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Parinas Parhisi

Frauen in der iranischen Verfassungsordnung

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2010 (Verfassung und Recht in Übersee. Beiheft 24); 344 S.; 89,- €; ISBN 978-3-8329-5492-5
Rechtswiss. Diss. Frankfurt am Main; Gutachter: R. Hofmann, M. Bothe. – Die Autorin gibt einen detaillierten Einblick in die Grundstrukturen des iranischen Regierungssystems und seiner Verfassungsordnung. Mit Fokus auf die Normauslegung in der Rechtspraxis werden dabei v. a. die systemimmanenten Widersprüche herausgearbeitet. So ist in der iranischen Verfassung zwar eine Normenhierarchie vorhanden, doch kann die Verfassung „durch die Vorgaben des Islam faktisch ‚außer Kraft’ gesetzt werden“(157). Die theologieähnlichen Ansprüche an die Verfassung und an deren Interpreten haben zur Folge, dass paradoxerweise Gesetze, die Männer und Frauen ungleich behandeln, verfassungswidrig und zugleich verfassungskonform sein können. Entsprechend widersprüchlich gestaltet sich auch die Zusammensetzung der wichtigsten Staatsorgane. Hier finden sich in den Wortlauten der Rechtsgrundlagen kaum Einschränkungen bezüglich einer Mitwirkung von Frauen. Spätestens im Wege der Normauslegung werden diese dann aber ausgeschlossen. Dies ist auch Folge eines „rigiden Verständnisses des Scharia-Vorbehalts“ (309), durch das alle Ungenauigkeiten und Sinnwidersprüche der Verfassung zum Nachteil der Frauen ausgelegt werden. Die Autorin macht deutlich, dass der Aufstieg des politischen Islams zur Herrschaftsmacht im Iran klare und massive Einschnitte in den zivil- und strafrechtlichen Status von Frauen gebracht hat. Allerdings zeigt sie auch, dass der alleinige Fokus auf den Islam als Quelle der Frauendiskriminierung nicht angebracht ist. Frauen haben außerdem in Iran in den letzten Jahren mit beharrlichem Druck ihre Handlungsspielräume entwickeln können. Ihre gesellschaftliche Partizipation ist längst nicht mehr einer kleinen Elite vorbehalten. Wie ein mitgelieferter Überblick über die Frauenrechtsdiskussion im iranischen Reformdiskurs zeigt, sind die entsprechenden gesellschaftlichen Diskussionsprozesse breit und vielfältig und dürften auf mittelfristige Sicht nicht zu unterdrücken sein.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 2.63 | 2.21 | 2.27 Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Parinas Parhisi: Frauen in der iranischen Verfassungsordnung Baden-Baden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32596-frauen-in-der-iranischen-verfassungsordnung_38905, veröffentlicht am 30.11.2010. Buch-Nr.: 38905 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken