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Daniela Dahn: Im Krieg verlieren auch die Sieger. Nur der Friede kann gewonnen werden

25.01.2023
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Autorenprofil
Dr. Arno Mohr
Hamburg, Rowohlt Verlag 2022

Angesichts des Ukrainekriegs möchte dieses Buch Fakten und Quellen präsentieren, die noch nicht Eingang ins allgemeine Bewusstsein gefunden hätten. Die vorgetragene Argumentation aus antikapitalistischer, antiamerikanistischer und antimilitaristischer Perspektive enttäusche, so unser Rezensent Arno Mohr, da keine analytische Differenzierung gelinge. Stattdessen werde hier das wichtige Anliegen der Friedensbewegung mit den stets gleichen Erzählungen und Fehlschlüssen über die politische, ökonomische, ideelle und militärische Einflussnahme des Westens vertreten. (tt)


Eine Rezension von Arno Mohr

Die bekannte Publizistin Daniela Dahn, die im Umfeld der Friedensbewegung groß geworden ist und sich als Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“ in den Dienst einer kritisch-emanzipatorischen Politik gestellt hat, ist die Urheberin eines schmalen Buches, dessen Lektüre meine Erwartungen leider enttäuscht hat. Ich habe mich vom Haupttitel locken lassen, denn ich vertrete ebenfalls eine Position, wonach ein moderner Krieg – auch abseits des Einsatzes von Kernwaffen – nur Verlierer hinterlässt. Aber je weiter ich die Lektüre vorangetrieben habe, desto mehr verdichtete sich bei mir ein Missfallen darüber, dass aus dieser hochbrisanten und in der Tat heute wenig durchdachten Thematik im Buch nichts zu erkennen war, woran weiterführende Überlegungen hätten angeknüpft werden können. Was wäre das für eine Möglichkeit gewesen, im Anschluss – um ein Beispiel zu nennen – an das monumentale, sechs Bände umfassende Werk des russischen „Eisenbahnkönigs“ Johann von Bloch „Der Krieg“ (1899) dessen Hauptthese zu überprüfen, die da auf einen Punkt gebracht lautet: Keine Armee ist in der Lage, die andere Seite zu besiegen, weil nicht allein militärische, sondern auch technische, ökonomische, psychologische und politische Verwüstungen zu furchtbaren, zum Teil irreversiblen Konsequenzen führten. Möglichkeiten können gelegentlich zu Wirklichkeiten neugeschmiedet werden, wenn auch in völlig verschiedenen Gestaltungen. Johann von Bloch hatte sein Werk 15 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges publiziert und analytisch vieles vorweggenommen, so beispielsweise welche Verluste in den von ihm untersuchten kriegerischen Auseinandersetzungen bei allen beteiligten Kriegsparteien zu beklagen gewesen waren.

Stattdessen wähnte ich mich bei dem vorliegenden Buch in einer geistlosen Ruine, die, wie sonst auch, wenig bis nichts zur Förderung von Erkenntnis und abwägendem Urteil hinterlässt. Selbst die sich daraus ergebende sogenannte „Moral von der Geschicht“ ist nicht herauszulesen, weil sich allzu viele Schlussfolgerungen zwischen Despektierlichkeit und Sarkasmus hin- und her bewegen. Angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine – so fällt die Autorin gleich mit der Tür ins Haus - hätten sich die Medien in einmütiger Selbstermächtigung selbst gleichgeschaltet. Sie sehen, sobald sich russische Stimmen erhoben hätten, nur Propaganda am Werk. Ein audiator et altera pars würde nicht einmal nur ansatzweise in Erwägung gezogen. Daniela Dahn will dieser bequemen Haltung entgegensteuern, indem sie den „kräftezehrende[n]“ Versuch macht, „die Barrieren zu durchbrechen“ und jene Fakten und Quellen zu präsentieren, die noch nicht ins Allgemeingut eingegangen seien (10 f.), „das schlimmste Verbrechen, das das Völkerrecht kennt“ (46, auch 123 f.). Sie pflegt eine elegante Sprache und streut manche geistreiche Bemerkungen in ihren Schreibfluss ein. Reziprok dazu steht ihre inhaltliche Argumentation. Dahns Friedenssehnsüchte und ihr pazifistisches Engagement in allen Ehren, so muss doch ausgesprochen werden: Bedauerlicherweise hat sie ihr Potential an ein Denkschema verschleudert, das Friedenssehnsucht mit Friedensstiftung und -sicherung verwechselt. Sie versinkt in einer Apologetik, die – man merkt dies besonders im zweiten Teil – lediglich die Programmatik der Partei DIE LINKE wiedergibt: Antikapitalismus, Antifaschismus, Antiamerikanismus, Antimilitarismus, Russophilie und Serbophilie. Die schleichende Gefahr, dabei auf Elementen zu bauen, die Fehlschlüsse, Unrichtigkeiten, Halb- und Viertelwahrheiten hervorbringen, weil sie der Wirklichkeit nicht standhalten können, ist durchgängig erkennbar.

Abgesehen vom ersten und letzten Beitrag, stellt Daniela Dahns Buch eine Kompilation bereits herausgebrachter Artikel aus diversen Publikationen dar. Jeder der nachgedruckten Aufsätze ist mit aktuellen Einführungen beziehungsweise Vorbemerkungen versehen. Die Mehrheit stammt aus den Jahren 2021 und 2022. Der erste Teil hat den Ukraine-Krieg zum Gegenstand („Ukraine zwischen Russland und Nato“), der zweite handelt von der UNO, vom deutschen Faschismus und faschistoiden Tendenzen in Deutschland, vom Kampf der Behörden gegen den Rechtsradikalismus, von Migration, Pressefreiheit, Covid-19, der DDR („eine Utopie, an die sich anknüpfen lässt“) und vom „hungernden Afrika“. Dahn eröffnet ihr Buch - „zur Einstimmung“ -, indem sie in das Gewand der pessimistischen Seherin der griechischen Mythologie schlüpft: „Kassandra lässt grüßen“ (9-12). Doch denkt 'Kassandra' gar nicht daran. Wir erleben vielmehr eine Kassandra in Hochform, verbissen und voller Hoffart zugleich, die gleich zur Sache kommen will: Den russischen „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine kann sie zwar nicht leugnen, trotzdem hätten sich die „großen“ Medien (in Deutschland) in ihrer Berichterstattung selbst gleichgeschaltet. Die Schuld Russlands wird allerdings halbiert. Aber am Anfang ihrer Kausalkonstruktion stehen immer der Westen, die NATO, die USA und als Mitläufer Deutschland. Um der Wahrheit willen dürfe man relativieren, so die Autorin. Nur über das Relativieren lasse sich Gerechtigkeit herstellen (34, 48: es gehe nicht ums Relativieren, „sondern um Verteidigung kausalen Denkens“). Was versteht Dahn unter „Gerechtigkeit“? Gerechtigkeit ist für sie die Asymmetrie zwischen einer durch die Beschneidung ihrer elementaren Interessen durch den Westen in die Defensive gedrängten russischen Nation, wobei das allgegenwärtige Großmachtstreben von NATO und USA die Friedensliebe des russischen Volkes und ihres Vollstreckers Putin keines Blickes würdigten. Dieses Gedankengebäude ist an sich selbst gescheitert, weil es auf Fundamenten errichtet worden ist, deren wesentliche Bauelemente sie nicht befriedigend zu erklären vermag. Das ist sehr bedauerlich, denn Daniela Dahn hat das Potential, dem Frieden eine Gasse zu schlagen, doch hat sie die Richtung völlig verfehlt. Sie hat sich außerstande gesehen, sich der Zwangsjacke ihres Denkmusters zu entledigen und wirklich auch der 'Gegenseite' Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Geben wir in knappen Umrissen an, was es mit dem Buch auf sich hat. Als Erstunterzeichnerin des ersten Offenen Briefs an Bundeskanzler Scholz, der am 22. April 2022 in der Berliner Zeitung erschien und der zu einem Stopp von Waffenlieferungen, zum Waffenstillstand und zu Friedensverhandlungen aufforderte, macht Dahn den Westmächten den Vorwurf, den Krieg angezettelt zu haben. Sie wiederholt, was die sogenannten „Russland-Versteher*innen“ sich auf ihre Fahnen geschrieben haben: Der Westen sei nicht auf die legitimen Sicherheitsinteressen Russlands eingegangen und habe sie ignoriert (18 f.). Dies geht mit einer scharfen Kritik an der Ukraine einher: Die Medien hätten dieses System großgeschrieben, indem sie das Land als eine „aufstrebende [...] Demokratie“ dargestellt hätten. Dabei sei es mit der Meinungsfreiheit dort nicht weit her. Die Opposition – die Kommunistische Partei und regierungskritische Medien – werde als „prorussisch“ ausgegrenzt. Die „Orangene Revolution“ von 2004 und der „Euromaidan“ von 2014 seien durch „Provokationen“ von außen aktivistisch angeheizt worden, die „auch heute schon“ moralisch nicht zu ignorieren seien. Das Drehbuch hierzu hätten das US-amerikanische Freedom House und die Konrad-Adenauer-Stiftung geschrieben (24). Das läuft zwangsläufig auf die These hinaus: „Der Westen ist Teil des Problems.“ (27). Diesen Provokationen seien jahrelange Desinformationsstrategien vorgelagert gewesen (29 f.). Unter taktischen Gesichtspunkten hätten die ukrainischen Militärs zudem die Kampfhandlungen in die Städte verlegt, wodurch der Häuserkampf für die angreifenden Streitkräfte viel schwieriger geworden sei. Nachweislich hätten die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten aus Fabriken, Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern ihre Gefechte geführt, was gegen das Prinzip der „unverteidigten Städte“ des humanitären Völkerrechts verstoßen habe. Hätten die ukrainischen Streitkräfte diesem Prinzip entsprochen und wären in die Fläche zurückgewichen ... – dann, so die Insinuation, hätte Russland mit seinen Streitkräften nicht so viele Bewohnerinnen und Bewohner unschädlich machen beziehungsweise Gebäude zerstören müssen (32, 33; es wird der Ex-General Harald Kujat als vermeintlicher Kronzeuge präsentiert). Dann kommt das Klima ins Spiel, und zwar, als die Autorin von den Folgen einer „atomaren Kurzschlussreaktion“ warnt. Was seien dagegen schon „die Tonnen toter Fische in der Oder“! (35). Und was sei dagegen schon „die Unverletzlichkeit der ukrainischen Grenzen“! Fürwahr ein hohes Gut – aber auch „ein relatives“ im Blick auf die Zusammenbrüche des Weltklimas und der Weltwirtschaft! Alle Kriegsschauplätze seit den 1960-er Jahren, die den USA zuzuschreiben sind, betrachtet die Autorin als die wahren Geburtshelfer der russischen Aggression in der Ukraine – im Grunde genommen eine Reaktion auf die NATO-Osterweiterung. Sei da nicht der Unwille Russlands gerechtfertigt, „sich das weiterhin nicht bieten zu lassen“? (39, auch 46, 49 f.). Ähnliches behauptet Dahn auch im Blick auf den Energiesektor: Nicht Russland sei schuld an der Explosion des Gaspreises, sondern der Westen, der von Anfang an eine illusionäre „wertebasierte“ Glaubwürdigkeitsstrategie ins Spiel gebracht habe, um mit Hilfe von inkonsequenten Strafmaßnahmen Russland „mit unserer Halbmoral zum Gehorsam zwingen zu können“ (43).

Die Larmoyanz, mit der Dahn die russische Position in ein helles Licht taucht, korrespondiert mit einer weit übertriebenen Verdammung des Westens. Den Krieg im ehemaligen Jugoslawien wertet sie als weiteren Kippmoment, der dem Ukrainekrieg vorgelagert gewesen sei. Slobodan Milošević und seine nationalistische Politik wird nachträglich salviert (69). Auf den Seiten 87 bis 96 wird der angeblich vom Westen finanzierte Staatsstreich des „Euromaidan“ als ökonomische Penetration des Kapitalismus in die Ukraine angesehen, das meint: den „Einmarsch“ des Freihandels multinationaler Unternehmen ins Land. Dabei spiele jenes berühmt-berüchtigte Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine eine überragende Rolle. Präsident Wiktor Janukowytsch zog nämlich seine Zusage zur Unterschrift zurück, nachdem er von Putin unter Druck gesetzt worden war. Dahn insistiert darauf, dass diese westliche Infiltrationspolitik gegenüber der Ukraine darauf aus gewesen sei, den „frei“ gewählten und folglich legitimen Präsidenten Janukowytsch aus dem Amt zu jagen. So „frei“ war diese Wahl von 2004 indes nicht, sie war manipuliert, auch wurde sie von der Bevölkerung nicht mitgetragen. Kulminationspunkt war die umstrittene Stichwahl, deren Ergebnis – der Sieg von Janukowytsch – von Anfang an angezweifelt wurde und eigentlicher Auslöser des „Euromaidan“ war. Ebenso sollte nicht vergessen werden, dass Janukowytsch das Vertrauen der Armee und der Geheimdienste verlor. Daniela Dahn stellt stets die Verletzung der demokratischen Spielregeln heraus, die zum „Staatsstreich“ (91) gegen die Janukowytsch -Regierung führte. Sie erwähnt aber nicht, dass es der Präsident war, der die, durch die „Orangene[n] Revolution“ initiierte Verfassungsreform induzierte, Beschränkung seines Machteinflusses auf die Kabinettsbildung zurückgenommen hatte und dies mit der Begründung, sie sei nicht verfassungskonform umgesetzt worden. Das widerspricht ganz eindeutig den Forderungen Dahms, wonach einzig und allein „freie Wahlen und durch Referenden legitimierte Abstimmungen und Verfassungen“ Grundlage politischer Macht seien (96, ähnlich auch 129).

Es lassen sich weitere steile Thesen des Buches wiedergeben, die sich von Problembereichen herleiten, die nichts oder nur indirekt mit dem Ukrainekrieg zu tun haben: Die Autorin spricht auch von einem „Neokolonialismus“, indem sie eine ökonomische Landnahme des Westens, vor allem der USA, festzustellen meint: „Der Neokolonialismus braucht keine Territorien, bezahlte Statthalter genügen“ (93). Was die Gasfrage anbelangt, argumentiert sie, dass nicht Russland begonnen habe, Gas als Waffe einzusetzen, sondern „der westliche Wirtschaftskrieg“, der alles seit dem Zweiten Weltkrieg Geschehene übertreffe (128 f.). Im Buch wird auch viel auf- beziehungsweise miteinander verrechnet: Das Gaddafi-Regime habe zwar eine diktatorische Seite gehabt, aber auch eine emanzipatorische, die 2011 von der NATO zerniert worden sei (155). Die Methoden Aljaksandr Lukaschenkas seien nicht hinnehmbar. Aber seien die „Strafaktionen“ des Westens nicht ebenso Formen von „Staatsterrorismus“? (155). Fremdenfeindlichkeit sei eine Funktion der „Kapitallogik“ (162). Das ist marxistische Politökonomie in ihrer schlechtesten Art. Im Blick auf Migrationsphänomene wird die rhetorische Frage gestellt: „Sind die Flüchtenden das ersehnte revolutionäre Subjekt, das Egalisierung und Ökologisierung zwangsläufig vorantreibt?“ (ebenda). Was treibt hier wen voran? Zur Pressefreiheit gehöre auch die Freiheit zur Kritik an der Presse (163-174). Es wird so getan, als seien Zensur und Manipulation der Medien hierzulande der „Normalfall“, als ob andere Meinungen keine Chancen hätten, den Menschen vermittelt zu werden. Niemand hat je untersagt, die Presse frei zu kritisieren; man muss allerdings mit Gegenansichten rechnen. Investigative Recherchen gebe es nur noch im Kabarett (167), was einfach unzutreffend ist. Die politische Klasse in Deutschland sei nicht darauf erpicht, ein Interesse an der Heranziehung wissender, selbstbestimmter und mündiger Bürgerinnen und Bürger aufzubringen (167). Die Medien würden ihren demokratischen Aufgaben nicht mehr gerecht, sie seien nicht länger neutral und dies „aus Angst“ ausgegrenzt zu werden (171 f.). Bezüglich der Covid-19-Pandemie: Von der Politik sei die „irreführende Anmaßung“ in die Welt gesetzt worden, als ginge es in der Pandemie um Leben und Tod (190). Gegen den Tod lasse sich aber nichts ausrichten, also müssten wir uns halt fügen. So bestehe überhaupt kein Grund, sich zum Impfen zwingen zu lassen. Impfen sei keine patriotische Pflicht, trage aber eine gewisse Versuchung zum Totalitarismus in sich (190 f.).

