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Samuel M. Behloul / Susanne Leunenberger / Andreas Tunger-Zanetti (Hrsg.)

Debating Islam. Negotiating Religion, Europe, and the Self

Bielefeld: transcript Verlag 2013 (global local Islam); 372 S.; 32,99 €; ISBN 978-3-8376-2249-2
Ob Immigration, Integration, Kunst‑ und Meinungsfreiheit, Frauenrechte oder die Identität Europas – all diese Themen werden in Verbindung mit dem Islam diskutiert. Der interessante Sammelband nimmt diese Debatten in verschiedenen westeuropäischen Nationalkontexten in vergleichenden Fallanalysen auf und fragt nach Entstehungsgründen, zugrundeliegenden Verständnissen und beteiligten Akteuren. In der Einleitung legt Samuel Behloul dar, dass sich dabei ein gemeinsames Verständnis von Religion als eine diskursive soziale Praktik feststellen lasse. In den Debatten über den Islam drückten sich dabei Machtbeziehungen aus und eine epistemische Grundlage werde geschaffen. Sie bestimme, wie über Religion gesprochen werde und welches Religionsverständnis vorherrsche. Dadurch würden letztlich die Strategien für die Produktion und die Reproduktion des Selbst festgelegt. Behloul öffnet den Blick auf diese epistemische Grundlagen, indem er die Entwicklung des Religionsverständnisses in Europa beschreibt. Es sei zu einem essentialistischen Verständnis gekommen, bei dem die Frage nach der Friedensfähigkeit und Möglichkeit zur Vereinbarkeit mit der Moderne in den Mittelpunkt gerückt sei. Da das beschriebene Islamverständnis dazu im Widerspruch stehe, habe der Islam zu einer problematischen Religion werden müssen. Diese grundlegenden Aussagen dienen als Hintergrund, vor dem viele Beiträge des in drei Teile gegliederten Sammelbandes ihre Argumente entfalten. Im Abschnitt „Rules and Roles“ (139) argumentiert etwa Frank Peter, dass die Herausforderung der Integration der Muslime in Frankreich nicht in der Frage einer Kompatibilität der Scharia mit dem französischen Laizismus liege. Vielmehr sei das allumfassende Verständnis des französischen Laizismus von zentraler Bedeutung, der Peter zufolge als ein eindeutiger und stabiler Rechtsrahmen für die Organisation des Lebens der Muslime in Frankreich angesehen werde, obwohl sich zahlreiche Ambiguitäten des Rechts erkennen lassen. Während sich die Autor_innen im zweiten Teil mit dem Thema von Konversionen zum Islam und zu Transformationen der Identität beschäftigen, wenden sie sich im letzten Abschnitt Fragen des kollektiven Bildes des Selbst und des Anderen innerhalb der Islamdebatte zu. Andreas Tunger‑Zanetti führt hier beispielsweise das Verbot des Minarett‑Baus in der Schweiz durch ein Referendum auf die uninformierte, ambivalente und unsichere Haltung der Mehrheit der Schweizer Bürger gegenüber Religion im Allgemeinen zurück. Insgesamt weisen die verschiedenen Einzelfallstudien eindrucksvoll nach, wie zentral der Religionsdiskurs für die normativen Grenzziehungen und Identitätsfragen des „Ich“ und „Wir“ in westeuropäischen Ländern ist.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.232.212.42.52.612.35 Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Samuel M. Behloul / Susanne Leunenberger / Andreas Tunger-Zanetti (Hrsg.): Debating Islam. Bielefeld: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36800-debating-islam_44965, veröffentlicht am 27.02.2014. Buch-Nr.: 44965 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken