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Esther Duflo: Kampf gegen die Armut

02.11.2023
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Autorenprofil
Matthias Herb-Seifert
Berlin, Suhrkamp 2023

2013 erschien der Band „Kampf gegen die Armut“ der späteren Wirtschaftsnobelpreisträgerin Esther Duflo. Matthias Herb-Seifert hat die Aufnahme des Bandes in die Reihe der Suhrkamp-Jubiläumsausgabe für einen Rückblick auf den bahnbrechenden Charakter von Duflos Studien zur Entwicklungsökonomie zum Anlass genommen und zeigt in seiner Rezension, welche Erkenntnisse und Paradigmenwechsel insbesondere Duflos innovative Methodik in diesem Forschungsfeld ermöglicht hat. (jm)


Eine Rezension von Matthias Herb-Seifert 

Esther Duflo hat ihr berufliches Leben der Bekämpfung der extremen Armut mit den Mitteln der Ökonomie gewidmet: „I resolved to learn economics to realize my goal of making the world a little bit better, but also to move gingerly and with some humility“ (Duflo 2019). Armut ist kein eindimensionaler Zustand, sondern ein multidimensionales und multikausales Phänomen. Sie hat viele Facetten und kann in unterschiedlichen Gesellschaften ganz unterschiedliche Ausprägungen besitzen. „Armut in all ihren Formen überall zu beenden“, lautet daher auch das erste der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), zu deren Umsetzung bis zum Jahr 2030 sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat. So unstrittig das Ziel ist, so umstritten sind jedoch die zielführendsten Wege, Armut zu bekämpfen. Konsens besteht sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Diskurs darüber, dass die Förderung von Bildung und Gesundheit den zentralen Stellenwert in Strategien zur Armutsbekämpfung einnehmen müssen. In der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Politik gibt es jedoch wiederum eine Vielzahl von Möglichkeiten, die gesteckten Ziele zu erreichen. Daraus ergibt sich automatisch die Frage nach der Messung der Wirksamkeit: „Deshalb muss man die Entwicklung der Gesundheit und Bildung weltweit an eine Technik der Evaluierung anlehnen und die Frage stellen: Wie findet man die beste Politik, also diejenige, die am effektivsten zu dem Ziel führt, das man sich gesetzt hat? […] Die einzige Lösung besteht darin, jede dieser Politiken gründlich zu testen und dabei sowohl den Preis als auch die Wirkungen zu vergleichen“ (18).

Für sich selbst ist diese Feststellung wenig revolutionär, Wirkungsanalyse und Evaluationen sind seit jeher Teil der Entwicklungszusammenarbeit. Der Neuigkeitswert von Duflos Forschungen besteht in der Einführung von randomisierten kontrollierten Experimenten und damit der Möglichkeit, einzelne Einflussfaktoren genauer isolieren und untersuchen zu können: „Aufgrund ihrer konzeptuellen Transparenz, ihrer Flexibilität und ihrer Positionierung an der Schnittstelle zwischen der Welt der Politik und der Forschung erweist sich die Evaluierung nach dem Zufallsprinzip als ein außerordentlich reichhaltiges und vielseitiges Instrument“ (19). Duflo nutzt dieses Instrument im Band Kampf gegen die Armut, um verschiedene Programme und Politiken auf ihre Wirksamkeit und ihre Kosten zu untersuchen. Sie legt den Schwerpunkt dabei auf vier Sektoren: Bildung, Gesundheit, Mikrofinanz und Gouvernanz. Außerdem stellt sie in Kampf gegen die Armut eine Vielzahl an Studien vor, die mit der Methode der kontrollierten Experimente verschiedene Wege der Armutsbekämpfung untersuchen. Dabei sind manche Ergebnisse „verblüffend“ (welche Faktoren beeinflussen die Aufnahme eines Mikrokredits), andere bewegen sich im Rahmen des Erwartbaren (der Mikrokredit per se ist kein Allheilmittel und eignet sich nicht für jede*n Kreditnehmer*in).

Häufig steht wird die Armutsbekämpfung von der Idee geleitet, „den Armen“ mehr Verantwortung für die Verbesserung ihrer Situation zu geben. Duflo hinterfragt diese Idee kritisch und zieht aus ihren Forschungsergebnissen ein differenzierteres Fazit: „Können (…)wir den Armen den Kampf gegen die Armut überlassen […]?. Die beiden Bereiche […] Kredit und Gouvernanz belegen, dass dieses Motto naiv und potenziell gefährlich ist. Der Mikrokredit hat tatsächlich Einfluss auf die Gründung von Unternehmen und den Wohlstand, doch ist dieser gering“ (180).

Der Band Kampf gegen die Armut erschien 2010 im Original und 2013 als deutschsprachige Erstausgabe bei Suhrkamp. 2023 wurde er im Rahmen der Suhrkamp-Jubiläumsausgabe neu aufgelegt. Die Ergebnisse der vorgestellten Studien sind somit etwa 13 Jahre alt, weshalb die Autorin selbstverständlich keine jüngere Forschungsliteratur rezipieren konnte. Deshalb steht in der vorliegenden Rezension weniger die Frage nach den einzelnen Forschungsergebnissen als vielmehr die Bewertung der Methodik im Vordergrund. Bei der von Duflo genutzten „randomisierten kontrollierten Studie“ geht es darum, eine eindeutige Kausalität zwischen einer Handlung und einem Ergebnis herzustellen. Das kann beispielsweise eine Veränderung in der Verfügbarmachung medizinischer Dienstleistungen (Handlung) und der prozentualen Inanspruchnahme (Ergebnis) sein. Dabei können die Proband*innen in verschiedene Gruppen unterteilt werden, die unterschiedliche Veränderungen in der Verfügbarmachung erfahren. Das Besondere bei der Randomisierung ist die zufällige Einteilung der untersuchten Gruppen – so lässt sich die gezielte oder unbewusste Steuerung durch die Forschenden, die die Ergebnisse verfälschen könnte, vermeiden. Zudem wissen in doppelt verblindeten Experimenten nicht einmal die Forschenden selbst, welche Gruppe veränderte Voraussetzungen hatte und welches die Kontrollgruppe ist. Ursprünglich stammt die Methode aus der Medizin, dort entwickelte sie sich zügig zum „Goldstandard“. Die Übertragung der randomisierten kontrollierten Studie auf die Entwicklungsökonomie, die Duflo mit ihrem späteren Ehemann Abhijit Banerjee vorgenommen hatte, erwies sich als bahnbrechend: Mit der Einführung der Methode konnten Wirkungszusammenhänge viel präziser untersucht werden, wodurch eine größere wissenschaftliche Rigorosität ermöglicht wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint dann auch die Aufnahme des Bands in die Suhrkamp-Jubiläumsausgabe folgerichtig. Darin werden Werke neu aufgelegt, die einen prägenden Einfluss auf eine Disziplin hatten und bei denen die Forschungsergebnisse mittel- und langfristige Wirkungen entfalten konnten. Duflos Leistungen waren der Ausgangspunkt für eine herausragende wissenschaftliche Laufbahn: Neben verschiedenen Tätigkeiten an angesehenen Universitäten ist sie Mitgründerin und Vorsitzende des Poverty Action Lab, eines Forschungsnetzwerks am MIT und erhielt 2019 gemeinsam mit ihrem Ehemann Banerjee und Michael Kremer den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften – die höchstmögliche Anerkennung für Wissenschaftler*innen. Aus der „Banquet Speech“ der Preisverleihung stammt das Eingangszitat der vorliegenden Rezension, das zwei wichtige Aspekte von Duflos Schaffen zeigt: einerseits den unbedingten Willen, Dinge zum Besseren zu verändern, andererseits ein großes Maß an Bescheidenheit und Demut: „[W]enn man den Kampf gegen die Armut dauerhaft führen will, sind Versuch und Irrtum, Kreativität und Geduld unverzichtbar – nicht um ein Patentrezept zu finden, das es nicht gibt, sondern um eine Reihe kleiner Fortschritte zu erzielen, die schon heute das Leben der Armen verbessern“ (182). 



Literatur

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Weiterführende Links

Esther Duflo / 10.12.2019

Youtube - The Nobel Foundation

 

Externe Veröffentlichungen

Gerhard Klas / 08.07.2013

Deutschlandfunk

Jan Willmroth / 14.09.2019

Süddeutsche Zeitung

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