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Fake News

Mit Transparenz gegen die Vertrauenskrise der Medien? Über politische Entfremdung und den Eliten-Diskurs

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newspaper sonja_paetow pixabayMedienhäuser gewähren zunehmend Einblick in ihre Arbeits- und Produktionsroutinen. Doch Transparenz allein ist kein Mittel gegen politische Entfremdung. Foto: sonja_paetow / pixabay

 


1. Einleitung

Seit Anfang 2014 sehen sich die etablierten Medien in Deutschland heftigen Anfeindungen aus Teilen der Bevölkerung ausgesetzt. Beginnend mit dem Unmut über eine als zu russlandkritisch empfundene Berichterstattung im Zuge der Ukraine-Krise und der Krim-Annexion wurde auch bei anderen Themen, vor allem der sogenannten Flüchtlingskrise sowie der Asyl- und Einwanderungspolitik, Wut und Misstrauen geäußert. Zum Ausdruck dieser Emotionen sind verschiedene Schlagworte im Umlauf. Das harmlosere – und analytisch durchaus fruchtbare – ist das der „Mainstream-Medien“1 . Deutlich dramatischer sind der Vorwurf der „gleichgeschalteten Systemmedien“, der den Ruch des Totalitären hat und Vorzensur durch gleichschaltende Instanzen impliziert, und die Rede von der „Lügenpresse“, die – zudem NS-belastet – ein hohes Maß an Aggressivität gegen Medienschaffende transportiert und im Wortsinn meint, Journalisten würden absichtlich falsche Sachverhaltsaussagen treffen.

Ein solcher Verdacht scheint aber weit verbreitet zu sein. In einer Allensbach-Umfrage für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Dezember 2015 gaben 39 Prozent der Befragten an, am Vorwurf der „Lügenpresse“ sei etwas dran in dem Sinne, „dass die Medien angeblich nicht objektiv berichten, sondern Sachverhalte verdrehen oder bestimmte Tatsachen ganz verheimlichen“2 . In einer Emnid-Umfrage für den Bayerischen Rundfunk vom März 2016 glaubten 65 Prozent der Befragten, „Journalisten dürfen oft nicht sagen, was sie denken“, und 60 Prozent fanden, Medien „blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht halten“. Und immerhin 55 Prozent hatten den Eindruck, die Medien würden die Mächtigen im Land – also Staat, Regierung, Wirtschaft und einflussreiche Interessengruppen – eher stützen denn kritisch kontrollieren.3

Häufig wird von einer Vertrauenskrise der Medien gesprochen, zuweilen auch von einem Vertrauensverlust. Zwar deuten Langzeitdaten darauf hin, dass das Vertrauen in die Medien in Deutschland nicht signifikant gesunken und im internationalen Vergleich recht hoch ist, außerdem öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und Qualitätszeitungen in Sachen Glaubwürdigkeitszuschreibung recht gut dastehen.4 Trotzdem: Es gibt ein Problem. In der letzten repräsentativen Bevölkerungsumfrage zum Thema, durchgeführt von Forschern der Universität Mainz, zeigte sich: Der Anteil derjenigen Personen, die den Medien eher oder voll und ganz vertrauen, stieg zwischen 2008 und 2016 von 29 auf 40 Prozent, doch der Anteil derjenigen, die den Medien eher nicht oder überhaupt nicht vertrauen, stieg ebenfalls an (von 9 auf 24 Prozent); die unentschiedene Mitte war geschrumpft. Zugleich gab es beachtliche Zustimmungsquoten zu dem Lügenpresse-Vorwurf „Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen“ (19 Prozent sagten, dies treffe „voll und ganz“ oder „eher“ zu, und weitere 36 Prozent stimmten immerhin für „teils/teils“) sowie zu dem verschwörungstheoretisch designten Item „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ (26 Prozent „voll und ganz“ oder „eher“, 31 Prozent „teils/teils“).5

Die offensichtlich hohe Attraktivität einer solchen Medien-Verschwörungstheorie wird von vielen gesellschaftlichen Akteuren als Bedrohung für die Demokratie wahrgenommen. So äußerte sich der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem Spiegel-Essay alarmiert: „Die Idee einer Medienverschwörung – die ideologisch verschärfte Spielform einer ohnehin verbreiteten Medienverdrossenheit – ist momentan schwer in Mode. […] Ein drohender Dialog- und Kommunikationsinfarkt wird hier sichtbar, der einer offenen Gesellschaft gefährlich werden kann.“6 Um diese Gefahr abzuwenden und das Verhältnis zu den Nutzern zu verbessern, haben einige große Medien Transparenzoffensiven gestartet. Zum Beispiel haben Zeit Online und Spiegel Online eigene Blogs („Glashaus“, „Backstage“) eingerichtet, in denen sie ihre internen Debatten nach außen tragen und von ihren Recherchen, Selektionskriterien oder Produktionsroutinen berichten.

2. Transparenz als adäquates Gegenmittel?

Viele Nutzer hegen den Verdacht, dass mit dem medialen Mainstream etwas nicht stimmt, dass das Bild der Welt nicht korrekt ist, das die Medien zeichnen, und dass irgendetwas an der Art und Weise, wie das Bild gezeichnet wird, falsch ist. Ist Transparenz ein adäquates Gegenmittel gegen diesen Verdacht?

Transparenzbemühungen gehen davon aus, dass das Misstrauen deshalb entsteht, weil die tatsächlichen Produktionsbedingungen von Journalismus und Medien nicht bekannt sind und dass, wenn sie bekannt würden, sich die Unzufriedenheit mit den Produkten legen würde. Das ist ungefähr so, als würde ein Fleischer, dessen Wurst Ihnen nicht schmeckt, einen Tag der offenen Tür veranstalten: Sie sollen sich anschauen, wie die Wurst entsteht, die Ihnen nicht schmeckt. Würden Sie zu seinem Tag der offenen Tür gehen? Oder ein anderes Beispiel: Es läuft Coldplay im Radio, Sie wollen aber deutsche Volksmusik hören. Würden Sie sich eine Dokumentation anschauen, in der Chris Martin erzählt, wie er die Songs schreibt und wie die Band sie arrangiert und produziert – und wenn Sie es tatsächlich getan haben, würden Sie dann Coldplay mögen?

Beim Misstrauen gegenüber Medien kommt noch als weitere Schwierigkeit hinzu, dass es sich um Misstrauen gegenüber symbolischen Zeichen handelt. Der Philosoph Boris Groys schreibt: „Die einzige Theorie, die unser reales Verhältnis zu den Medien beschreibt, ist die Verschwörungstheorie.“7 Denn jedes Zeichen verdeckt die Bedingungen seiner Entstehung: Der Text in einem Buch verdeckt das Buch und die ganze Verlagspraxis dahinter, die Fernsehsendung verdeckt ihre eigene Produktion usw. Stets gibt es einen submedialen Raum, der den Verdacht nährt und Fragen aufwirft wie „Was bezweckt der Autor mit dieser Mitteilung?“, „Welchen Interessen dient das?“ oder „Warum werde ich mit dieser Information gerade jetzt konfrontiert?“ Wenn es aber das Bedürfnis von Mediennutzern ist, durch die „Zeichenwand“ hindurchzugehen und das dahinter Verborgene zu entdecken beziehungsweise zu entlarven, dann kann es keine Lösung sein, ihnen eine neue Zeichenwand anzubieten, die vom Entstehungsprozess der ersten Zeichenwand erzählt.

