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Hans Günter Hockerts (Hrsg.)

Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit. NS-Diktatur, Bundesrepublik und DDR im Vergleich

München: R. Oldenbourg Verlag 1998 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 76); 294 S.; 40,- DM; ISBN 3-486-64576-5
Die Beiträge des vom Münchener Lehrstuhlinhabers für Neuere Geschichte herausgegebenen Bandes gehen auf Vorträge einer Sektion des 41. Deutschen Historikertages von 1996 zurück. Ausgehend von der These einer dreifachen, vom Scheitern der Weimarer Republik ausgehenden deutschen Zeitgeschichte wird vergleichend nach sozialpolitischen Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Neuansätzen im Nationalsozialismus, in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland gefragt. Ziel ist es, die jeweilige Ausprägung des "Sozialstaat[es] als Produkt von Verhältnissen" (11) anhand einzelner Sektoren sozialpolitischen Handelns zu erklären, was synchrone und diachrone Vergleiche einschließlich der Erörterung der Probleme von Ost-West- bzw. Diktaturvergleichen voraussetzt. Insgesamt schält sich als Befund einerseits eine auf dem Versicherungsprinzip aufbauende sozialpolitische Kontinuitätslinie von "Bismarck bis Blüm" (7) - vom Herausgeber als "Königsweg der deutschen Sozialgeschichte" (24) bezeichnet - und andererseits eine größere Nähe sozialstaatlicher Praxis zwischen Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus heraus; eine Nähe, die freilich hinsichtlich ihrer ideologischen Begründung wie des Umfanges menschenverachtender Folgen gleich wieder relativiert wird. Darüber hinaus überraschen allerdings die Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialpolitischen Sektoren, die ein solcher Dreiervergleich zutage fördert. Neben dem politischen Systemunterschied spielen dabei in unterschiedlichem Maße Prozesse und Problemlagen gesellschaftlicher Modernisierung eine entscheidende Rolle (etwa Alterssicherung [101-102], [108-109], Frauen und Familien [143]). Um das Bild abzurunden, wäre ein weiterer Artikel zur Arbeitsmarkt- bzw. Beschäftigungspolitik wünschenswert gewesen. Der sachlichen wie theoretischen Komplexität der gestellten Aufgabe suchen die Autoren auf unterschiedlichen Wegen gerecht zu werden. Einige Beiträge untersuchen stärker normative Strukturen wie Leitbilder und Gesetzeslagen, andere liefern einen stärker sozialgeschichtlich ausgerichteten historisch-genetischen Erklärungsansatz, und ein dritter Zugang sucht eine historische Überprüfung theoretisch gewonnener Hypothesen. Als erhellend auch für die gegenwärtige Debatte um die Zukunft des bundesdeutschen Sozialstaates erweisen sich Conrads Überlegungen zur Prägekraft des historisch gewählten Pfades und damit zur "'Pfadabhängigkeit'" weiterer anstehender Entscheidungen (103-106 und 114-116). Inhalt: Rüdiger Hachtmann: Arbeitsverfassung (27-54); Winfried Süß: Gesundheitspolitik (55-100); Christoph Conrad: Alterssicherung (101-116); Günther Schulz: Soziale Sicherung von Frauen und Familien (117-149); Axel Schildt: Wohnungspolitik (151-189); Wilfried Rudloff: Öffentliche Fürsorge (191-229); Lutz Raphael: Experten im Sozialstaat (231-258).
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.342 | 2.262 | 2.312 | 2.313 Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Hans Günter Hockerts (Hrsg.): Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit. München: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/7076-drei-wege-deutscher-sozialstaatlichkeit_9465, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9465 Rezension drucken