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Gisela Riescher, Astrid Hähnlein: Hannah Arendt: Im Gespräch die Welt verstehen

06.04.2023
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Autorenprofil
Matthias Herb-Seifert
Stuttgart, Kohlhammer Verlag 2022

Auf nur 120 Seiten gelingt dem Band eine „umfassende Kontextualisierung der wichtigsten Werke und Fragestellungen Hannah Arendts“, lobt Matthias Herb-Seifert. Die Autorinnen gehen von der Bedeutung des Gesprächs für die politische Philosophie Arendts aus und entwickeln das Buch als eine Sammlung fiktiver Dialoge zwischen Arendt und bedeutenden Autor*innen, die ihr Denken maßgeblich prägten. Die Gesprächspartner*innen reichen von Sokrates über Rosa Luxemburg bis hin zu Karl Jaspers und erlauben den Leser*innen, das reichhaltige Werk Arendts diskursiv nachzuvollziehen. (dk)


Eine Rezension von Matthias Herb-Seifert

Gisela Riescher und Astrid Hähnlein legen mit „Hannah Arendt: Im Gespräch die Welt verstehen“ einen schmalen Band vor, der sich weniger an ein spezialisiertes als vielmehr an ein breites Publikum richtet. Der inhaltliche Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Arendts Denken und Wirken in vielen akademischen Disziplinen, aber auch darüber hinaus, rezipiert wurde und wird. Dies macht sie zu einer einflussreichen Autorin des 20. Jahrhunderts. „Vor diesem Hintergrund möchte der Band […] einen leicht verständlichen und zugleich umfassenden Zugang zu Leben und Werk Hannah Arendts eröffnen“ (7).

Um dieses Ziel zu erreichen, haben die beiden Autorinnen einen innovativen und zugleich zielführenden Ansatz gewählt: Ausgehend von der Bedeutung des Gesprächs für das Denken und die politische Philosophie Arendts konzipieren sie die sieben inhaltlichen Kapitel des Bandes als fiktive Gespräche zwischen Arendt und bedeutenden Autorinnen und Autoren, die ihr Werk maßgeblich geprägt haben. „[…] Hannah Arendts politisches Denken und Werk wird nicht isoliert dargestellt. Vielmehr wird es eingebettet in die Gesprächs-, Erfahrungs-, Lektüre- und Wissenskonstellationen ihrer Werke“ (10). Die Kooperation der beiden Autorinnen entstand im Rahmen gemeinsamer Lehrveranstaltungen: Gisela Riescher ist Professorin für Politische Theorie an der Universität Freiburg, Astrid Hähnlein hat ihre Doktorarbeit zu Hannah Arendt verfasst. Abgesehen von der gemeinsam verfassten Einleitung und dem Schlusskapitel sind die inhaltlichen Abschnitte jeweils von einer der beiden Autorinnen verfasst, was dem Band sprachliche Abwechslung verleiht. Inhaltlich spannen die Autorinnen dabei einen weiten Bogen der geistesgeschichtlichen Einflüsse auf Arendts Denken. Dieser reicht von Sokrates und Aristoteles über Rosa Luxemburg und Thomas Jefferson bis hin zu Karl Jaspers.

Besonders eindrücklich sind dabei zwei Kapitel: zum einen die Auseinandersetzung Arendts mit Aristoteles und Dolf Sternberger über ihren Begriff des politischen Handelns, zum anderen das Kapitel über ihre Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Für Arendts Begriff des Politischen ist die Unterscheidung zwischen Handeln, Herstellen und Arbeiten zentral, „Herstellen ist die Tätigkeit des Menschen, mit der er sich seine Umgebung gegenständlich gestaltet und mit der er sich dauerhaft in der Welt einrichtet" (28). Davon abzugrenzen ist das Handeln. Das Handeln ist „[...] im Gegensatz zu Arbeiten und Herstellen die politische Tätigkeit, die in Freiheit und Pluralität nur zusammen mit anderen Menschen ausgeübt werden kann" (28).

Eben dieses Element des gemeinsamen Tätig-Werdens nimmt einen zentralen Platz in Arendts Denken ein: „Dieses Bezugsgewebe des öffentlichen Raumes ist der Bereich des Politischen, in dem Politik nicht gemacht wird, sondern in Hannah Arendts Terminologie sich gleichsam handelnd ereignet" (29). Folgt man Arendt, so ist es eine „Eigentümlichkeit des Menschen", dass er in einer Polis leben kann. Diese Polis stelle die höchste Form des menschlichen Zusammenlebens dar und sei daher im spezifischen Sinne menschlich (32). Dabei arbeiten die Autorinnen auch heraus, dass die konkrete Ausgestaltung von politischen Prozessen oder Institutionen, wie sie analytisch in den Kategorien politics und polity gefasst werden kann, für Arendt nur eine sehr nachgeordnete Rolle gespielt habe: „Freiheit, Pluralität, Handeln und Sprechen, der Raum zwischen Menschen, Welt statt Weltlosigkeit und Anfangen-Können sind ihre Beschreibungen des Politischen“ (36).

Das zweite hervorzuhebende Kapitel dreht sich um Arendts Rolle als Berichterstatterin beim Eichmann-Prozess in Jerusalem. Adolf Eichmann war „[…] seit 1941 verantwortlich für den Transport der Jüd:innen in die Konzentrations- und Vernichtungslager“ (59). Arendt berichtete über den Prozess, der Eichmann in Jerusalem gemacht wurde, nachdem er 1960 vom israelischen Geheimdienst von Argentinien nach Israel entführt worden war. Dabei hatte Arendt aufgrund der Formulierungen in ihren Berichten mit Anfeindungen von vielen Seiten zu kämpfen. Für Arendt stand mit Eichmann nicht das kategorial Böse vor Gericht, „[…] sondern ein mickriger Verwaltertypus mit schlechtsitzendem Gebiss und Schnupfen“ (58). Arendt wurde eine unangemessene Flapsigkeit im Ausdruck und ein Fehlen des „Herzenstakts“ vorgeworfen, was für sie als Jüdin besonders verwerflich sei, so die Kritik. „Die vielfache Empörung, die Arendts Bericht hervorrief, richtete sich insbesondere gegen den Ton der Berichterstattung […]“ (60). Für Arendt entsprang ihre bekannte Formulierung von der Banalität des Bösen jedoch tieferen Beobachtungen. Eichmanns Verhalten sei für sie insofern banal gewesen, als dass er aus seiner Perspektive lediglich Befehle ausführte, ohne darüber nachzudenken oder sie zu hinterfragen – das Wort vom Kadavergehorsam ist treffend. Trotz der Organisation der Ermordung von Millionen von Menschen berief sich Eichmann darauf, dass er lediglich Befehle umgesetzt habe und sieht sich ohne jede Schuld. Durch die Verneinung jeder persönlichen Entscheidungsfreiheit verliere Eichmanns Handeln in Arendts Augen seine eigentliche negative Intentionalität. „Das radikal Böse, das man meinte, im Jerusalemer Gerichtssaal zu finden, wurde für Hannah Arendt damit banal“ (59).

Der Band von Riescher und Hähnlein ist mit gut 120 Seiten recht schlank, auch das Literaturverzeichnis wirkt nicht überbordend. Gleichwohl schaffen es die beiden Autorinnen sehr gut, die Prämissen aus der Einleitung umzusetzen. „Im Gespräch die Welt verstehen“ bietet eine umfassende Kontextualisierung der wichtigsten Werke und Fragestellungen Arendts. Dabei gelingt der Spagat zwischen akademisch präziser Sprache, inhaltlicher Dichte und gleichzeitig guter Lesbarkeit. So kann der Band nicht nur von einem akademischen Publikum, sondern durchaus auch von fachfremden Interessierten mit Gewinn gelesen werden.

CC-BY-NC-SA
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Externe Veröffentlichungen

Hannah Arendt, Günter Gaus / 28.10.1964

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Catherine Newmark / 08.03.2020

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