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Ian Kershaw

Hitlers Freunde in England. Lord Londonderry und der Weg in den Krieg. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2005; 527 S.; geb., 39,90 €; ISBN 3-421-05805-9
Auf dem Kaminsims im Arbeitszimmer des einstigen britischen Luftfahrtministers Lord Londonderry entdeckte der britische Historiker Kershaw einen behelmten SS-Mann aus Porzellan, der eine NS-Fahne trägt. Aus der Geschichte, wie Londonderry zu dieser Figur kam und welche Folgen das Geschenk und seine Umstände hatten, ist eine Analyse geworden, die sich wie ein Sittenroman liest. Thematisiert werden die Sympathien einiger britischer Adliger für das NS-Regime, ihr Traum, über Kontakte zu Hitler einen Krieg zu verhindern und damit die eigene Bedeutung zu erhöhen sowie der Bedeutungsverlust der Oberschicht nach dem Krieg. Im Mittelpunkt steht Lord Londonderry, ein Cousin Churchills, der sehr von sich eingenommen war und an die Privilegien seines Standes glaubte. Aber schon während seiner Zeit als Minister (1931 bis 1935) änderten sich die Zeiten, er stolperte über Bemerkungen zum Einsatz von Luftbombardements in den Kolonien. Nach seiner Ablösung, die er als ungerechte Schmach empfand, wurde er Lordsiegelwahrer, musste aber bald seinen Abschied aus der aktiven Politik nehmen. Kurz darauf begann er, Kontakte nach Deutschland zu knüpfen. Seiner Ansicht nach waren u. a. dessen Gebietsansprüche an die Tschechoslowakei verständlich, nur das britische Außenministerium sei verständnislos und taktiere falsch. Tatsächlich hatte es das NS-Regime frühzeitig richtig eingeschätzt, so Kershaw. Londonderry aber meinte, in privater Diplomatie einen Krieg verhindern zu können. Eine Zeit lang dachte man in Berlin, er besitze Einfluss, Londonderry wurde von Göring zur Jagd eingeladen und bekam von Ribbentrop die Porzellanfigur geschenkt. Mit dem Münchner Abkommen meinte er die britische Regierung auf seine Linie einschwenken zu sehen. Tatsächlich aber hatte er das NS-Regime nur beschönigend wahrnehmen wollen. Mit dem Einmarsch in die Rest-Tschechoslowakei zerplatzte sein Traum und – als Freund der Nazis - seine gesellschaftliche Stellung. Sein Haus in London wurde später von deutschen Bomben getroffen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.1 | 4.22 | 2.61 | 2.312 | 2.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ian Kershaw: Hitlers Freunde in England. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/24371-hitlers-freunde-in-england_28107, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28107 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken