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Beatrix Bouvier

Die DDR - ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker

Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für Sozialgeschichte e. V.); 357 S.; hardc., 27,80 €; ISBN 3-8012-4129-7
Für Ostalgie ist in diesem Buch kein Platz. Die Darmstädter Professorin Bouvier, die auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialgeschichte e. V. Braunschweig-Bonn tätig ist, analysiert die vermeintlichen "Errungenschaften" der DDR sehr genau. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die DDR kein Sozialstaat, sondern allenfalls eine "Versorgungsdiktatur" (337) gewesen sei, die eine Rundumversorgung auf niedrigem Niveau geboten habe: es gab Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit und eine gewisse gemeinschaftliche Gleichheit. Diese Art von Sozialpolitik sei, anders als in westlichen Demokratien, keine "Antwort auf Herausforderungen durch übermäßige Konjunkturfluktuationen" (11) gewesen. Vielmehr habe sie der Mobilisierung möglichst aller Arbeitskräfte gedient und außerdem eine "wichtige Legitimationsfunktion" (328) erfüllt. Als Gegenleistung für den Verzicht auf ihre demokratischen Rechte sollten die Bürger sozial abgesichert sein. Ob dieser "Tausch" funktionierte, untersucht Bouvier anhand der Eingaben. Diese dienten als Ersatz für die 1952 abgeschafften Klagen vor den Verwaltungsgerichten. Die Autorin stellt fest, dass dieser "Tausch" angesichts offensichtlicher Mängel wie der Wohnungsnot und der Doppelbelastung der Frauen, die trotz aller Propaganda nicht gleichberechtigt waren, immer weniger funktionierte. Zudem sei die Sozialpolitik aufgrund ihrer Legitimationsfunktion nicht von den repressiven Seiten der DDR zu trennen. Denn "das Mehr an sozialer Sicherheit war mit einem Mehr an Überwachung und Polizeistaat verbunden" (337). Aus dem Inhalt: 3. Sozialpolitische Weichenstellungen und Probleme in der Ära Ulbricht; 4. Sozialpolitik in der Ära Honecker: Zur Problematik der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik"; 5. Vom Recht auf Arbeit und den Problemen der Vollbeschäftigung; 6. Die Wohnungsfrage - das ungelöste Dauerproblem; 7. Rentnerinnen und Rentner - schwache Glieder der Erwerbsgesellschaft; 8. Frauen- und Familienförderung - eine besondere Errungenschaft?
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Beatrix Bouvier: Die DDR - ein Sozialstaat? Bonn: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/17788-die-ddr---ein-sozialstaat_20512, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20512 Rezension drucken