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Bernhard Dietz / Christopher Neumaier / Andreas Rödder (Hrsg.)

Gab es den Wertewandel? Neue Forschungen zum gesellschaftlich-kulturellen Wandel seit den 1960er Jahren

München: Oldenbourg Verlag 2014 (Wertewandel im 20. Jahrhundert 1); 391 S.; 49,95 €; ISBN 978-3-486-75386-8
Untersuchungen über Akzeptanz und Wandel gesellschaftlich geltender Wertvorstellungen bilden seit den 1970er‑Jahren – prominentes Beispiel sind Ronald Ingleharts Untersuchungen zur Verbreitung postmaterialistischer Werte – eine Domäne der empirisch orientierten Sozialwissenschaften; mittlerweile hat sich die einschlägige Forschung konzeptionell und methodisch stark ausdifferenziert. Vor diesem Hintergrund ist die Titelfrage des Sammelbandes auch als gezielt provokativ zu lesen – gestellt wird sie von Historikern, die an „heuristischen Möglichkeiten einer genuin historischen Wertewandelsforschung“ (9) interessiert sind. Anlass der Diskussion war eine Tagung, die das DFG‑geförderte Projekt einer historischen Wertewandelforschung des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg‑Universität Mainz 2012 durchgeführt hat. Aus der Sicht der Historiker weisen sozialwissenschaftliche Untersuchungen einige disziplinbedingte Beschränkungen auf. Einerseits werde der Wertewandel zumeist im Rahmen modernisierungstheoretischer Annahmen konzeptualisiert, andererseits bildeten die typischerweise verwendeten Umfragedaten nur relativ kurze Zeiträume ab und ließen überwiegend nur statistische Korrelationen zu. Die Beiträge des Bandes – lediglich zwei stammen von Soziologen (Helmut Thome; Ernest Albert) – verdeutlichen anhand von Einzelstudien über Wertentwicklungen in den Bereichen Arbeitswelt und Familie Prämissen der historischen Perspektive. In methodischer Hinsicht stehen qualifizierende Verfahren (Hermeneutik, Diskursanalyse, historisch‑semantische Kontextualisierungen) im Vordergrund. Sachlich wird die Vielfalt von Wertewandelsprozessen und die Kritik an Annahmen einer linearen Entwicklung betont. Für eine Zusammenarbeit mit den Sozialwissenschaften werden zwei Aspekte hervorgehoben. Zum einen stellen diese konzeptionelle Ansätze und empirische Befunde bereit, mit denen sich die Geschichtswissenschaft entsprechend ihrer eigenen Methodologie kritisch auseinandersetzt. Zum anderen wird die sozialwissenschaftliche Wertewandelsforschung als Objekt einer Beobachtung zweiter Ordnung wahrgenommen – gilt sie doch selbst als Teil zeitgenössischer wissenschaftlicher Selbstbeschreibung von Gesellschaft.
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Rubrizierung: 2.232.222.3132.352.3432.612.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Bernhard Dietz / Christopher Neumaier / Andreas Rödder (Hrsg.): Gab es den Wertewandel? München: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37854-gab-es-den-wertewandel_45244, veröffentlicht am 04.12.2014. Buch-Nr.: 45244 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken