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Slavoj Žižek

Abgrund der Freiheit/Die Weltalter. Ein Essay mit dem Text "Die Weltalter" (zweiter Entwurf, 1813) von Friedrich Wilhelm J. von Schelling. Übersetzung aus dem Englischen von Oliver Hörl

Hamburg: LAIKA Verlag 2013 (LAIKAtheorie); 160 S.; 38,- €; ISBN 978-3-942281-57-7
Der schon 1997 verfasste und relativ unbekannte Aufsatz zu Schellings „Die Weltalter“ zeigt Slavoj Žižek in bester Form und in einer seiner Lieblingsdisziplinen: die lacanianisch‑psychoanalytische Wendung des Deutschen Idealismus. Wo sonst Hegel als Bezugspunkt dient, spürt Žižek in Schellings Werk dessen bahnbrechenden Überlegungen nach, vor deren Konsequenzen jener selbst zurückzuschrecken schien. Žižek übernimmt die Rolle des radikalen Interpreten und versucht zu verdeutlichen, wie die zentralen Intuitionen der „Weltalter“ rückwärtsgewandt nicht nur als tragfähige Hegelkritik dienen können, sondern dass „es sich bei den Weltalter‑Fragmenten um den Gründungs‑Text des dialektischen Materialismus“ (38) selbst handele, der so bis in die zeitgenössische Dekonstruktion hineinwirke. Dies betreffe vor allem Schellings Idee einer Art Gründungssituation, in der Gott als Subjekt aus der irrationalen „Rotationsbewegung der Triebe“ (20) heraustritt, indem er dieses Chaos durch einen Akt der Entscheidung (des Wortes selbst) in ein Reich der Vergangenheit verbannt. Zeitlichkeit werde so zu einem Modus der Ewigkeit, als ein Heraustreten aus dem göttlichen Wahnsinn und der Raserei blinder Triebe, und Wirklichkeit immer nur eine fragile Balance aus den Kräften der Kontraktion und Ausdehnung: eine notwendige Symbolisierung, die dem Realen zu widerstehen versucht – um es wie Žižek lacanianisch zu wenden. So werde deutlich, wie „der unbewusste Akt der Ent‑Scheidung […] den Strudel der Triebe, ihren ‚wilden Tanz‘ in die Dunkelheit der ‚immerwährenden Vergangenheit‘ verweist“ (41), von wo aus er beständig insistiert. Dieses irreduzible Grundmotiv finde sich am stärksten ausgeprägt in der zweiten Fassung der „Weltalter“, die dem Band anhängt. Schellings Entwicklung sei dabei vergleichbar mit der der Frankfurter Schule, in der Habermas der Sackgasse des Denkens durch einen Kompromiss zu entkommen suchte, der das eigentliche Problem verkennen müsse. So sei es gerade Schellings Radikalität – die er später selbst zu entkräften suchte –, welche die Bearbeitung ontologischer und subjektphilosophischer Probleme jenseits eines Neo‑Fundamentalismus und postmodernen Relativismus andeute. In einer unglaublich dichten Analyse reichen Žižeks Ausführen so bis zum späten Lacan heran und nehmen dabei die gewohnten Umwege über Hegel, Marx und alle erdenklichen Spielarten popkultureller Phänomene. In diesem Essay liegt damit auch ein beeindruckender Beweis dafür vor, welche philosophische Brillanz diesem – für seine immer radikalere Polemik scharf kritisierten – Denker eigen ist.
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 5.42 | 5.33 Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Slavoj Žižek: Abgrund der Freiheit/Die Weltalter. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36011-abgrund-der-freiheitdie-weltalter_44105, veröffentlicht am 01.08.2013. Buch-Nr.: 44105 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken