Thomas Mergel

Großbritannien seit 1945

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005 (Europäische Zeitgeschichte 1. Uni-Taschenbücher 2656 [ISBN: 3-8252-2656-5]); 229 S.; kart., 16,90 €; ISBN 3-525-03750-3
Die politische Stabilität Großbritanniens suche in Europa ihresgleichen, schreibt Mergel. Das Wahlrecht sei in seinen Grundzügen seit der frühen Neuzeit unverändert, eine klassenkämpferische Revolution ausgeblieben. Aber seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verändere sich das Land gravierend. Markiert das Jahr 1945 den Beginn einer langen Welle des Abstiegs oder findet ein langer, krisenhafter Umbau einer Weltreichsgesellschaft statt, mit dem Ergebnis eines „gewissermaßen normalen Nationalstaat[es]“ (10)? Der Autor analysiert diesen Wandlungsprozess, der in vielerlei Hinsicht von der kontinentaleuropäischen Entwicklung abweicht, im Spannungsbogen dieser Konzepte von „consensus“ und „decline“. Erklärt werden die Funktionsweise von Staat, Politik und Parteien, der wirtschaftliche Abstieg und der Aufbau des Wohlfahrtsstaates, der Abschied vom Empire und die Außenpolitik, soziale Strukturen, Lebensstile, das Zusammenwirken von Medien und Monarchie, Regionalismus und Thatcherismus. Die britische Gesellschaft, „deren historisches Gedächtnis nach dem Muster der Stabilität organisiert ist“ (16), erweist sich dabei – vielleicht gerade weil es keine geschriebene Verfassung gibt – als wandlungsfähig. So wurde beispielsweise das Oberhaus von einer Vertretung des eher gelangweilten Adels zu einem anerkannten Expertengremium. Und wichtige gesellschaftliche Veränderungen wurden nicht von einer Klasse angestoßen, sondern in den Sechzigerjahren von einer Generation - Mergel schreibt über politische Institutionen ebenso kurzweilig wie über die Gitarrenakkorde der Beatles. Ohne ins Klischee zu verfallen, illustrieren Details wie jenes vom Tod Stalins 1953, den die „Times“ nicht wie sonst in aller Welt als Aufmacher auf Seite 1, sondern unter den Nachrichten aus dem östlichen Ausland auf Seite 9 meldete, die Lebens- und Politikauffassung der Briten. Den zentralen Stellenwert ihrer Selbstbeschreibung, so der Autor dieser gelungenen Einführung, nehme nach wie vor die Monarchie als „symbolische[...] Inkarnation Großbritanniens“ (155) ein.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.614.222.212.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Mergel: Großbritannien seit 1945 Göttingen: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/23541-grossbritannien-seit-1945_27028, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 27028 Rezension drucken

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