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Hans-Ulrich Wehler

Der Nationalsozialismus. Bewegung, Führerherrschaft, Verbrechen 1919-1945

München: C. H. Beck 2009; XI, 315 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-406-58486-2
Im vierten Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ (siehe ZPol-Nr. 23779) hat sich Wehler über mehrere Kapitel verteilt mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Nun hat er diese Passagen aus der umfassenden gesellschaftsgeschichtlichen Synthese gelöst und als Überblicksdarstellung neu zusammengefasst. Im Vordergrund stehen die Politikgeschichte des Nationalsozialismus und der Führerabsolutismus, gegliedert in Aufstiegs- sowie Regimephase und die des Vernichtungskrieges. Da die Faschismustheorie in die Sackgasse geraten sei und die Totalisierungstheorie nur eingeschränkten Erklärungswert besitze, orientiere er seine Darstellung an zwei Konzeptionen, schreibt Wehler, an der „Leitidee vom Radikalnationalismus als Mobilisierungs- und Integrationsdynamik“ und an der aus Max Webers Politischer Soziologie stammenden „Strukturform der charismatischen Herrschaft“ (VIII f.). Auf Hitler treffe die Besonderheit zu, dass ihm nicht nur Personalcharisma zugeschrieben worden sei, sondern auch das Charisma des Wundertäters. Beide Konzeptionen allerdings genügten nicht zur Erklärung des Holocaust, weshalb auch auf mentale Prägungen zurückgegriffen werden müsse (die These Goldhagens vom eliminatorischen Antisemitismus allerdings verdammt er geradezu). Die „zugespitzte These“ lautet: „Ohne Hitlers charismatische Sonderstellung mit ihrem Monopol der Weltdeutung und Handlungsanweisung für den finalen Krieg zwischen Ariern und Juden wäre es nicht zum Holocaust gekommen.“ (X) Hitler sei also keineswegs ein „quasi-bürgerlicher ‚Anti-Lenin’ gewesen“, so Wehler noch einmal in Abgrenzung zu den Thesen Ernst Noltes. Die „wahre Natur“ (209) des Nationalsozialismus fasst der Historiker unter die Begriffe Vernichtungskrieg, Lebensraumimperialismus und Genozid, den Tätern bescheinigt er trotz ihrer Unterordnung unter die charismatische Herrschaft volle Zurechnungsfähigkeit: „Bis zu seinem Ende war sich das Regime auch durchaus bewusst, dass die ungeheuerliche Dimension des Judenmords, weit über einen Tabubruch hinaus, eine gemeinhin unvorstellbare Verletzung zivilsatorischer Normen bedeutete.“ (225)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 | 2.311 | 4.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans-Ulrich Wehler: Der Nationalsozialismus. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/30570-der-nationalsozialismus_36302, veröffentlicht am 16.07.2009. Buch-Nr.: 36302 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken