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Neil Irwin

Die Alchemisten. Die geheime Welt der Zentralbanker. Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer

Berlin: Econ 2013; 512 S.; geb., 26,- €; ISBN 978-3-430-20126-1
Auch wenn es sich bei diesem Band nicht um ein wissenschaftliches Fachbuch handelt, liefert der Autor interessante Einblicke in ein Institutionensystem, das in der politikwissenschaftlichen Diskussion eine eher randständige Aufmerksamkeit erfährt: das System der weltweiten Zentralbanken. Mit Blick auf die häufig benutzte Chiffre „die Märkte“, die in vielen Analysen zur gegenwärtigen Finanz‑ und Wirtschaftskrise als undurchschaubare Blackbox dargestellt wird, versteht es Irwin mit seinem anekdotischen Erzählstil, Licht in dieses Dickicht zu bringen. Dass er dabei fast schon kumpelhaft über Ben Bernanke, Jean‑Claude Trichet und Mervyn Allister King plaudert, sieht man ihm nach, zeigt er doch, dass auch Zentralbanken als Schlüsselinstitutionen der Krise von Menschen geführt werden. Wertvoll ist zudem der historische Abriss zur Entstehung des Zentralbankensystems. Auch wenn dieser erste Teil seines Bandes verschiedentlich sehr große zeitliche Sprünge in den analysierten Episoden aufweist, werden dabei die sich immer wiederholenden Krisen‑ und Krisenbekämpfungsmuster erkennbar. Besonders eindrücklich ist die Darstellung zur Entstehung des „Federal‑Reserve‑Systems“ (65) in den USA, das letztlich erst 1913 einen festen Rahmen erhielt, da die FED‑Filialen in verschiedenen Bundesstaaten immer eine Übermacht Washingtons fürchteten – ein Muster, dass auch heute noch bestimmend für die US‑amerikanische Politik ist. Diese Uneinigkeit und faktische Handlungsunfähigkeit der FED insgesamt erklärt, warum Banken wie J. P. Morgan schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine so starke Stellung erlangen konnten. In seiner Darstellung zur Entwicklung der gegenwärtigen Krise deckt Irwin sowohl die Irrtümer und Fehleinschätzungen als auch die unterschiedlichen Krisenbekämpfungsstrategien der wichtigsten Zentralbanken auf. Deutlich wird dabei, dass die US‑Notenbank viel früher, unbürokratischer und unbehelligter von öffentlicher Kritik als die Europäische Zentralbank auf den Sekundärmärkten für Staatsanleihen tätig wurde. Irwin beschreibt diese Vorgehensweise als „Experimentierfreude“ und als eine „Spielweise für verzweifelte Improvisationen“ (217). Am Ende kommt er jedoch zu einem sehr klugen Urteil: „Die Geschichte der Zentralbanken“ sei auch „die Geschichte der Zivilisation: Es ist die Geschichte von Menschen, die unter großen Schwierigkeiten lernen, wie man eine gerechtere und wohlhabendere Gesellschaft organisieren kann“ (460). Mag eine solche Aussage auch der Nähe des Autors zu seinem Sachgegenstand geschuldet sein, so kann dem darin enthaltenen Hinweis auf die Notwendigkeit für historisch‑institutionalistische Analysen als Grundlage für ein vertieftes Verständnis von Institutionen und ihren Handlungsweisen nur zugestimmt werden.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 4.432.2 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Neil Irwin: Die Alchemisten. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36741-die-alchemisten_44895, veröffentlicht am 13.02.2014. Buch-Nr.: 44895 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken