Skip to main content
Simon Kießling

Die antiautoritäre Revolte der 68er. Postindustrielle Konsumgesellschaft und säkulare Religionsgeschichte der Moderne

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2006; 314 S.; brosch., 39,90 €; ISBN 978-3-412-33705-6
Die Arbeit ist keine zeit- oder ideengeschichtliche Rekonstruktion der Studentenbewegung, sondern eine sozialphilosophische Reflexion über die antiautoritäre Strömung innerhalb der 68er. Der Autor kritisiert die stereotype Interpretation, die Protestbewegung sei eine Reaktion auf das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik gewesen. Diese Position, die praktisch zu einer Lektüre der Ideen der Protestgeschichte vor „68“ führt, knüpft an die neueren Forschungen zur Adenauerära an, in denen der Modernisierungsschub der fünfziger Jahre hervorgehoben wird. Im Zentrum der Überlegung steht das Verhältnis der antiautoritären Revolte zum Projekt der Moderne, wobei die Frage nach dem häufig ostentativ vorgetragenen Marxismus der Studentenbewegung eine Schlüsselstellung einnimmt. Kießlings These lautet, dass die Antiautoritären Marx auf ihre Weise radikal zu Ende dachten, indem sie eine Vergesellschaftung der Produktionssphäre auf die Intimsphäre, die Wissenschaft, die Politik und die Kultur übertrugen. Die Forderung nach Verwissenschaftlichung, Politisierung und Ästhetisierung reflektierte zwar die entstehende postindustrielle Wissensgesellschaft, wurde aber mit einer scharfen Ablehnung an jegliche reale Institutionen vorgetragen und diente zur eigenen Selbstermächtigung. In diesem schon von Hannah Arendt beschrieben Entwurzelungsprozess der Moderne konnten die Antiautoritären in der Welt keinen Rückhalt mehr finden und mussten zur narzisstischen Selbstreflexion übergehen, deren messianische Züge von Kießling im umfangreichen letzten Kapitel der Arbeit vorgetragen werden. Der Dualismus von Selbstermächtigung und Selbstzerstörung wird von ihnen auf das notwendige Töten angesichts der absoluten Wehrlosigkeit apokalyptisch zugespitzt, was auch die Faszination für die Konzentrationslager erklärt. Selbst wenn dieser Schluss nicht unbedingt geteilt werden muss, dürfte diese Interpretation neue Impulse für die zeitgeschichtliche Forschung geben.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Simon Kießling: Die antiautoritäre Revolte der 68er. Köln/Weimar/Wien: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/25536-die-antiautoritaere-revolte-der-68er_29616, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29616 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken