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Ingo Haar

Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der "Volkstumskampf" im Osten

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 143); 433 S.; kart., 39,88 €; ISBN 3-525-35942-X
Historiker, die sich dem "Volkstumskampf" verschrieben haben, eine pseudowissenschaftliche Revision des Versailler Vertrages verfolgen, indem sie die "Ostfrage" mit "Kulturbodenforschung" lösen: Sie begannen unmittelbar nach dem Zusammenbruch 1918 mit ihrer Arbeit, organisierten sich Mitte der Zwanzigerjahre, z. B. in der Leipziger Stiftung für Volks- und Kulturbodenforschung, und fanden in den Nationalsozialisten die Partner, um ihre revisionistische Politik durchsetzen zu können. Haar stellt u. a. die für so manchen Historiker, der sich nach 1945 an nichts mehr erinnern konnte, brisante Frage: Welche Verbindung gab es zwischen den Vertretern einer völkischen Geschichtswissenschaft und der "Endlösung der Judenfrage"? Tatsache ist, dass sich insbesondere jüngere Historiker rührig zeigten, die schon 1933 auf einem Historikertag des "Bundes Deutscher Osten" von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer eine "Zone germanischer [...] Kulturausstrahlung" (367) entdeckten. Die Forschungsarbeit der Ost-Historiker blieb nach 1939 nicht nur akademisch. Wenn auch ihre Expertisen nicht grundsätzlich als Entscheidungsgrundlage der nationalsozialistischen Siedlungs- und Bevölkerungspolitik gelten können, so zeigt Haar doch, wie eng verflochten diese Art der Geschichtswissenschaft mit dem deutschen Unterdrückungs- und Vernichtungsregime war, denn schließlich lieferte auch sie Informationen für die "ethnische Neuordnung" Osteuropas. Inhaltsübersicht: I. "Volkstumsforschung" in der Weimarer Republik: Der Aufstieg der Volks- und Kulturbodenforschung (1923-1930); II. "Revisionistische" Historiker und Jugendbewegung: Hans Rothfels und seine Schüler; III. Albert Brackmann und die Gleichschaltung der deutschen Geschichtswissenschaft: Das System der "Ostmarkenforschung"; IV. Die "norddeutsche Forschungsgemeinschaft": Die Implementierung einer Großforschungseinrichtung; V. Die Norddeutsche Forschungsgemeinschaft als Großforschungsverband: Die Hinwendung zur Bevölkerungspolitik; VI. Geschichtswissenschaft und NS-Volkstumspolitik: Die Bildung einer Disziplin; VII. "Ostforschung" und "Lebensraum": Von der "Volksgruppenpolitik" zur "Endlösung der Judenfrage".
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Göttingen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/13218-historiker-im-nationalsozialismus_15838, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15838 Rezension drucken