Es muss vor allem danach gefragt werden, woher das Bedürfnis von Mediennutzern kommt, die Zeichenwand anzuzweifeln. Aus der Forschung sind einige Gründe für Misstrauen gegenüber etablierten Medien bekannt: ein genereller anti-elitärer Affekt, das Gefühl von gesellschaftlicher Randständigkeit, Unzufriedenheit mit der Funktionsweise der demokratischen Ordnung, niedriges generelles Institutionenvertrauen und niedriges zwischenmenschliches Vertrauen.8 Nun muss man nicht unbedingt ein Hartz-IV-Empfänger sein, um Medien zu misstrauen: Auch ein Philosophieprofessor wie Peter Sloterdijk spricht von einem „Lügenäther“ in Politik und Medien9 , und das sagte er deshalb, weil er Angela Merkels Politik der offenen Grenzen 2015 missbilligte und seine konservative Haltung in der Flüchtlingsfrage in den Medien nicht wiederfand. Medienvertrauen hängt also mit dem Gefühl zusammen, repräsentiert zu sein, und dem Lügenpresse-Verdacht liegt ein Repräsentationsdefizit zugrunde. Genauer gesagt: Ihm liegen Klüfte zwischen Elite und Bevölkerung zugrunde – die deshalb ein Problem für die etablierten Medien werden können, weil diese sich häufig am Diskurs der Eliten orientieren und Elitenkonsense oft übernehmen.

3. Repräsentationsdefizite

Eine solche Kluft zwischen Elite und Bevölkerung besteht etwa in Fragen der außenpolitischen Grundorientierung und der Bündnispolitik. Verschiedene Umfragen deuten darauf hin, dass Auslandseinsätze der Bundeswehr skeptisch gesehen werden, Frieden höher gewichtet wird als Sicherheit, die USA schon zu Obama-Zeiten nicht der bevorzugte Partner für eine stärkere außenpolitische Zusammenarbeit war und dass die Bereitschaft, osteuropäische Nato-Partner gegen eine mögliche russische Aggression zu verteidigen, sich in Grenzen hält. Auf dem Höhepunkt der Krim-Krise 2014 wollte nur die Hälfte der Deutschen ihr Land fest im westlichen Bündnis verankert sehen, die andere Hälfte wünschte eine mittlere Position zwischen dem Westen und Russland.10 Demgegenüber standen etwa während der Ukraine-Krise ein politischer Konsens und ein dazu parallel laufender medialer Mainstream, der eher transatlantisch und russlandkritisch geprägt war.11

Eine zweite Kluft zwischen Elite und Bevölkerung, die mehr Erklärungskraft für den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte besitzt, besteht in der Verteilung liberaler Werte in Deutschland. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung führte 2013 eine Befragung von deutschen Führungskräften aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Verbänden, Justiz, Militär, Wissenschaft, Medien, Gewerkschaften, Kirchen und der Zivilgesellschaft durch – also von jenen Eliten, die aufgrund ihrer hohen Positionen in wichtigen Organisationen maßgeblich und regelmäßig Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Entscheidungsprozesse nehmen. Darin zeigte sich, dass es sektorenübergreifend einen hohen Konsens bei bestimmten Werten und Einstellungen gibt: 1. dass Einwanderung das Zusammenleben bereichert und gut für die deutsche Wirtschaft ist, 2. dass öffentliche Ausgaben reduziert und der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden sollten, 3. dass ökonomische Liberalisierung generell sowie der Welthandel, Wettbewerb und Privatisierung staatlicher Unternehmen gut und umgekehrt Zölle, Importbeschränkungen oder Subventionen zum Vorteil der heimischen Wirtschaft schlecht sind, 4. dass Homosexualität und Scheidung in Ordnung sind. Man kann diese Aussagen als liberal (freiheitlich) im wirtschaftspolitischen wie kulturellen Sinn zusammenfassen. Doch dieser liberalen Elite steht in wichtigen Fragen eine gespaltene Bevölkerung gegenüber: Die Forscher Céline Teney und Marc Helbling wiesen darauf hin, dass zur selben Zeit etwa Einwanderung in allgemeinen Umfragen nur von der Hälfte der Befragten befürwortet wurde.12

