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Riccardo Bavaj

Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung. Mit einem Vorwort von Klaus Hildebrand

München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2003; IX, 275 S.; 39,80 €; ISBN 3-486-56752-7
Schon früh hatten Arendt, Voegelin aber auch Adorno/Horkheimer je auf ihre eigene Weise den Totalitarismus als Phänomen moderner Massengesellschaften begriffen: sozusagen als die „dunkle Seite" der Moderne infolge von „Welt"- oder „Gottesverlust" beziehungsweise als Ausdruck einer der Aufklärung innewohnenden „Dialektik" funktionalistischer Rationalität. Trotzdem ist - selbst im politikwissenschaftlichen Diskurs - die fortschritts- und zivilisationsoptimistische Auffassung vom Nationalsozialismus als bloßem „Rückschlag" in die Zeiten vormoderner Barbarei weit verbreitet geblieben. Bavaj zeichnet diesen, seit den Achtzigern wieder breiter diskutierten, ambivalenten Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Moderne in den einzelnen Politikbereichen nach und liefert einen ersten Bericht über die einschlägigen Forschungsansätze und Kontroversen unter umfangreicher Berücksichtigung der Literatur. Vor diesem Hintergrund des Stands der Forschung kommt er selbst zum vermittelnden Ergebnis: „Daß die NS-Herrschaft [...] in manchen Schattierungen ihres ideologischen Schleiers anti-modern schimmerte, sollte über den modernen Kern nicht hinwegtäuschen. Weniger als Gegenentwurf zur Moderne denn als Entwurf einer anderen Moderne lässt sich der Nationalsozialismus begreifen" (201). So ist die NS-Diktatur aber auch kein zwangsläufiges Produkt, sondern muss mit „Bracher als eine ‚mögliche Gefahr und Konsequenz des Modernisierungsprozesses' gedeutet werden", ohne dass „das konkrete historische Geschehen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik hinter dem Paradigma der Moderne [...] auf eine ‚Residualkategorie, die man gar nicht näher zu kennen braucht', reduziert werden" darf (204).
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Riccardo Bavaj: Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/20143-die-ambivalenz-der-moderne-im-nationalsozialismus_23467, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 23467 Rezension drucken