Eberhard Schütt-Wetschky

Interessenverbände und Staat

Darmstadt: Primus Verlag 1997; XII, 160 S.; 29,80 DM; ISBN 3-89678-309-2
Der Hamburger Politikwissenschaftler will in seinem kurzen und konzisen Einführungsbuch einen Beitrag zur "Verbändedebatte in verfassungspolitischer Perspektive" (X) leisten. Dies ist deshalb erforderlich, weil die Debatte gerade in Deutschland stark von Mißverständnissen geprägt wurde. Die Kritik an Verbänden und ihrem Egoismus konzentrierte sich auf ihre vermeintlich übergroße Macht sowie auf ihre mangelnde Gemeinwohlorientierung. Schütt-Wetschky analysiert zunächst die verschiedenen Fassungen des Gemeinwohlbegriffes und die Richtungen der Pluralismusdebatte in der Bundesrepublik. Hieraus kristallisiert sich folgende Grundfrage: "Wie können Einwirkungen von Verbänden auf den Staat [...] so kontrolliert werden, daß einseitige Interessendurchsetzung verhindert wird?" (52). Dieser Ansatz führt im dritten Teil zu einer grundlegenden Alternative zwischen normativem und Interessenansatz (70). Schütt-Wetschky zeigt überzeugend, daß es sich hierbei nicht um ein Spezifikum der Verbändetheorie handelt, sondern daß diese Dichotomie (Max Weber folgend) auch generell für die Erkenntnis des modernen Staates als Massendemokratie grundlegend ist. Das Scheitern des gemeinwohlorientierten Normativismus an der Verbändeproblematik läßt den Autor den "homo interesticus" (79) als Lösung entwickeln, in Anlehnung an und in kritischer Auseinandersetzung mit dem "homo oeconomicus" der ökonomischen Theorie der Politik. Dies ist kein Plädoyer für ungehemmten Egoismus, sondern verweist auf ein grundsätzlich anders gelagertes Problem: "Der zentrale Gegensatz besteht nicht zwischen Gemeinwohl und Egoismus, sondern zwischen relativer und absoluter Interessenverfolgung." (77) Dieser Interessenansatz unterscheidet sich vom älteren Pluralismus, da er keine natürliche Harmonie voraussetzt, wohl aber ein normativ orientiertes Regelwerk, innerhalb dessen "homo interesticus" sich ausleben kann - wenn man Schütt-Wetschkys Ideen charakterisieren will, in einer Art von konstitutionellem Pluralismus. Der Band schließt mit Überlegungen zu Auswirkungen, die der Interessenansatz auf andere Bereiche haben kann, etwa auf die Vorzüge eines mehrheitsfördernden Wahlrechts (94). Für die Kürze des Buches bietet es eine Fülle anregender Gedanken, die durch die Grunddichotomie strukturell zusammengehalten werden. Gewünscht hätte man sich als Leser allenfalls noch, daß die durchweg substantiellen Anmerkungen als Fußnoten statt als Endnoten gedruckt worden wären. Inhaltsübersicht: 1. Grundlagen: a) Begriffe; b) Die Idee des Gemeinwohls. 2. Verbände und Pluralismus: a) Vorbemerkungen; b) Prinzipielle ("etatistische") Kritik am Verbändepluralismus: Werner Weber; c) Appell zur Gemeinwohlorientierung: Ernst Fraenkel; d) Due-Process-Pluralismus: Hans Herbert von Arnim; e) Vom Pluralismus zum Korporatismus?. 3. Verbände, Staat, Gemeinwohl: Die grundsätzliche verfassungspolitische Alternative: a) Auf der Ebene der Verbände: Transparenz- oder Öffentlichkeitsstrategie?; b) Auf der Ebene des Parlamentarismus: Klassisch-liberales Modell oder Gruppenmodell?; c) Die zugrundeliegende Alternative: Normativer Ansatz oder Interessenansatz?; d) Interessenansatz statt normativem Ansatz: Verfassungspolitische und staatstheoretische Folgerungen.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.22 | 2.21 | 2.23 | 2.331 | 2.32 | 5.4 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Eberhard Schütt-Wetschky: Interessenverbände und Staat Darmstadt: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/3050-interessenverbaende-und-staat_3985, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 3985 Rezension drucken

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