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John Urry

Grenzenloser Profit. Wirtschaft in der Grauzone. Aus dem Englischen von Hans Freundl

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2015; 224 S.; 17,90 €; ISBN 978-3-8031-3655-8
Zu den Forschungsschwerpunkten des englischen Soziologen John Urry, Direktor des Zentrums für Mobilitätsforschung der Lancaster University, gehören die Folgen des ökonomisch bedingten sozialen Wandels im globalen Maßstab. Ihn interessieren dabei vor allem Ursachen und Muster der sich im Zuge einer kapitalistisch geprägten Globalisierung abzeichnenden neuen mobilen Weltordnung. Die Entstehung dieser „Borderless World“ (Kenichi Ohmae) sei seit den 1990er‑Jahren durch eine Reihe systemischer Veränderungen – Zusammenbruch des Kommunismus sowjetischer Spielart, Einführung des Internets, weltweite mediale Kommunikationen, Umstellung der Finanzmärkte auf den Echtzeithandel – ermöglicht worden, erläutert Urry. In diesen Prozessen nähmen Praktiken des Offshorings – also der zunehmenden Verlagerung wirtschaftlicher Aktivitäten in die derzeit bestehenden rund 70 Steueroasen – eine zentrale Rolle ein. Urry setzt sich in seiner Studie primär mit dieser „dunkle[n] Seite der Mobilität und der Globalisierung“ (7) auseinander und beschreibt informativ und mit vielen Details versehen deren Auswirkungen auf Arbeitsbeziehungen, Finanzwesen, Unterhaltungs‑ und Vergnügungsindustrie, Energieversorgung, Abfallwirtschaft und Sicherheitspolitik. Für diese Tendenzen sei das Offshoring aus drei Gründen paradigmatisch: die Aktivitäten der Steuervermeidung und Steuerhinterziehung erfolgten typischerweise verdeckt und jenseits von Rechtsnormen, sie führten unter Ausnutzung postnationaler Systeme und moderner Mobilität zur Ent‑Lokalisierung von Produktion und Konsum und sie seien als Element einer Strategie des Klassenkampfes der Reichen zu verstehen, die sich dabei zu einer internationalen „Klasse für sich“ hätten entwickeln können. Für Urry steht außer Frage, dass das Offshoring zu einer substanziellen Bedrohung demokratischer Politik auf nationaler wie postnationaler Ebene geworden ist. Eine Gegenbewegung – so sein vorsichtiger Ausblick – müsste sich, ausgehend von den Nationalstaaten, durch entschiedene Besteuerung von Finanztransaktionen und Re‑Lokalisierung der materiellen Produktion am Leitbild einer „kohlenstoffarmen Zivilgesellschaft“ (195) ausrichten.
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Rubrizierung: 4.43 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: John Urry: Grenzenloser Profit. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38875-grenzenloser-profit_47196, veröffentlicht am 17.09.2015. Buch-Nr.: 47196 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken