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Die Kalaschnikows der Lüfte – Drohnenkriegsführung im Ukraine-Krieg

15.05.2024
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Oberst dG Dr. Markus Reisner PhD
Ein ukrainischer Soldat startet eine zivile Drohne, die eine Granate mit sich trägt. Bild: Mil.gov.ua, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123350062

Der Ukrainekrieg katalysiert Innovationen bei der Drohnenkriegführung in einem Maße, das besondere Betrachtung verdiene, mahnt Markus Reisner. Einst von den USA für Terrorismusbekämpfung und Counterinsurgency eingesetzt – und umstritten –, hätten sich Sorgen um die Proliferation dieser technischen Fähigkeiten und ihrer Anwendung als Mittel irregulärer Kriegführung seitens staatlicher wie nicht-staatlicher Akteure inzwischen realisiert, wie der Aufstieg Irans zur Drohnensupermacht und dessen regionale Proxys, siehe die Huthis, belegten. Unbemannte Waffensysteme, so Reisners Fazit, seien inzwischen Mittel moderner Kriegführung, mit all den ihnen eigenen Bedrohungspotentialen als Waffenträgersystem. Für NATO-Streitkräfte bedeute dies, bei der Entwicklung von Gegenmaßnahmen nicht ins Hintertreffen geraten zu dürfen. (tt)


Eine Kurzanalyse von Markus Reisner

 

Einleitung 

Drohnenkriegführung hat enorm an Bedeutung gewonnen – das ist eine der Lehren aus dem Ukraine-Krieg. Dieser Krieg wird auf beiden Seiten wesentlich mit Drohneneinsatz unterschiedlicher Art ausgetragen. Eine zunehmende Rolle spielen Minidrohnen. Der Kriegsverlauf lässt auch eine Dynamik von Gegenmaßnahmen und deren Neutralisierung oder Umgehung erkennen, die Aufmerksamkeit verdient, weil westliche Streitkräfte ansonsten den Anschluss verlieren können. Der Krieg in der Ukraine markiert jedoch nicht den Beginn der Militarisierung von Drohnen und der damit verbundenen Transformation der Kriegführung. Schon seit mehr als zwanzig Jahren wächst die Bedeutung von Drohnen für Aufklärung, taktische Führung und als direktes Kampfmittel. Die Transformation der Kriegführung hat schon früher eingesetzt, der Ukraine-Krieg beschleunigt sie jetzt wie ein Katalysator.

Drohnen wurden zu Beginn dieses Jahrhunderts vor allem von den USA, aber auch von Israel im großen Maßstab zu militärischen Zwecken genutzt. Ziel war es, Terroristen, Milizen oder irreguläre Kräfte in entfernten und schwer zugänglichen Regionen zu bekämpfen, ohne eigene Verluste an Menschen und Material zu riskieren. Nach dem 11. September 2001 kam es in den USA und einigen anderen Ländern geradezu zu einem Boom der Drohnenkriegführung, sowohl bei Aufklärung und Feuerleitung als auch der direkten Bekämpfung. Besonders die Obama-Administration setzte stark auf Drohnen zur Bekämpfung von islamistischen Milizen und Terroristen in Afghanistan, in Somalia, im Jemen und Irak, in Pakistan und anderen Ländern.[1] Diese Entwicklung regte eine Vielzahl von wissenschaftlichen Analysen an, die unterschiedliche Aspekte aufgriffen:

Zum einen untersuchte man die Effektivität der Drohnenkriegführung im Rahmen der Terrorismusbekämpfung und der asymmetrischen Kriegführung. Hierbei lautete die Kernfrage, ob und in welchem Maß sich die Anzahl terroristischer Anschläge gegen westliche Streitkräfte oder Verbündete reduzieren lasse und wie nachhaltig die Tötung von Führungspersonen in Terrororganisationen oder islamistischen Milizen deren Handlungsfähigkeit beeinträchtigen werde.[2]

