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Michael Bartsch

Das System Biedenkopf. Der Hof-Staat Sachsen und seine braven Untertanen. Oder: Wie in Sachsen die Demokratie auf den Hund kam. Ein Report

Berlin: edition ost 2002; 237 S.; brosch., 12,90 €; ISBN 3-360-01029-9
Bartsch möchte einen "differenzierten und kritischen Nachruf" auf die Regierungszeit Kurt Biedenkopfs vorlegen. Er kommt zu dem Ergebnis, oder besser: er setzt voraus, dass diese Regierungszeit "die Demokratieentwicklung in Sachsen um ein ganzes Jahrzehnt zurückgeworfen" habe (220). Der vormundschaftliche Staat habe nur seine Instrumente und seine Protagonisten gewechselt; überall entdeckt der Autor "verblüffende Duplizitäten zur untergegangenen DDR" (36). Der Dresdner Journalist stößt sich zunächst auf zahlreichen Seiten an der Zuschreibung "König" und "Landesvater" für den Ministerpräsidenten. Immerhin räumt er ein, dass Biedenkopf derartige "Titel" niemals eingefordert habe, vergisst aber, deutlich zu machen, von wem diese Zuschreibungen fortlaufend verbreitet wurden: den Journalisten, den Vertretern seiner eigenen Zunft. Nicht nur der Sächsische Landtag nahm seine Kontrollfunktion lange sehr zurückhaltend wahr, auch die Presse blieb zehn Jahre lang zahm, wie Bartsch erst am Ende des Buches einräumt (189). Sein "Report" erschien zu einer Zeit, in der die Ära Biedenkopf zu Ende ging und zahlreiche Journalisten ihren lange "beherrschten" Unmut wie auf Zuruf mit einem Mal loswerden wollten. Plötzlich wurde der Ministerpräsident zu einem "Symbol von Restauration und Autokratie" (36), dessen Ursprung der Autor in Biedenkopfs Kinderstube vermutet. Die Analyse und Kritik der sächsischen Politik seit 1990 ist ohne Zweifel angebracht; ist es doch nahe liegend, dass sich bei einem Wechsel grundverschiedener politischer Systeme zahlreiche Fehler, Betrügereien, Gewinner und Verlierer finden lassen; auch Musterdemokraten werden nach jahrzehntelanger Diktatur kaum vorhanden sein. Bartschs Buch kommt jedoch nur an wenigen Stellen über einen allgemeinen Journalistenklatsch hinaus. Daran ändern auch die eher peinlichen Ausflüge zu einigen Klassikern des politischen Denkens nichts. Unbedarften Lesern wird ein Panorama von Miss- und Vetternwirtschaft und Bürokratie ausgebreitet, das sich bei näherem Hinsehen als fast völlig substanzlos erweist und mit Gewinn wohl nur für jene zu lesen ist, die einen ähnlichen politischen Hintergrund wie der Autor haben. Demokratie ist aus dieser Perspektive vor allem dann akzeptabel, wenn die eigene Richtung regiert; falls nicht, müssen Regierende wie Regierte gleichermaßen mit beißender Verachtung rechnen. Von den genannten Mängeln abgesehen, beschreibt Bartsch einige Sachverhalte, die durchaus Gegenstand öffentlicher Kritik sein sollten. Etwa der von der Staatsregierung beförderte, wenn auch alternativlose "Sachsenkult", verschiedene Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe an Investoren, das sächsische Harmoniebedürfnis oder die Sehnsucht nach einer starken Führungsfigur, die sich 1990 aus der "allgemeinen Desorientierung der postrevolutionären Übergangsphase", einem "erheblichen Defizit an demokratischen Fähigkeiten, gepaart mit latentem sächsischen Royalismus" entwickelte (30). Daraus allerdings ein "System Biedenkopf" zu konstruieren, erscheint allzu weit hergeholt.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.331 | 2.325 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Michael Bartsch: Das System Biedenkopf. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/16801-das-system-biedenkopf_19301, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19301 Rezension drucken