Das Buch ist als eine Philippika gegen die politische, wirtschaftliche und militärische Einflussnahme des Westens und seine gesellschaftlichen Werthaltungen zu charakterisieren. Es steht außer Zweifel, dass an ihm vieles zu kritisieren ist, weil Schein und Wirklichkeit oft nicht übereinstimmen. Doch die Dinge sind komplizierter als es die Ausführungen der Autorin nahelegen. Sie spricht oft von analytischer Differenzierung, hält sich aber nicht daran. Forderungen werden erhoben, die jeder unterschreiben kann, soweit sie den Frieden besiegeln und sichern sowie den Krieg ächten und verhindern. Das sagt sich leicht. Aber konkrete Vorschläge sucht man im Buch vergebens, die auch diese Bezeichnung verdienten. Auch erscheint es dem Anliegen der Friedensbewegung überhaupt nicht förderlich, sich wiederholt in stets denselben und damit längst gängig gewordenen Kausalitätsannahmen und Weltperzeptionen zu ergehen, ohne dabei einen Hauch von Selbstkritik oder -reflexion aufleuchten zu lassen.

Daniela Dahn hat wissentlich die Rolle der Kassandra als Inbegriff der Mahnerin und Warnerin eingenommen. Doch scheint sie übersehen zu haben, dass es bei dieser Gestalt der griechischen Mythologie zwei Seiten derselben Medaille gibt. Kassandra ist nämlich im Götterkosmos der Griechen dazu verdammt, dass man ihren Jeremiaden keinen Glauben schenkt. So nimmt es nicht Wunder, dass die großen Tragiker sie in ihren Schauspielen nur als Außenseiterin auftreten lassen. Es steht mir nicht zu, der Autorin Ratschläge zu erteilen. Aber es soll doch der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass sie solchen Zuweisungen zuvorkommen möge. Die Erlangung einer Friedensordnung kann gewiss nicht gelingen, wenn man bei den anfallenden praktischen Aufgaben den weltfremden Theoretiker zu Rate ziehe, so Sigmund Freud in seinem berühmten Brief an Albert Einstein vom September 1932. Dort stellt Freud die Frage, weshalb wir uns gegen den Krieg empören. Seine Antwort: weil wir nicht anders könnten, weil wir „aus organischen Gründen“ Pazifistinnen und Pazifisten sein müssten. So hätten wir es leicht, „unsere Einstellung durch Argumente zu rechtfertigen.“ Argumente, basierend auf realitätsgerechten Diagnosen, und nicht auf haltlosen Traumgebilden, die sich aus einem einfallslos zusammengerührten Gebräu zweckentfremdeter ideologischer Ingredienzien herleiten lassen. Eine Welt ohne Krieg ist zu lebensnotwendig und Friedensbewegungen sind zu wichtig, als dass Einsichten vermittelt und Forderungen erhoben werden, die das Gegenteil von dem bewirken, was sie beanspruchen.

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