Des Weiteren stand die Frage im Mittelpunkt, inwiefern Drohnenkriegführung die Strategie der Counterinsurgency unterlaufe, indem sie die Bevölkerung, die man eigentlich für die eigene Seite gewinnen will, eher vom Westen entfremde.[3]

Auch entspann sich eine sehr kontroverse Debatte darüber, ob mit dem targeted killing durch zunehmend automatisierte, fernbetriebene Systeme nicht Grenzen der völkerrechtlichen Zulässigkeit überschritten werden.[4]
Besonders in Deutschland wurde tiefernst diskutiert, ob man überhaupt Drohnen beschaffen solle.[5]

Zudem wurde darauf verwiesen, dass die Technologie der Drohnenkriegführung keinesfalls auf die westlichen Staaten beschränkt bleiben wird. Mit der weiteren Ausbreitung von Drohnen sei damit zu rechnen, dass diese in asymmetrischen Konflikten gegen westliche Streitkräfte eingesetzt und vor allem Terroristen neue Anschlagsmöglichkeiten eröffnen würden.[6]

Andere Autoren betonten, Drohnenkriegführung werde auch den qualitativen Charakter der „regulären“ Kriegführung zwischen traditionellen Streitkräften verändern.[7] Drohnen würden die Dynamik des Konflikts zwischen Staaten verändern und neue Optionen der Eskalation oder Verzögerung bieten.[8]

Heute muss man feststellen, dass vor allem die beiden zuletzt genannten Punkte sich als hochgradig relevant und viele der damaligen Prognosen als korrekt erwiesen haben. Zum einen ist eine Proliferation von Drohnen zu erkennen. Diese wird im ersten Abschnitt behandelt. Der Ukraine-Krieg hat zu einer Dynamik der Kriegführung mit und gegen Drohnen geführt, die erhebliche taktische, operative und auch strategische Konsequenzen nach sich zieht. Auf diese Entwicklung wird im darauffolgenden Abschnitt eingegangen. Abschließend werden die daraus resultierenden strategischen Folgen erörtert.

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[1] Woods 2015.
[2] Vgl. Mannes 2008, Jordan 2009, Frankel 2010, Johnston 2012, Price 2012, Byman 2013, Cronin 2013, Dear 2013, Smith/Walsh 2013; Walsh 2013, Abrahms/Potter 2015; Johnston/Sarbahi 2016, Abrahms/Mierau 2017, Mir/Moore 2019.
[3] Sauer/Schörnig 2012; Boyle 2013, Cronin 2013, Hansen/Sauer 2019.
[4] Strawser 2010, Bergen/Rothenberg 2015, Reisner 2018.
[5] Franke 2013a.
[6] Gormley 2003, Franke 2005, Franke 2013b.
[7] Franke 2014, Franke 2018.
[8] Boyle 2020, Kap. 8.


 

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Die Kalaschnikows der Lüfte – Drohnenkriegsführung im Ukraine-Krieg

SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen 

Band 8 Heft. 1-2024, Seiten 67–75,  https://doi.org/10.1515/sirius-2024-1007

Die Erstveröffentlichung des Textes erfolgte am 5. März 2024.

Die Zeitschrift SIRIUS wird herausgegeben durch die Stiftung Wissenschaft und Demokratie (SW&D), ebenso ermöglicht die Stiftung ab dem Jahr­gang 2022 die digitale Veröffentlichung aller Artikel in Open Access unter der Lizenz CC­BY NC ND. Die SW&D ist eine wissenschaftsfördernde Stiftung, die sich in ihrer operativen Tätigkeit als Herausgeberin von SIRIUS und mit ihrem Online­Portal für Politikwissenschaft insbesondere um die Kommunikation politikwissenschaftlicher Forschungsergebnisse bemüht. Darüber hinaus unterhält sie eine eigene Forschungseinrichtung, das Institut für Parlamentarismusforschung in Berlin, und fördert das Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.     

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Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz.
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Externe Veröffentlichungen

Ulrike Franke / 11.08.2023

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Antonio Calcara et al. / 01.04.2022

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