs zurückführen möchte. Alle vier untersuchten Länder haben eine sehr alte, tief wurzelnde imperiale Geschichte, die bis heute in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten dieser Länder weiterlebt. Kurzum: Auch als  demokratische politische Systeme würden Russland, China, Iran und die Türkei ihre imperialen Bestrebungen beibehalten und die Politik des Einmischens und gegebenenfalls Unterdrückens fortsetzen (273).

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