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Jürgen Gottschlich / Sabine am Orde (Hrsg.)

Europa macht dicht. Wer zahlt den Preis für unseren Wohlstand?

Frankfurt a. M.: Westend Verlag 2011 (die tageszeitung); 221 S.; brosch., 12,99 €; ISBN 978-3-938060-64-3
Anders als es die europäischen Ideale und Werte suggerieren, betreibt die Europäische Union nach Ansicht der beiden Herausgeber „eine überaus aktive Außenwirtschaftspolitik, die knallhart die eigenen Interessen durchsetzt, auf Kosten afrikanischer und asiatischer Kleinbauern, Viehzüchter und lokaler Händler“ (8). Damit komme die EU zwar nicht wie einige andere Staaten imperialistisch daher, es könne aber auch nicht von einer „soft power“ die Rede sein. Stattdessen sorge die Union durch die Abschottung und Überwachung ihrer Außengrenzen dafür, dass eine neue Form von Krieg entsteht, „der sich überwiegend im Dunkeln der Nacht und weitab der öffentlichen Aufmerksamkeit abspielt, der nur schlaglichtartig beleuchtet wird, wenn im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien gleich Hunderte Flüchtlinge auf einmal ertrinken“ (8). Mit ihrem Buch wollen Gottschlich und am Orde auf jenen von Frontex geführten Krieg aufmerksam machen und haben dafür Autoren (die gleichzeitig Korrespondenten und Redakteure der taz sind) gewinnen können, die die Situation an den EU-Außengrenzen schildern und für ihre Berichte sowohl mit Flüchtlingen als auch mit Grenzschützern gesprochen haben. So stellt Reiner Wandler in seinem Artikel „Wo alles begann“ zunächst dar, dass Spanien aufgrund von EU-Auflagen eine Visumspflicht für Marokkaner einführen musste und die Zahl illegal nach Spanien Einreisender seither enorm angestiegen ist. Aus diesem Grunde übte dieser europäische Staat Druck auf Marokko aus, die grenznahen Flüchtlingssiedlungen in Afrika zu schließen, was Massendeportationen in zum Teil verminte Gebiete zur Folge hatte, wie der Autor mithilfe von Beispielen darlegt. Diese unmenschliche Praxis wurde nicht etwa durch die EU, sondern durch das Engagement der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ eingedämmt. Auch in den anderen Beiträgen wird auf Maßnahmen der EU hingewiesen, die erstens nicht immer mit der Anerkennung der Menschenrechte vereinbar sind und die zweitens trotz ihrer Härte nur bedingt den gewünschten Erfolg erzielen. Beide Herausgeber beschließen ihr Buch mit einem Manifest, in dem sie aufgrund der aufgezeigten (Fehl-)Entwicklungen grundsätzliche Forderungen an die EU stellen, beispielsweise die Abrüstung der EU-Außengrenzen, die Veränderung der Dublin-II-Verordnung oder eine neue Politik gegenüber autoritären Staatsoberhäuptern.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 3.6 | 3.5 | 4.42 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Jürgen Gottschlich / Sabine am Orde (Hrsg.): Europa macht dicht. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34488-europa-macht-dicht_41423, veröffentlicht am 22.03.2012. Buch-Nr.: 41423 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken