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Angelika Neuwirth / Günter Stock (Hrsg.)

Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa

Berlin: Akademie Verlag 2010; 363 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-05-004905-2
Im islamischen Denken wurde der Übergang zur Moderne nicht vollzogen, erläutert Wolf Lepenies in diesem Sammelband, der das Ergebnis einer Veranstaltungsreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie und des Wissenschaftskollegs zu Berlin ist. Die Kritik gelte daher nicht nur dem Islamismus, sondern auch dem zeitgenössischen Denken in muslimischen Gesellschaften, die die Errungenschaften des Westens anerkennen sollten. Stefan Wild warnt vor den großen Verallgemeinerungskünstlern. Das Verhältnis zwischen Europa und Islam sei von Angst besetzt. Manche Deutsche haben Angst vor dem Islam. Umgekehrt fürchten manche Muslime einen Krieg gegen Muslime, der aus dem Krieg gegen den Terrorismus erwachsen könnte. Die Hauptfrage bleibt, was die „Muslime unter Berufung auf ihre heiligen Texte tun oder auch nicht tun“ (28). Die Offenbarung des Korans habe nicht auf die weltweite Expansion des Islam gezielt, so Wild, sondern sich an „Sprecher des Arabischen gerichtet“ (29). Gudrun Krämer fordert in ihrem Beitrag eine Neuinterpretation der Scharia, „wenn sie eine Gleichschaltung von Muslimen und Nichtmuslimen in allen Lebensbereichen zulassen soll.“ Sie nennt drei Problemfelder: „Die Gleichstellung der Nichtmuslime vor Gericht, der Zugang zu öffentlichen Ämtern und die uneingeschränkte Religionsfreiheit“. (51) Explizit wird die Verfolgung der Baha'i erwähnt. Krämer verweist auf die Tatsache, dass die Kräfte, die auf eine Veränderung drängen, derzeit schwach sind. Der Beitrag von Joschka Fischer ist dem Islam auf dem Balkan gewidmet. Fischer ruft in Erinnerung, dass „die Nato, aber auch die Europäische Union zum ersten Mal in den Krieg gezogen sind, um das Lebensrecht genau dieser muslimischen europäischen Völker zu verteidigen, weil es anders als mit der Waffe in der Hand nicht mehr ging“ (289). Europa solle mehr Verantwortung übernehmen, um beispielsweise den Konflikt im Nahen Osten zu lösen. Insgesamt bietet dieser Band vielfältige und sehr lohnende Beiträge zum Beziehungsgeflecht zwischen Europa und dem Nahen Osten, die für Vertreter aus Wissenschaft und Politik gleichermaßen von Interesse sein dürften.
Wahied Wahdat-Hagh (WWH)
Dr., Dipl.-Soziologe und Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 4.2 | 2.63 | 2.61 | 4.42 Empfohlene Zitierweise: Wahied Wahdat-Hagh, Rezension zu: Angelika Neuwirth / Günter Stock (Hrsg.): Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32903-europa-im-nahen-osten--der-nahe-osten-in-europa_39299, veröffentlicht am 03.11.2010. Buch-Nr.: 39299 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken