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Ludwig A. Pongratz

Bildung im Bermuda-Dreieck: Bologna – Lissabon – Berlin. Eine Kritik der Bildungsreform

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2009; 169 S.; 22,90 €; ISBN 978-3-506-76728-8
Im „Bermuda-Dreieck der Bildung“ geht der aufklärerisch-kritische Gehalt von Bildung lautlos unter, weil er in den Sog von Reformprozessen gerät, die mit Namen wie Bologna, Lissabon oder Berlin verbunden sind, lautet die These des Professors für Pädagogik an der TU Darmstadt Pongratz. 2000 wurde in Lissabon beschlossen, dass sich die EU bis zum Jahr 2010 zur „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt“ entwickeln soll. Damit sei die Bildung in den Dienst des Wirtschaftswachstums gestellt worden. In der Folge sei eine stärkere Bildungszusammenarbeit auf europäischer Ebene vereinbart worden, um einen EU-weiten Rahmen für die Zuordnung von Kompetenzen und Bildungsabschlüssen zu vereinbarten Niveaustufen einzuführen und das lebenslange Lernen nachhaltig zu fördern. Deren Umsetzung hätten die nationalen Regierungen befördert. Der Bologna-Prozess und die OECD-Bildungspolitik, die sich genau in die Lissabon-Strategie einfügten, stoßen auf die Kritik des Autors: An die Stelle des Europas der Bürger werde ein „Europa der (Selbst-)Unternehmen“ (12) treten. Diese Vision vom „Selbst-Unternehmen der Wissensgesellschaft“ folge der Idee der OECD, wonach Bildung die „‚mit Abstand wichtigste Produktionskraft’“ sei. Diese Annahme sei keineswegs bewiesen, verschaffe aber dem Humankapital-Theorem allgemeine Anerkennung. Die „Konzentration auf Erträge und Output“ (13) markiere die eigentliche Wende dieser Bildungspolitik. Es gebe zahlreiche Ungereimtheiten. Hierzu zähle etwa die These, dass Absolventen mit berufsspezifischen Qualifikationen bessere Arbeitsmarktchancen hätten als solche ohne; empirisch sei sie keineswegs gestützt, ebenso wenig die Aussage, dass die Modularisierung von Studiengängen die Qualität des Studiums erhöhe – die Urteilsfähigkeit „entspringt nicht aus kompakten, abprüfbaren Stoffgebieten, sondern aus der Selbstbestimmung der Studierenden“ (14), wovon nicht die Rede sei. Pongratz hält die Folgen dieses Umbaus der Studienstruktur für alarmierend, so seien beispielsweise die Studienabbrecherzahlen dramatisch gestiegen.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 3.5 | 2.343 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Ludwig A. Pongratz: Bildung im Bermuda-Dreieck: Bologna – Lissabon – Berlin. Paderborn u. a.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/30405-bildung-im-bermuda-dreieck-bologna--lissabon--berlin_36095, veröffentlicht am 16.07.2009. Buch-Nr.: 36095 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken