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Oliver Eberl im Interview über „Naturzustand und Barbarei“: „Dekolonisierung der Politischen Theorie bedeutet, unser Bild vom Staat zu hinterfragen“

19.02.2023
3 Ergebnis(se)
Autorenprofil
David Kirchner, M.A.
Autorenprofil
Oliver Eberl, PD Dr. phil
Autorenprofil
Dipl.-Jur. Tanja Thomsen, M.A.
Hamburg, Hamburger Edition 2021

Im Interview spricht Oliver Eberl über sein Buch „Naturzustand und Barbarei“, das 2022 mit dem Preis „Das politikwissenschaftliche Buch“ ausgezeichnet wurde. Darin unterzieht er die Begriffe „Naturzustand“ und „Barbarei“ einer ideengeschichtlichen Untersuchung und weist ihre Verwobenheit mit dem Kolonialismus nach. So sei das Konzept des „Naturzustands“, das für die Begründung von Staatlichkeit maßgeblich sei, von dem kolonialen Begriff der „Barbarei“ kontaminiert. Vor diesem Hintergrund fordert Eberl eine „Dekolonialisierung der Politischen Theorie“. (dk)


Ein Interview mit Oliver Eberl


Die Fragen stellten David Kirchner und Tanja Thomsen


Herr Eberl, in Ihrem Buch unterziehen Sie die Begriffe „Barbarei“ und „Naturzustand“ einer gründlichen ideen- und begriffsgeschichtlichen Analyse. Wie würden Sie die Kernthese Ihres Buches zusammenfassen?


Die Kernthese lautet, dass das scheinbar rein abstrakte Konzept des Naturzustands bei Thomas Hobbes ursprünglich mit Blick auf die indigenen Gesellschaften Amerikas formuliert wurde und seine Begriffsinhalte kolonialen Wahrnehmungsmustern, nämlich dem Barbareidiskurs, entstammen. In die Staatsbegründung, die der Naturzustand liefern soll, sehe ich also einen kolonialen Blick auf außereuropäische, nichtstaatliche Gesellschaften eingeschrieben. Für die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts lautete das Argument kurz gefasst: Wir brauchen den Staat, damit wir nicht leben wie die amerikanischen "Wilden"[1]– nämlich im Naturzustand. Die Anschlussthese geht dann auf die Bedeutung ein, die der Begriff der Barbarei auch für die Staatskritik – insbesondere bei Immanuel Kant – hat. Auch Kant nutzt die negative Konnotation des Barbareibegriffs, wendet sie aber gegen den Staat und seine Gewaltpotenziale. Ich unterscheide daher zwischen Verwendungen von „Naturzustand“ und „Barbarei“ zur Staatsbegründung einerseits und zur Staatskritik andererseits. Beide Verwendungsweisen halte ich für problematisch, weil sie auf kolonialen Vorurteilen gegenüber nicht-staatlichen Gesellschaften beruhen.   

Was hat Sie veranlasst, diese Fragestellung zu entwickeln? Gab es einen Heureka-Moment oder eine Situation, die für Sie ein spezifischer Auslöser war? 


Anlass genauer hinzuschauen, war die Beobachtung, dass der Begriff der „Barbarei“ in der Theorie- und Begriffsgeschichte kontinuierlich eine Rolle spielt. Bei der Lektüre außenpolitischer Schriften des liberalen Demokratietheoretikers John Stuart Mill fand ich Beschreibungen von „barbarischen“ und „wilden“ Gesellschaften, die nicht kooperieren könnten, daher zu Frieden und Demokratie unfähig seien und die von außen regiert werden dürften. Eine Art Auslöser war dann der Moment, in dem ich Kants Beschreibung des Naturzustands als „gesetzlosen Zustand der Wilden“ und die Kennzeichnung des Krieges als „barbarisch“ nicht mehr nur als beiläufige Charakterisierung, sondern als theoretische Erläuterung begriff. Es bedeutet etwas, dass Kant „wild“ und „barbarisch“ benutzt! In seiner Systematik – und in der der Aufklärung – ist „barbarisch“ mit Gewalt und Krieg verbunden und „wild“ mit gesetzlos. Kant nutzte diese Begriffe nicht metaphorisch, sondern bezog sich implizit auf die Gesellschaften der vermeintlichen „Wilden“. Und seine Zeitgenossen und Vorgänger taten es genauso. Die negative Konnotation des Naturzustands, die Kant für Gesetzlosigkeit aktiviert, war zumindest suggestiv mit einem Zustand realer außereuropäischer Gesellschaften verbunden, auch wenn diese nur unter den Sammelbegriffen „wild“ und „barbarisch“ auftauchten.

Nimmt man nun die Schriften John Stuart Mills, die etwa fünfzig Jahre später in der Zeit des entwickelten Imperialismus Großbritanniens entstanden, dann wird deutlich, dass dieser Sprachgebrauch direkt in die imperiale Expansionspolitik einfloss, wenn er etwa die indische Gesellschaft als „barbarisch“ bezeichnete. Das waren also keine Metaphern, sondern Kategorien, mit denen außereuropäische Gesellschaften zum Zwecke der Beherrschung klassifiziert wurden. Für mich war es verstörend festzustellen, dass Kant, der den Kolonialismus verurteilte und sich unermüdlich um die Bändigung staatlicher Gewalt und die Ächtung des Krieges bemühte, semantisch in dieser Konstellation steht. Das musste ich mir erst einmal erklären. Der Schlüssel dafür war dann die Unterscheidung von staatsbegründender und staatskritischer Verwendung des Barbareibegriffs.

Sie schreiben, dass das Konzept des Naturzustands, das in den Gesellschaftsvertragstheorien für die Begründung von Staatlichkeit die entscheidende Rolle spielt, durch den kolonialen Begriff der „Barbarei“ kontaminiert und diesem gleichsam nachgebildet ist. Können Sie das näher erläutern? An welchen Denker*innen oder historischen Ereignissen lässt sich das festmachen?


Die Schlüsselposition nimmt für mich Hobbes ein, der sicherlich der bekannteste Naturzustandstheoretiker ist. Er beschreibt den Naturzustand nicht nur, wie häufig zitiert, als einen Zustand des Krieges aller gegen alle, in dem der Mensch dem Menschen ein Wolf ist – das ist nur die am stärksten zugespitzte Beschreibung. Er spricht vom Naturzustand auch als einem Zustand umfassenden Mangels, in dem es an allen Arten von Handwerk, Wissenschaften und Künsten fehlt. Diese Beschreibung korrespondiert mit seinen Beispielen, wo der Naturzustand noch zu finden sei, und da nennt er explizit Amerika. Dieses Zusammenwirken von Krieg und Mangel ist aber genau der Blick, der im Barbareidiskurs präformiert ist. Die Beschreibung der „Barbaren“ ist seit dem Aufkommen des Begriffs in der griechischen Antike geprägt von unterstellten Mängeln, besonders dem Fehlen von Vernunft und politischen Institutionen.

Für Aristoteles sind „Barbaren“ „Sklaven von Natur“ und das Fehlen von Vernunft und freiheitlichen politischen Institutionen bestimmt ihre gesellschaftliche Position als natürliche Sklaven der Griechen. Diese Sichtweise ist über den neoaristotelischen Diskurs zur Zeit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert reaktiviert worden und war lange Zeit prägend. Ich behaupte nicht, dass Hobbes diesen Begriff verwendet. Im Gegenteil, das weitgehende Fehlen des Begriffs „Barbarei“ in seinen Schriften scheint eher darauf hinzudeuten, dass er ihn mitsamt der aristotelischen politischen Philosophie überwinden will. Daher erfindet er den „Naturzustand“, stattet ihn aber mit den Merkmalen des Barbarischen aus: Gewalt, Armut, Unsozialität und schließlich das Fehlen jeglicher politischer Institutionen. Indem Hobbes den Naturzustand als Abwesenheit des Staates, insbesondere seines Gewaltmonopols, verwendete, konnte er auf das gesamte Referenzsystem des Barbareidiskurses zurückgreifen und es in den Dienst der Staatsbegründung stellen.

Sie sprachen die Wende zum „staatskritischen Barbareibegriff“ bei Kant bereits an. Ein sehr geläufiges Beispiel für eine solche kritische Verwendung ist der Topos vom „Rückfall in die Barbarei“, mit dem auch progressive Kräfte wie die Frankfurter Schule den Schrecken des Nationalsozialismus zu fassen versuchten. Warum ist auch dieser „kritische Barbareibegriff“ so problematisch?


Interessant ist, dass bei Hobbes der kritische Gebrauch bereits angelegt ist. Denn Hobbes erinnert seine Zeitgenossen ja daran, dass auch sie – durch Bürgerkrieg – in den staatslosen „Naturzustand“ zurückfallen können. Dies ist nur möglich, weil Hobbes von einer historischen Entwicklung vom staatslosen, barbarischen Zustand zum staatlichen Zustand Englands ausgeht. Dies ist wiederrum ein Hinweis darauf, dass der „Naturzustand“ keine Abstraktion ist, sondern ganz konkrete Bezüge zu Gesellschaften herstellt. Damit können auch Zustände oder Handlungen der eigenen Gesellschaft beschrieben werden. Von Kant wurde der Krieg als ein Verharren in einem „barbarischen“ Zustand oder als „barbarisches“ Verhalten beschrieben.

Zusammen mit der schon angesprochenen Charakterisierung anderer Völker im 19. Jahrhundert, vor allem Asiens und Amerikas, als „Barbaren“, erhielt der Vorwurf im Ersten Weltkrieg eine polemische und politische Bedeutung, als die Alliierten nach den deutschen Kriegsverbrechen in Belgien den Vorwurf der „Barbarei“ gegen die deutschen Truppen erhoben. Daraus entwickelte sich eine größere Debatte, die Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Philosoph*innen beschäftigte. Thomas Mann bemühte sich um eine kulturtheoretische Deutung der „Barbarei“ und als die Nazis auf den Straßen und in den frühen Konzentrationslagern Gewalt und Terror verbreiteten, war der Eindruck der „Barbarei“ allgegenwärtig. Als solche wurde sie etwa von Gottfried Benn verteidigt. Dies verdichtete sich schließlich in der Vorrede der „Dialaktik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zur Frage, warum die Menschheit erneut in „Barbarei“ versinke. Natürlich flossen hier noch weitere Gesichtspunkte ein. Dennoch hat sich der Begriff „Barbarei“ seither für Krieg, grausame Gewalt, Kriegsverbrechen und Völkermord oder andere erschreckende Taten fest etabliert.

Das Problem, das ich für diese Beschreibung sehe, ist ein doppeltes: Erstens erklärt sie nichts, sondern lenkt eher ab, indem sie auf allgemein geteilte Vorannahmen über „Barbarei“ rekurriert. Wer „Barbarei“ sagt, muss in den seltensten Fällen mit einer Diskussion darüber rechnen, was genau damit gemeint sei. Wichtiger aber ist zweitens, dass auch der kritische Begriff eine entlastende Funktion erfüllt: Es war das „Barbarische“ in uns, der unzivilisierte Rest, archaische Triebe oder primitive Aggressionen, die diese Taten möglich machten. Das wiederum erneuert nicht nur das alte Bild von den gewalttätigen, grausamen Unzivilisierten, sondern verschleiert auch, dass es sich um Verbrechen der Zivilisation handelt. Hier hat mich der Einwand des antikolonialen Schriftstellers Aimé Césaire sehr beeindruckt, der schlicht bezweifelt, ob man angesichts der Verbrechen des Kolonialismus und der Sklaverei überhaupt berechtigterweise von Zivilisation sprechen kann. Die Verbrechen des Holocaust seien deshalb kein „Rückfall in Barbarei“, weil die europäische Zivilisation selbst nie wirklich zivilisiert gewesen sei. Sie habe sich lediglich einer Selbsttäuschung hingegeben, die nur möglich sei, weil man die Verbrechen in den Kolonien ausgeblendet habe. Und diese Selbsttäuschung und die damit verbundenen Vorurteile bestätigen die Beschreibungen von Kriegsverbrechen und Völkermord als „Rückfall in die Barbarei“. Ich frage mich, ob die Rede vom „Rückfall“ noch Sinn ergibt, wenn man auch den Kolonialismus als Menschheitsverbrechen begreift. Ich denke, dass dann eher ein Zusammenhang als ein plötzlicher Rückfall erkennbar wird.

Sie schreiben, dass Ihr Ziel die „Selbstaufklärung politischer Theorie hinsichtlich der kolonialen Kontaminierung wesentlicher Begrifflichkeiten und Figuren der Staatsbegründung und der Staatskritik“ sei. Was hat es mit diesem Anspruch auf sich und welche Konsequenzen hat dies für die Konzepte Naturzustand und Staatlichkeit?


Mit Selbstaufklärung meine ich, dass eine kritische Betrachtung der eigenen eingewöhnten Überzeugungen und Gewissheiten notwendig ist. Ich meine damit aber zugleich, dass eine begrifflich-theoretische Selbstaufklärung möglich ist. Für die Politische Theorie will ich damit sagen, dass sie sich kritisch mit ihrer etablierten Vorstellung von Naturzustand und Staatsbegründung auseinandersetzen sollte. Es gibt ja noch mehr zu entdecken, als in meinem Buch steht. Ich habe den Blick auf außereuropäische Völker untersucht. Man könnte auch fragen, ob der negative Naturbegriff, der dem Konzept des Naturzustands zugrunde liegt, nicht auch negative Konsequenzen für unser Verständnis von Natur hatte. Und natürlich bin ich der Meinung, dass Staatlichkeit in der Politikwissenschaft vielfach eine gesetzte Größe ist, die es kritisch zu betrachten gilt und die verhindert, nicht-staatliche Politikformen wahrzunehmen.

Zum Thema der kritischen Betrachtung von Staatlichkeit stellen Sie in Ihrem Buch fest: „Damit ist der Staat aber jene Institution, die von Beginn an als Gewalt besteht und stets droht, diese zu missbrauchen. Daher geht es einer Politischen Theorie jenseits von Naturzustand" und „Barbarei“ nicht allein um eine begriffliche Abstinenz". Sie fordern also nicht nur, bestimmte Begriffe wie „Barbarei“ nicht mehr zu verwenden, sondern eine grundsätzliche Staats(begründungs)kritik. Folgt aus der Forderung nach einer Dekolonisierung der Politischen Theorie, dass nicht nur die Theorie, sondern auch der real existierende Staat dekolonialisiert werden muss und wie könnte dies institutionell aussehen?


Richtig, ich ziehe aus der Beobachtung, dass die Staatsbegründung der Politischen Theorie aus einer kolonialen Wahrnehmung hervorging, den Schluss, dass die Dekolonisierung der Politischen Theorie auch bedeutet, unser Bild vom Staat zu hinterfragen. Insofern schließe ich an die Kritik von Kant an und meine, dass wir den Staat selbst auch als Ursache von Gewalt begreifen müssen. Kant hat dies vor allem für die zwischenstaatliche Sphäre festgestellt und damit, wie wir wissen, nicht Unrecht gehabt. Problematisch ist, dass er diese Beschreibung an den Barbareidiskurs angelehnt hat. Ich meine also, dass Politische Theorie weniger auf Staatsbegründung, sondern mehr auf Staatskritik abstellen sollte. Auch die von Kant vertretene Idee der Volkssouveränität, zielt auf die Begrenzung staatlicher Gewalt durch Demokratie. Die Dekolonisierung der Politischen Theorie im Kontext des Staates bedeutet für mich also, die Staatsbegründung über den Naturzustand als eine von kolonialen Wahrnehmungsmustern geprägte Konzeption aufzugeben und stattdessen den Staat in seiner Funktion als Gewaltinhaber kritisch zu betrachten und zu fragen, wie er weiter zu demokratisieren wäre.

Aktuell forschen Sie im Projekt „Der Blick nach unten: Soziale Konflikte in der Ideengeschichte der Demokratie“ darüber, wie die Demokratie als ein – zugespitzt formuliert – elitäres Abwehrprojekt stets mit dem gezielten Ausschluss bestimmter sozialer Forderungen und Gruppen einherging. Wenn Sie die Erkenntnisse aus „Naturzustand und Barbarei“ und diesem Forschungsprojekt zusammennehmen, würden Sie sagen, dass die staatlich organisierte, liberale Demokratie schwerwiegende „Geburtsfehler“ hat?


In diesem Projekt, das ich mit meinen Darmstädter Kollegen Dirk Jörke und David Salomon durchführe, geht es darum, wie in der liberalen Demokratietheorie des 19. Jahrhunderts soziale Forderungen verhandelt wurden. Wir unterscheiden zwischen Abwehr, Institutionalisierung und Umarmung. Ich beschäftige mich mit dem Strang der Abwehr und natürlich finden sich da reichlich Anknüpfungspunkte zu meinem Barbarei-Buch. Unsere Forschung zeigt, wie die liberalen Demokratietheoretiker Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill den kolonialen Sprachgebrauch der „Barbarei“ für die Beschreibung bestimmter sozialer Gruppen in Demokratien übernehmen. Die verarmten Unterschichten in den Städten vergleicht Tocqueville direkt mit den vertriebenen Indigenen in Nordamerika und verurteilt ihre „Barbarei“ – während die einen im Rückstand sind, gilt für die anderen der Rückfall. Mit „Barbaren“ ist aber weder hier noch dort Demokratie zu machen. Diese Abwertungsstruktur ist das bleibende Erbe dieses Diskurses und wird in Konflikten regelmäßig wiederbelebt. Der „Geburtsfehler“ ist also auch in der Demokratietheorie die Übernahme kolonialer Abwertungstopoi. Erste Ergebnisse präsentieren wir auf unserem Blog demokratiekonflikte.de.

Bislang haben wir den „kritischen Barbareibegriff“ problematisiert. Sehen Sie Bezüge zu einer Verwendung des Barbareibegriffs im (Rechts-)Staatsverständnis, wo im politisch-sozialen Wortschatz in der Debatte zu den Silvesterausschreitungen in Berlin 2022/23, unter anderem von „Explosion öffentlich gemachter Barbarismen“ oder von einem Rückzug des Rechtsstaats vor diesem „barbarischen Chaos auf diesen Straßen“ die Rede ist?


In vielen politischen Kontexten wird von „Barberei“ gesprochen. Die Ausschreitungen in Berlin sind ein Beispiel von vielen, auch bezogen auf den Terrorismus oder für Kriegsverbrechen finden sich häufig solche Beschreibungen. Einerseits drückt sich darin moralische Empörung und Entsetzen aus. Andererseits ist damit eine Abwertung der Täter*innen und eine Selbstberuhigung verbunden: Die „Barbaren“ sind immer die Anderen. Diese Sprechweise halte ich in allen Fällen für problematisch, weil es die Rechtsstaatlichkeit selbst in Frage stellt.


[1]Anmerkung aus der Redaktion: Die von Oliver Eberl genutzten Anführungszeichen sollen verdeutlichen, dass die Begriffe „Naturzustand“ und „Barbarei“ nicht neutral sind und hier lediglich kritisch-distanziert verwendet werden.


 

Oliver Eberl, PD Dr. phil., ist Privatdozent an der Technischen Universität Darmstadt und dort Ko-Leiter des Projekts "Der Blick nach unten. Soziale Konflikte in der Ideengeschichte der Demokratie".

Insbesondere im Bereich von Repräsentation und Parlamentarismus zeigt sich, dass Debatten um repräsentative Fragen und die Funktionalität von politischen Strukturen in freien Gesellschaften nie beendet sind. Demokratie ist kein Schlagwort, die Diskussion über ihr Funktionieren und ihre Weiterentwicklung ist essenzieller Teil dieser Herrschaftsform.

Dieses Interview mit dem pw-portal entstand im Rahmen des Jubiläumszeitraums der Stiftung Wissenschaft und Demokratie. Die Stiftung ist seit 30 Jahren tätig und verfolgt mit ihren Einrichtungen und Förderprojekten das Ziel, insbesondere die Politikwissenschaft bei der Lösung praktischer und normativer Probleme der Demokratie zu unterstützen.               

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