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Gert Schäfer

Gegen den Strom. Politische Wissenschaft als Kritik

Hannover: Offizin 2006; 611 S.; kart., 34,80 €; ISBN 978-3-930345-54-0
Der Titel des Bandes kann als Reminiszenz an Theodor Bergmann gelesen werden, emeritierter Professor für Agrarpolitik, PDS-Mitglied und Autor mehrerer Bücher über die Arbeiterbewegung, u. a. einer 2001 ebenfalls unter dem Titel „Gegen den Strom“ veröffentlichten Geschichte der KPD. Dieser Bezug auf Bergmann, mit dem Schäfer auch gemeinsam publizierte, ist sicher kein zufälliger. Auch Schäfer, Professor für Politische Wissenschaft in Hannover, ordnet sich mit diesen Aufsätzen aus vier Jahrzehnten als marxistischer Denker ein. Im ersten Aufsatz über das „Kommunistische Manifest“ lässt sich seine Vorgehensweise gut erkennen: Schäfer interpretiert die Schrift in einer Synthese aus Einordnung in den historischen Entstehungskontext und Rezeptionsgeschichte vor allem im 20. Jahrhundert. Wenig überzeugend allerdings ist der marxistische Ansatz beispielsweise in einem Aufsatz zur Einführung in Demokratie und Totalitarismus – als ob das eine nie ohne das andere zu denken wäre. Dieser argumentativen Engführung ist wohl auch geschuldet, dass Schäfer sich nicht in der Lage sieht, Demokratie zu definieren. Dies wäre ein vergebliches und allenfalls restriktives Unterfangen, schreibt er und erspart sich so eine Auseinandersetzung mit der Demokratieentwicklung seit dem 19. Jahrhundert. Auch der Versuch, die Überlegungen Max Webers für den Marxismus fruchtbar zu machen, zielt (wenig überzeugend) auf eine Begründung dafür, warum der Marxismus noch aktuell sei. Denkanstöße bietet der Aufsatz über ein einst geplantes, aber ungeschriebenes Buch Hannah Arendts über den Marxismus; Schäfer versucht anhand verschiedener Aussagen der Philosophin deren mögliche Interpretation zu erahnen. Da er in den Aufsätzen insgesamt zahlreiche Theoretiker marxistischer wie nichtmarxistischer Provenienz zitiert, ist mit diesem Buch eine kleine marxistische Ideengeschichte entstanden – mit dem interessanten Effekt, dass die Theorien von Marx und Engels in ihrem historischen Kontext plausibel erscheinen, bezogen auf die Gegenwart aber angestaubt wirken.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42 | 5.33 | 2.62 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gert Schäfer: Gegen den Strom. Hannover: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/26360-gegen-den-strom_30708, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30708 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken