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Sven Reichardt

Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2002 (Industrielle Welt 63); 814 S.; geb., 59,- €; ISBN 3-412-13101-6
Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: J. Kocka. - Der Autor hat verschiedene Erklärungsversuche zu einem komplexen Bild des Faschismus als einer eigenartigen politischen Bewegung zusammengefügt. Mit seiner vergleichenden Untersuchung über die faschistischen Kampfbünde in Italien und Deutschland legt er eine Faschismusdeutung vor, in die neuere historische, soziologische, ethnologische und geschlechteranalytische Erkenntnisse einfließen. Das Buch behandelt den Aufstieg der faschistischen Massenbewegungen in Italien und Deutschland vor dem Machtantritt Mussolinis und Hitlers. Erstmals wird hier ein systematischer Vergleich der politischen Praxis des italienischen Squadrismus und der deutschen SA vorgelegt. In beiden faschistischen Kampfbünden diente die Ausübung von Gewalt sowohl dem propagandistischen Appell nach außen als auch der Gruppenbindung nach innen. Ausmaß und Form der Gewalthandlungen werden ebenso untersucht wie die soziale Zusammensetzung, der interne Organisationsalltag und die politische Kultur beider Kampfbünde. Diese waren sowohl durch bündische, militärische als auch parteimäßige Strukturen geprägt. Dadurch existierten in den faschistischen Bewegungen vielfältige Machtkonkurrenzen. Diese innere Labilität wurde durch die Figur des charismatischen Führers, die zunehmende Militarisierung und Hierarchisierung, das erlösende Versprechen auf baldigen Erfolg und schließlich den gewaltsamen Aktivismus überdeckt. Aus dem Inhalt: II. Latenter Bürgerkrieg? 1. Eine Gewaltbilanz: Ausmaß und Charakter der politischen Auseinandersetzungen; 2. Propaganda und Gewalt: Eine Typologie der Gewaltformen faschistischer Kampfbünde; 3. Polykratische Verhältnisse: Die Kampfbünde zwischen Konflikt und Kooperation mit den faschistischen Parteien; 4. Wehrhafte Demokratien? Reaktionen und Maßnahmen der staatlichen Organe. III. Das Rekrutierungspotential: Soziale Gruppen, Lebensläufe und Generationen: 1. Rasantes Wachstum und ländliche Stationen: Quantitative Entwicklung und regionale Schwerpunkte; 2. Furcht und Frustration: Soziale Gruppen und soziale Erfahrungen; 3. Tod und Jugend: Altersgruppen, Jugendpathos und Generationskonflikte. IV. Prinzipien und Praxis der Organisationen: 1. Das Prinzip: Die Squadra und der Sturm als Skelett der Organisationen; 2. Die Praxis der Kameradschaft: Soziale Beziehungen in den Kampfbünden; 3. Informelle institutionelle Zentren: Zur Bedeutung der Bars, Lokale und Heime; 4. Hierarchie und Charisma: Der capo squadra und der Sturmführer als integrierte Führer; 5. Nahe Gegner: Kommunisten und Faschisten. V. Die Praxis des Politischen: Politische Rhetorik und politische Kultur: 1. Der nationale Kämpfer: Praxis und Bilder einer sakralisierten und soldatischen Nation; 2. Das Feindbild des Rebellen: Antisozialistische, rassistische und antibürgerliche Haltungen; 3. Das Geschlecht der Gewalt: Bilder und Rhetorik der Männlichkeit.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.25 | 2.312 | 2.61 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Köln/Weimar/Wien: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/16909-faschistische-kampfbuende_19426, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19426 Rezension drucken