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Farid Hafez (Hrsg.)

Jahrbuch für Islamophobieforschung 2012

Wien: new academic press 2012; 224 S.; kart., 22,90 €; ISBN 978-3-99036-001-9
Eine gute Nachricht soll hier am Anfang stehen: In der Öffentlichkeit virulente islamophobe Bilder haben „erstaunlicherweise keinen wesentlichen Einfluss“ (152) auf das Selbstbild von jungen Muslim_innen. Eva‑Maria Herzog stützt diese Aussage auf eine soziologische Studie zum Selbst‑ und Fremdbild von Muslim_innen, für die in Österreich Schulaufsätze zu einer entsprechenden Fragestellung ausgewertet wurden. Dennoch lassen sich die Auswirkungen einer Islamophobie in Europa an Alltagserscheinungen ablesen, im Band wird etwa auf die Benachteiligung von Muslim_innen auf dem Arbeitsmarkt oder in der Arbeitswelt hingewiesen – so würden in französischen Supermärkten Mitarbeiter_innen mit einem Namen, der den Islam assoziieren lasse, einen französischen Namen erhalten, mit dem sie über die Lautsprecher ausgerufen würden. Insgesamt steht aber in den Beiträgen weniger der Alltag der Muslime in Europa im Mittelpunkt, sondern das Phänomen der Islamophobie in seinen theoretischen Bezügen sowie eingeordnet als aktuelle Form des Rassismus, die in weiten Teilen der europäischen Bevölkerungen, so der Eindruck bei der Lektüre, verbreitet zu sein scheint. Es fehlt allerdings ein Beitrag mit belastbaren Zahlen, mit denen das Phänomen konkret hätte eingeordnet werden können. So stehen vor allem Ausdeutungen wie die von Moshe Zuckermann im Vordergrund, der in der gegenwärtigen Islamophobie in Deutschland eine Fortsetzung des seit 1945 nicht mehr gesellschaftsfähigen Antisemitismus erkennt. Auch Jana Kübel sieht in ihrem Beitrag, in dem es um die Debatten um Moscheeneubauten in Wien und Köln geht, Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und Islamophobie und damit wiederkehrende Muster der Exklusion. Sakine Suba??‑Piltz postuliert von den Orientalismus‑Thesen Edward W. Saids aus die Strategien der weißen Nichtmuslim_innen, mit denen sie ihre Überlegenheit gegenüber Muslim_innen demonstrierten. Auch wenn ihrer Argumentation eine gewisse Stringenz nicht abzusprechen ist, bleibt man dennoch ratlos zurück, kritisiert die Autorin doch praktisch jede Beschäftigung mit dem Islam und den Muslim_innen. Wie der von ihr geforderte „oppositionelle[.] Diskurs“ (139) aussehen sollte, wird nicht deutlich. Spätestens an dieser Stelle wünscht man sich, trotz der spezifischen thematischen Ausrichtung des Jahrbuchs, einen Beitrag, in dem nicht das Trennende, sondern das Verbindende im Mittelpunkt steht. Die eingangs erwähnten muslimischen Schüler_innen jedenfalls „fühlen sich zugehörig und integriert. Sie möchten nicht von der Mehrheitsgesellschaft unterschieden werden, sie definieren sich selbst nicht als ‚anders‘“ (145).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.232.352.662.61 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Farid Hafez (Hrsg.): Jahrbuch für Islamophobieforschung 2012 Wien: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37073-jahrbuch-fuer-islamophobieforschung-2012_43656, veröffentlicht am 15.05.2014. Buch-Nr.: 43656 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken