Christoph Enders / Michael Kahlo (Hrsg.)

Diversität und Toleranz. Toleranz als Ordnungsprinzip?

Paderborn: mentis Verlag 2010 (fundamenta iuris 9); 276 S.; kart., 42,- €; ISBN 978-3-89785-488-8
Der Band vereint philosophische, ideengeschichtliche und rechtswissenschaftliche Überlegungen zu Umfang, Formen und Grenzen von Toleranz in einer zunehmend von Pluralität und Individualisierung geprägten globalen Gesellschaft. Während der Vorgängerband aus dem Jahr 2007, an dem die Herausgeber anknüpfen, eine ethische Würdigung der Toleranzidee zum Gegenstand hatte (siehe Buch-Nr. 33888), wird in diesem Band der Frage nach der Funktion von Toleranz für die staatliche Ordnung nachgegangen. Einleitend setzt sich Gerald Hartung aus begriffsgeschichtlicher Perspektive mit dem Toleranzgebot auseinander. Anders als nach dem mittelalterlichen Toleranzverständnis im Sinne einer Duldungspflicht gegenüber Andersgläubigen und -handelnden lasse sich heutzutage „unter Toleranz vor allem die Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen erfahren, mit dem wir einfach nur auskommen möchten, ohne uns mit ihm auseinandersetzen zu wollen. Mit dieser Form der Toleranz kann eine schwache Form der Anerkennung gemeint sein, die zumindest einen ‚modus vivendi’ der Koexistenz hervorbringt.“ (18) Neben weiteren ideengeschichtlichen Untersuchungen zur Toleranzidee, etwa bei Montesquieu oder Locke, finden sich gegenwartsbezogene Analysen zur Rolle der Toleranz im islamischen Recht, im Völkerrecht und im modernen Rechtsstaat. Beispielsweise diskutiert Brigitte Kelker das Verhältnis von Recht und Kultur und reflektiert verschiedene Ansätze darüber, wie eine „ihrerseits kulturell verankerte staatliche Rechtsordnung mit kollidierenden fremdkulturellen Normen umzugehen hat“ (145). Hervorzuheben ist auch der Beitrag von Hartmut Kreß, der die Toleranzidee als Grundlage der Rechtsordnung und als wesentliche Staatsaufgabe betrachtet. Politik und Staat seien gefordert, Bürger zur Toleranz zu befähigen und ihnen zugleich Toleranz zuzumuten. Hierfür gilt es, toleranzfreundliche Strukturen zu schaffen. Derartige Bemühungen seien in einigen Politikfeldern zwar zu erkennen, doch insgesamt bestehe in Deutschland erheblicher Handlungsbedarf. Außerdem könne „[a]us der Aufgabe des Staates, toleranzgemäße Strukturen und Rechtsnormen zu gewährleisten“, so Kreß mit Blick auf die Vertrauens- und Akzeptanzkrise der Politik, „ihm unter heutigen lebensweltlichen Bedingungen sogar neu Legitimität zuwachsen“ (83).
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 1.3 | 2.35 | 2.23 | 5.42 | 5.41 | 4.1 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Christoph Enders / Michael Kahlo (Hrsg.): Diversität und Toleranz. Paderborn: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33400-diversitaet-und-toleranz_39959, veröffentlicht am 04.05.2011. Buch-Nr.: 39959 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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