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Wolfgang Zimmermann

Die industrielle Arbeitswelt der DDR unter dem Primat der sozialistischen Ideologie. 2 Bände

Münster: Lit 2002 (Studien zur DDR-Gesellschaft 8); 1.093 S.; brosch., 51,90 €; ISBN 3-8258-5670-4
Welche politisch-ideologischen Funktionen hatte die Nacht- und Schichtarbeit in der DDR? Der Autor, der vor 1989 mit dieser Untersuchung begonnen hat, analysiert das DDR-Schrifttum von 1945 bis zum 3. Oktober 1990 zur Beantwortung dieser Frage vor allem unter soziologischen Gesichtpunkten, berücksichtigt aber auch geschichtliche, ökonomische, juristische und politikwissenschaftliche Aspekte. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Mehrschichtarbeit im industriellen Sektor (44 Prozent aller Berufstätigen arbeitete 1988 in der Industrie und im Bauwesen) von der Staats- und Parteiführung gezielt zur Sicherung ihres Machtmonopols eingesetzt wurde. Die selbstbestimmte Zeit der Produktionsarbeiter wurde auf ein Minimum beschränkt. Vereinfacht gesagt bedeutete dies, dass sich die Mehrschichtarbeiter nur selten mit anderen Menschen treffen konnten und damit wenig Gelegenheit hatten, sich gegen das System zu äußern. Offiziell begründet wurde die Nacht- und Schichtarbeit mit der Absicht, die Industrieanlagen möglichst gut auszulasten. Dieses wirtschaftliche Argument sieht Zimmermann als nicht stichhaltig an. "Es widersprach aller ökonomischer Vernunft, Nacht- und Schichtarbeit mit weitgehend technisch abgenutzter und veralterter Maschinerie betreiben zu wollen" (879). Defekte Anlagen konnten nachts oft nicht repariert werden, außerdem funktionierte die Zulieferung nicht immer. Obwohl das Wirtschaftswachstum also durch die Mehrschichtarbeit nicht gesteigert werden konnte, habe die politische Führung aus politisch-ideologischen Gründen die gesundheitlichen und sozialen Nachteile (u. a. kürzere Lebenserwartung, höhere Scheidungsraten, teilweise verwahrloste Kinder) für die Arbeiter in Kauf genommen. Grundsätzlich seien es die "Wenigerintelligenten" gewesen, die von dieser Politik betroffen waren, "DDR-Fachgelehrte und überzeugte Sozialisten" (887) seien gar nicht erst auf die Idee gekommen, nachts zu arbeiten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Wolfgang Zimmermann: Die industrielle Arbeitswelt der DDR unter dem Primat der sozialistischen Ideologie. Münster: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/18292-die-industrielle-arbeitswelt-der-ddr-unter-dem-primat-der-sozialistischen-ideologie_21169, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21169 Rezension drucken