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Heinrich Oberreuter (Hrsg.)

Bildungspolitik im Umbruch

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011 (Zeitschrift für Politik Sonderband 4); 99 S.; 16,- €; ISBN 978-3-8329-6049-0
In der Hauptsache kann dieses Sonderheft als eine inständige Verteidigung der Humboldt’schen Bildungsideale gelesen werden. Einleitend umreißt Oberreuter unter Rekurs auf Humboldt die Anforderungen an ein zukunftsfähiges Bildungssystem. Dieses müsse unter dem Leitbild der Förderung von Individualität, Kreativität und Selbstbewusstsein den drei Maximen „Selbstverantwortung stärken“, „Allgemeinbildung fördern“ und „Schlüsselqualifikation vermitteln“ (13 f.) verpflichtet sein – Elitebildung und Exzellenzförderung eingeschlossen. Im Mittelpunkt des Bandes steht die kritische Auseinandersetzung mit dem Bologna-Prozess, der von den Autoren als weitgehend gescheitert betrachtet wird. Durchgängig wird die zunehmende Instrumentalisierung von Bildung durch ökonomische Zwecke kritisiert. Außerdem stehe „die Praxis des Bologna-Prozesses nicht nur im Gegensatz zu den Prinzipien der modernen, humanistisch geprägten europäischen Universität“ (28), schreibt beispielsweise Julian Nida-Rümelin, sondern verfehle auch seine eigenen Ziele, etwa die Steigerung der studentischen Mobilität und der internationalen Konkurrenzfähigkeit sowie die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums. Unter der Titelfrage „Bologna oder Harvard?“ befasst sich Hans Joachim Meyer mit der „ideologischen Fehlorientierung“ (58) dieser Studienreform: „Das Stück, das auf der Bühne [‚Bologna’] gespielt wird, heißt in Wahrheit ‚Harvard’“. (56) Mit Bachelor und Master sei der Weg der deutschen Hochschulen in die amerikanisch dominierte Moderne proklamiert worden. Diese Orientierung an den USA führt Meyer nicht zuletzt auf die „demonstrative Distanzierung“ der Deutschen von sich selbst zurück, die seit „1968 zu einem wesentlichen Merkmal des Selbstverständnisses der sich als links oder kritisch betrachtenden akademischen und intellektuellen Elite der Bundesrepublik [wurde]“ (58). Ein Beitrag ist der Entwicklung des Gymnasiums gewidmet. Das Gymnasium habe, schreibt Josef Kraus mit Seitenhieb auf die 68er-Generation, den wichtigen gesellschaftlichen Auftrag der Elite-Bildung. „Eine Leistungs- und Verantwortungselite muss es sein, die zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist. Vor einem solchen Hintergrund“, fährt Kraus fort, „ist selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen nützt“ (77).
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.263 | 2.343 | 3.5 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Heinrich Oberreuter (Hrsg.): Bildungspolitik im Umbruch Baden-Baden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33490-bildungspolitik-im-umbruch_40078, veröffentlicht am 17.05.2011. Buch-Nr.: 40078 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken