Dennis Lichtenstein

Europäische Identitäten. Eine vergleichende Untersuchung der Medienöffentlichkeiten ost- und westeuropäischer EU-Länder

Konstanz/München: UVK Verlagsgesellschaft 2014 (Forschungsfeld Kommunikation ); 374 S.; 49,- €; ISBN 978-3-86764-507-2
Diss. Düsseldorf; Begutachtung: C. Eilders, H. Haas. – Dennis Lichtenstein analysiert vergleichend den Selbstverständigungsdiskurs der EU in ost‑ und westeuropäischen Ländern. Welche „Vorstellungen über die EU“ kursieren in den „Diskursen der Länder“, wie stark sind „sie mit Zugehörigkeits‑ und Zusammengehörigkeitsbekundungen verbunden“ und vor welchen „Kontrastfolien“ (12) etablieren sie sich? Es ist vor allem die weit ausholende, dabei präzise argumentierende Entwicklung des eigenen theoretischen Rahmens auf Basis einer umfassenden Darstellung, Systematisierung und Analyse des aktuellen Forschungsstandes, die diese Arbeit so wertvoll für die Diskussion zum Thema macht. Lichtenstein nähert sich seinem Untersuchungsgegenstand zunächst über den Identitätsbegriff an sich, den er in seiner Unschärfe immer wieder im europäischen Kontext verortet. Bedeutsam ist seine Feststellung, dass der Terminus der Identität nicht nur eine relationale Dimension, sondern auch etwas „im Fluß der Zeit Befindliches, Veränderliches, Prozeßhaftes“ (27) aufweist. Damit stellt er sich gegen die Annahme, dass eine weitere Demokratisierung der EU nur möglich sei, wenn auch eine hinreichende Identität und Identifikation des Souveräns mit dem Projekt bestehe. Ausführlich widmet sich Lichtenstein vor allem den (konstruktivistischen) Konzepten zur Gruppenidentität und der Problematik von „Deutungswettbewerben um die kollektive Identität der Gruppe“ (45), die den gesellschaftlichen und medialen Diskurs prägen. Eine besonders integrierende Bedeutung entfalten dabei „leere Signifikanten“ (47), die in ihrer Abstraktheit als Projektionsfläche für verschiedene soziale Identitäten die Herausbildung einer kollektiven Identität ermöglichen können. In seiner Medieninhaltsanalyse untersucht Lichtenstein dann mit einem komparativ angelegten „Most Different System Designs“ (144) die Medienberichterstattung zur EU‑Osterweiterung in den Jahren 2004 und 2007 in jeweils zwei Wochenzeitschriften in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Polen und Lettland. Er stellt fest, dass die Identitätsdiskurse einer „national spezifischen Logik folgen“ (333). In jedem Mitgliedstaat existiert offenbar eine eigene Leitkonzeption für die EU – „die geteilte Zugehörigkeit zur EU“ ist damit „als ein Scheinkonsens zu charakterisieren“ (334). Festzustellen ist weder ein „gemeinsames konstitutives Außen der EU“ als grundlegende Determinante einer Identitätsbildung, noch die „Etablierung eines geteilten internen Anderen“ (336). Gleichwohl – und darin besteht die besorgniserregende Erkenntnis dieser Analyse – richtet sich die kritische Medienaufmerksamkeit hauptsächlich gegen EU‑Institutionen und einzelne andere EU‑Länder.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 3.42.22 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Dennis Lichtenstein: Europäische Identitäten. Konstanz/München: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37583-europaeische-identitaeten_45607, veröffentlicht am 25.09.2014. Buch-Nr.: 45607 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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