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Isa Garde

Cripping Development? Ambivalenzen "Inklusiver Entwicklung" aus crip-theoretischer Perspektive

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2015; IX, 136 S.; brosch., 24,95 €; ISBN 978-3-631-66090-4
Diplomarbeit Wien. – Im Zentrum der im Bereich der Internationalen Entwicklung verorteten Arbeit steht die Frage, inwiefern die „Versprechen von Inklusiver Entwicklung eingelöst werden oder überhaupt eingelöst werden können“ (6). Inklusive Entwicklung meint dabei zunächst einmal die Forderung nach der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in die Entwicklungszusammenarbeit. Die Autorin verbindet dazu unterschiedliche kritische Perspektiven auf Entwicklung, darunter feministische, postdevelopmentalistische und postkoloniale Ansätze. Im Sinne der Disability Studies versteht Isa Garde dabei, entgegen der medizinischen beziehungsweise individuellen Definition, Behinderung als gesellschaftlich konstruiert beziehungsweise produziert: Es ist „nicht die einzelne Person, die ‚behindert’ ist, sondern eine Person wird durch die Gesellschaft ‚behindert’“ (38). Entsprechend dem sozialen Modell von Behinderung sei zwischen Behinderung (Disability) und Einschränkung (Impairment) zu unterscheiden. Beide stehen nicht in kausalem Zusammenhang, da Letztere zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Erstere sei. Mittels der Crip‑Theorie, deren Nutzbarmachung, wie die Autorin zugibt, aufgrund eines fehlenden begrifflichen Äquivalents im deutschsprachigen Raum an seine Grenzen stoße, soll in Parallele zu dem in der Queer‑Theorie beheimateten Konzept von Compulsory Heterosexuality die Idee der Compulsory Able‑Bodiedness zur Entwicklungskritik benutzt werden. Diese zielt nach Garde auf die systematische Verankerung von Nicht‑Behinderung als naturgegebene Norm ab und verschleiert so deren Status als Privileg. Unter Rückgriff auf Elemente der post‑developmentalistischen Entwicklungskritik stellt die Autorin hieran anknüpfend die Frage, „wie ‚Behinderung’ in den Entwicklungsapparat mitsamt seiner technokratisierenden und depolitisierenden Effekte eingebettet wird und wie dieser Apparat sich über die Produktion eines Begehrens nach dem Versprechen von Inklusion aufrechthalten kann“ (77). Auf der Grundlage dieser Theoriekombination macht sie sich schlussendlich daran, „Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten inklusiver Entwicklungsdiskurse“ (85) herauszuarbeiten. Inklusive Entwicklung trete mit dem Ziel an, einen „Paradigmenwechsel im Sprechen über ‚Behinderung’ einzuleiten und damit ultimativ zu einem Wertewandel beizutragen“ (123) und so einen Beitrag zur Reduktion von globaler Ungleichheit zu leisten. Ein Erfolg ist nach Ansicht von Garde angesichts der „Reproduktion von rassialisierter, kolonialisierender und ableistischer Diskurse“ (120) jedoch fraglich.
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Rubrizierung: 4.44 Empfohlene Zitierweise: Christian Patz, Rezension zu: Isa Garde: Cripping Development? Frankfurt a. M. u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39439-cripping-development_47670, veröffentlicht am 25.02.2016. Buch-Nr.: 47670 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken