Thomas Kielinger

Großbritannien

München: C. H. Beck 2009 (Die Deutschen und ihre Nachbarn); 270 S.; geb., 18,- €; ISBN 978-3-406-57849-6
Als Harold Macmillan einem skeptischen Konrad Adenauer riet, auf den 1958 mit der Regierungsbildung beauftragten und späteren Präsidenten der Französischen Republik Charles de Gaulles zuzugehen, ahnte er noch nicht, dass sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland derart positiv entwickeln würden, dass sie bald zu einem Problem für das Vereinigte Königreich werden könnten. Über Jahrhunderte war das Land um Ausgleich und das europäische Mächtegleichgewicht bemüht. Nun entstand ausgerechnet zwischen Paris und Bonn ein neues Gravitationsfeld, das den Briten vor Augen führte, dass die seit jeher zum Repertoire der britischen Politik gehörende Balance zwischen Einmischung und Abschottung in eine Schieflage zu geraten drohte. Die spezifische Außenpolitik des Landes gehört zu den Charakteristika Großbritanniens, die Kielinger in 15 Kapiteln vorstellt. Dazu zählen außerdem u. a. eine Gesellschaft, als deren größte Veränderung die Multikulturalisierung der vergangenen Jahrzehnte erscheint, das englische Recht und dessen Entstehung, die englisch-französische Erbfeindschaft und das gute Verhältnis zwischen Briten und Preußen bzw. Deutschen. Den weitaus größten Raum nimmt ein Abriss der Landesgeschichte ein, der über die Herrschaft der Sachsen und der Normannen, über die Entstehung und den Niedergang des Weltreiches hin zur Integration in die europäischen Strukturen führt und mit einem Porträt von Elisabeth II. endet. Aufgrund des Reichtums der Geschichte und der Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge bleibt es nicht aus, dass viele Themen gar nicht oder nur oberflächlich besprochen werden, wodurch ein Verzeichnis mit weiterführender Literatur – das hier äußerst knapp ausfällt – wünschenswert gewesen wäre. Als Einstieg in die Thematik empfiehlt sich das Buch aber allemal, auch da der Leser erfährt, warum das Land trotz häufiger Rückschläge und Notsituationen es in der Geschichte immer wieder geschafft hat, bei aller notwendigen Anpassung seine Ideale zu verteidigen und eine Rolle zu spielen, die auf seine Nachbarn häufig als Vorbild wirkte.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.61 | 2.21 | 4.2 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Thomas Kielinger: Großbritannien München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31343-grossbritannien_37302, veröffentlicht am 08.12.2009. Buch-Nr.: 37302 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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