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Peter Finke (Hrsg.)

Freie Bürger, freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm

München: oekom verlag 2015; 220 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-86581-710-5
Die Demokratisierung der Wissenschaft ist eine verlockende Perspektive. Denn das, was derzeit als – so Peter Finke – Berufswissenschaft in den deutschen Universitäten passiert, ähnelt angesichts von Wissenschaftszeitvertragsgesetz und ökonomischer Verwertungslogiken weder jenem Glasperlenspiel, das Hermann Hesse beschrieben hat, noch einer konstruktiven wissenschaftlichen Forschung. Es ist daher an der Zeit und Anlass genug, nach Alternativen zu suchen – und daran mangelt es in der Tat nicht, wie die Autor_innen des Bandes belegen. „Citizen Science, die Nichtberufswissenschaft der forschenden Bürger“ (12), avanciert dabei zu einem ebenso neuen wie vielversprechenden Konzept, das sich dem im etablierten Wissenschaftsbetrieb bestehenden Komplott „um Stellen, Karriere, Geld und Macht“ entziehe und stattdessen auf „allein auf Lernwilligkeit und Sachkompetenz gegründete Wissensarbeit an Themen von öffentlichem Interesse“ (13) setze. Man mag derlei Schwarz‑Weiß‑Malerei für ebenso übertrieben unterkomplex wie idealistisch halten – indes zeigen die Autor_innen, dass ein Nachdenken über die in den Beiträgen implizit enthaltene Kritik am Bestehenden durchaus überlegenswert ist. So legt Andreas W. Daum, Professor für Neuere Geschichte an der State University of New York, dar, dass Bürgerwissenschaft integraler Bestandteil eines partizipativ akzentuierten Demokratieverständnisses ist. Um anschlussfähig zu werden, bedürfe Wissen der Öffentlichkeit, und historisch betrachtet seien es gerade Vereine gewesen, die diese Öffentlichkeit hergestellt hätten. Und auch der Gegensatz zwischen Wissenschaftsprofi und Laie verfange nicht, da sich bei avancierter Spitzenforschung auch der abgeklärteste Berufswissenschaftler auf unbekanntes Terrain vorwage und dementsprechend nichts anderes sei als eben Laie. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn Finke im Nachwort vehement für eine Demokratisierung der Wissenschaft plädiert. Denn eine Wissensgesellschaft, die den Namen auch verdiene, sei „weniger durch Exzellenzinitiativen und Eliteuniversitäten, sondern durch das Engagement freier Bürger und ihre freie Forschung“ zu verwirklichen. So richtig und unterstützenswert der Gedanke ist, es ist klar, dass der Weg dahin noch ein „erheblicher“ (208) sein ist.
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Rubrizierung: 2.2632.25.2 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Peter Finke (Hrsg.): Freie Bürger, freie Forschung. München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38961-freie-buerger-freie-forschung_47563, veröffentlicht am 08.10.2015. Buch-Nr.: 47563 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken