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Stephanie Dittmer

Die Politisierung der ethnischen Differenz. Ethnische Mobilisierung und Ethnopolitik in Estland seit der Perestrojka

Online-Publikation 2004 (http://webdoc.sub.gwdg.de/diss/2004/dittmer/); 290 S.
Diss. Göttingen; Gutachter: H. Kern, P. Lösche, W. Rosenbaum. - Warum sind in Estland bisher keine gewalttätigen Konflikte ausgebrochen, obwohl die russische Minderheit politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich diskriminiert wird? Die Autorin geht dieser Frage im Rahmen eines Modells über die Entwicklung ethnischer Mobilisierungsprozesse nach und analysiert, ob Estland ein Vorbild für andere Staaten sein kann. Ihre Ausgangsthese ist, dass ethnische Konflikte nicht allein als „‚kulturell’ kaschierte ökonomische Konflikte betrachtet werden können“ (28). Vielmehr würden ethnische Unterschiede im Kontext staatlicher Neu- oder Rekonstruktionsprozesse politisiert. Die Bedingungen dafür seien eine ethnische Einfärbung der Bürokratie, eine in ihren Ansprüchen frustrierte Elite einer der Ethnien sowie die Kollektivierbarkeit des Interesses der Elite für die gesamte Ethnie. In Estland seien die einheimischen Eliten in ihrem Unabhängigkeitsstreben davon überzeugt gewesen, nicht nur gegen die Sowjetunion und gegen das sozialistische System vorgehen zu müssen, sondern auch gegen die Russen im eigenen Land. Diese Haltung habe nach der Unabhängigkeit zu einem restriktiven Staatsbürgerschaftsrecht sowie anderen Diskriminierungen der russischen Minderheit geführt. Die Autorin erklärt mittels ihres Modells nicht nur die erfolgreiche Mobilisierung der Esten, sondern auch das Versagen der Russen, die sich nicht neu politisch organisiert hätten. Ihnen fehle eine Elite, die für ihre Interessen eintrete. Fazit ist, dass die estnische Entwicklung, ungeachtet ihres friedlichen Verlaufs, aufgrund der Diskriminierungen kein Vorbild für andere Länder sein kann. Insgesamt ist diese Arbeit trotz eines überzeugenden theoretischen Ansatzes etwas blutleer. Die Autorin hat zwar Interviews geführt, aber leider auf die Auswertung estnisch- und russischsprachiger Literatur verzichtet. Eine Unterfütterung mit Originalquellen hätte der Studie aber sicher mehr Tiefenschärfe verliehen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.62 | 2.2 | 2.23 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Stephanie Dittmer: Die Politisierung der ethnischen Differenz. 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/23395-die-politisierung-der-ethnischen-differenz_26841, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 26841 Rezension drucken