Das bedeutet Sprengstoff für die öffentliche Debatte und für etablierte Medien, die sich am Eliten-Diskurs orientieren. Mit Blick auf andere Befunde wie die vergleichsweise geringe Zustimmung der Bevölkerung zur europäischen Integration sehen Teney und Helbling eine „breitere ideologische Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Führungspersonal und der allgemeinen Bevölkerung hinsichtlich der Durchlässigkeit nationaler Grenzen“, sowohl was übergeordnete politische Instanzen (Europäische Union) als auch Menschen (Migranten) angeht. De-Nationalisierung als Ausdruck liberaler Werte – so könnte man den Zankapfel nennen. Hinzu kommt, dass die Journalisten in Deutschland von ihrer Milieu-Zugehörigkeit kein repräsentatives Abbild der Bevölkerung darstellen, sondern das „liberal-intellektuelle Milieu“ stark überrepräsentiert ist und einige andere, vor allem konservative, kleinbürgerliche und prekäre Milieus unterrepräsentiert sind.13

4. Was tun?

Was folgt aus diesen Überlegungen? Transparenz – zumindest medial hergestellte – kann keine Repräsentationskrise beenden, keine politischen Entfremdungsgefühle beseitigen und auch keine strukturell bedingte Glaubwürdigkeitslücke schließen, also die Distanz des Nutzers zur medialen Zeichenwand überbrücken. Denn, wie der Medienwissenschaftler John David Seidler schreibt, „auch diese Transparenzbemühungen sind dann ja Teil einer medialen Inszenierung, über deren Produktion wiederum Transparenz herzustellen wäre, was ebenso nur als mediale Vermittlung vonstattenginge, und so geht es weiter und weiter“.14

Vielversprechender als medial hergestellte Transparenz erscheint es, journalistisches Handeln direkt erfahrbar und fühlbar zu machen, also auf Erfahrung statt auf Erklärung zu setzen. Der Mitteldeutsche Rundfunk hat zum Beispiel Anfang 2016 mehrfach Pegida-Anhänger in seine Redaktionen eingeladen und ruft gegenwärtig Nutzer dazu auf, „Programmmacher für einen Tag“ zu werden. Solche persönlichen Erlebnisse tragen sicherlich zu gegenseitigem Verständnis bei – nur sind diese Maßnahmen schwer auf Millionen Nutzerinnen und Nutzer ausdehnbar.

Ohnehin sollten Journalistinnen und Journalisten nicht in erster Linie sich selbst bespiegeln (und sich in ihren Produktions- und Selektionsroutinen bestärken), sondern die Gesellschaft. Sie sollten, anstatt die Menschen in ihre Stahl- und Glasbauten hineinzuholen, aus diesen heraustreten und zu den Menschen gehen – auch zu denen, die Wut haben und Milieus angehören, die nicht liberal-intellektuell geprägt sind, sondern in denen es „brodelt und stinkt“, wie die liberal-intellektuelle Zeit einmal titelte.15 Die grundlegende Aufgabe bleibt diese: berichten, abbilden, repräsentieren. Das bedeutet nicht, dass Rassismus und Menschenverachtung normale Bestandteile der öffentlichen Debatte werden sollen. Es bedeutet aber, dass die dahinterstehenden Wahrnehmungen, Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche normaler Teil der Debatte werden. (Diese müssen häufig erst einmal recherchiert werden und sind teilweise den Betroffenen selbst nicht bewusst.) Wahrnehmungen, Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche: Das sind übrigens die vier Bestandteile der „Gewaltfreien Kommunikation“, eines Konzeptes zur aufrichtigen, nicht-entfremdeten Kommunikation in Konfliktfällen, das der US-Psychologe Marshall B. Rosenberg entwickelt hat.16 Wenn Journalistinnen und Journalisten dazu beitragen, diese Wahrnehmungen, Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche von Menschen, die mit ihrem Frust heute von Rechtspopulisten abgeholt (und betrogen) werden, in den Mainstream-Diskurs zu bringen und ernsthaft und ideologiefrei zu verhandeln, dann gibt es nicht nur eine Chance auf die Transformation verfestigter Einstellungen und Ideologien, sondern auch auf gesellschaftliche Integration in Zeiten von Spaltungstendenzen.

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  Krüger, Uwe (2016). Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen. 2. Aufl. München: C.H.Beck, S. 26 ff.
2   Köcher, Renate: Deutsche Fragen – deutsche Antworten. Vertrauen und Skepsis – Bürger und Medien. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.12.2015, S. 8, http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/allensbach-umfrage-zu-medienberichterstattung-in-fluechtlingskrise-13967959.html [Zugriff: 14.11.2017].
3   Bayerischer Rundfunk (2016). BR stellt Studie vor: Medien in der Glaubwürdigkeitskrise? Pressemitteilung vom 2.5., http://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/glaubwuerdigkeitsstudie-br-b5-geburtstag-100.html [Zugriff: 14.11.2017].
4  Reinemann, Carsten, Fawzi, Nayla, Obermaier, Magdalena (2017): Die „Vertrauenskrise“ der Medien – Fakt oder Fiktion? Zu Entwicklung, Stand und Ursachen des Medienvertrauens in Deutschland. In: Lilienthal, Volker, Neverla, Irene (Hrsg.), Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 77-94.
  Schultz, Tanjev, Jackob, Nikolaus, Ziegele, Marc, Quiring, Oliver, Schemer, Christian (2017): Erosion des Vertrauens? Misstrauen, Verschwörungstheorien und Kritik an den Medien in der deutschen Bevölkerung. In: Media Perspektiven 5, S. 246-259, online: http://www.ard-werbung.de/media-perspektiven/publikationen/fachzeitschrift/2017/heft-5/ [Zugriff: 14.11.2017].
  Pörksen, Bernhard (2015): Der Hass der Bescheidwisser. In: Der Spiegel Nr. 2 vom 5.1.: S. 72-73, online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-131147816.html [Zugriff: 14.11.2017].
7   Groys, Boris (2000): Der Verdacht ist das Medium. In: Carl Hegemann (Hrsg.), Endstation Sehnsucht. Kapitalismus und Depression, Bd. 1: S. 85-102. Berlin: Alexander, hier S. 86.
8   Jackob, Nikolaus, Quiring, Oliver & Schemer, Christian (2017). Wölfe im Schafspelz? Warum manche Menschen denken, dass man Journalisten nicht vertrauen darf – und was das mit Verschwörungstheorien zu tun hat. In: Renner, Karl Nikolaus, Schultz, Tanjev & Wilke, Jürgen (Hrsg.), Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert. Festschrift für Volker Wolf, S. 225-249. Konstanz: UVK.
9   Cicero-Redaktion (2016): „Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“. Peter Sloterdijk über Merkel und die Flüchtlingskrise“, http://cicero.de/innenpolitik/peter-sloterdijk-ueber-merkel-und-die-fluechtlingskrise-es-gibt-keine-moralische [Zugriff: 14.11.2017].
10  Krüger 2016 (s. Fußnote 1), S. 102 f.
11  Genauer in: Krüger, Uwe (2017): Medien-Mainstream. Eine Streitrede wider Konformität im Journalismus und für eine kritische Journalistik. In: Lilienthal, Volker/Neverla, Irene (Hrsg.): Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs. Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 248-265.
12  Céline Teney; Marc Helbling: Die Verteilung liberaler Werte. Elite und Bevölkerung in Deutschland denken unterschiedlich über Immigration. In: WZB Mitteilungen, Heft 142 (Dezember 2013), S. 12-15, https://www.wzb.eu/sites/default/files/publikationen/wzb_mitteilungen/s12-15teney.pdf [Zugriff 14.11.2017].
13  Johannes Raabe (2005): Die Beobachtung journalistischer Akteure. Optionen einer empirisch-kritischen Journalismusforschung. Wiesbaden: VS Verlag, hier S. 258-260.
14  Seidler, John David (2016): „Lügenpresse!“ Medien als Gegenstand von Verschwörungstheorien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 66 (30-32), S. 41-46, online: http://www.bpb.de/apuz/231313/medien-als-gegenstand-von-verschwoerungstheorien?p=all [Zugriff: 14.11.2017].
15  Oliver Quiring, Tanjev Schultz: „Hingehen, wo es brodelt und stinkt“. Interview von Martin Spiewak. In: Die Zeit Nr. 5 vom 16.1.2017, S. 33, http://www.zeit.de/2017/05/medien-vertrauen-umfrage-ifak/komplettansicht?print [Zugriff:14.11.2017].
16  Rosenberg, Marshall B. (2009): Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. 8. Auflage, Paderborn: Junfermann.

 

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Myriam Revault d‘Allonnes: Brüchige Wahrheit. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften

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„Alternative Fakten“ oder „Fake News“ sind längst geläufige Begriffe. Sie sind Ausdruck für ein Problem, mit dem sich die Politik in den vergangenen Jahren zunehmend konfrontiert sieht: Wahrheit hat an Eigenwert verloren. Nicht mehr Fakten, sondern Gefühle und persönliche Einschätzungen prägen die öffentliche Meinung. Mit Myriam Revault d’Allonnes fragt eine französische Philosophin aufgrund des Aufkommens des Phänomens der „Postwahrheit“ unter Rückgriff auf Gedankengänge Platons, Aristoteles‘, Hannah Arendts und Michel Foucaults in der hier vorgelegten historisch-begrifflichen Genealogie nach dem Verhältnis von Wahrheitsregime und Politik sowie nach seiner möglichen Radikalisierung im Bereich des Politischen.

Eine Rezension von Günter Lipfert

„Alternative Fakten“ oder „Fake News“ sind längst geläufige Begriffe. Sie sind Ausdruck für ein Problem, mit dem wir uns seit Jahren im Bereich des Politischen kon-frontiert sehen: Wahrheit hat an Eigenwert verloren. Nicht mehr Fakten, sondern Gefühle und persönliche Einschätzungen prägen die öffentliche Meinung.

Die französische Philosophin Myriam Revault d’Allonnes nimmt ihr Erstaunen über das Aufkommen dieses Phänomens, das inzwischen mit dem Schlagwort der „Postwahrheit“ bezeichnet wird, zum Anlass, um unter Rückgriff auf Gedankengänge Platons, Aristoteles‘, Hannah Arendts und Michel Foucaults nach dem Verhältnis von Wahrheitsregime und Politik sowie nach seiner möglichen Radikalisierung zu fragen.

Dazu erschließt sie zunächst die Bedeutung des Präfixes „Post“. Anschließend ent-wirft sie zunächst eine historisch-begriffliche Genealogie. Diese setzt bei der Ursprungsdebatte zwischen Platon und Aristoteles an. Während Platon einen Gegensatz zwischen Wahrheitssuche und politischer Praxis (Vorwurf des Sophismus) sieht, wertet Aristoteles die am Wahrsprechen orientierten Meinungen auf, deren Voraussetzung das auf öffentlicher Aushandlung beruhende Urteil bildet. Die Bedingungen politischer Praxis nach aristotelischem Bild und das Gemeinsame, auf dem die politische Existenzweise beruht, werden analysiert.

Die Rhetorik habe im Aushandlungsprozess eine wichtige Rolle inne. Den Leser*innen wird vor Augen gehalten, dass die politische Sprache eine unüberwindliche Ambivalenz in sich trage: Weder sei sie mit dem Sprachgebrauch der Wahrheit noch dem der Philosophie identisch. Grund ist die Pluralität der im öffentlichen Raum artikulierten und konfligierenden Standpunkte. Diese Pluralität hilft jedoch nicht zu erklären, warum die Postwahrheit den Tatsachenwahrheiten abträglich ist. Tatsachenwahrheiten, oder auch faktische Wahrheiten, drängen sich – anders als Meinungen – auf. Sie sind aber anfällig. Diese Anfälligkeit, die sich etwa in der Auslöschung entmachteter politischer Führer zeigt, wurde schon von Arendt bei der Betrachtung totalitärer Regime festgestellt. Aber das Phänomen der Postwahrheit entspringe nicht denselben Mechanismen wie totalitäre Ideologien.

Besondere Relevanz erfahren Foucaults Konzepte der „parrhesía“ (des Wahr-Sprechens) und der Gouvernementalität, womit Erscheinungsformen neuzeitlicher Regierung gemeint sind, die das Verhalten von Individuen und Kollektiven steuern. Die Autorin hinterfragt den Verzicht auf die Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Sie stellt unter Rückgriff auf Hannah Arendt, Paul Ricoeur, Aristoteles und George Orwell fest, dass die Lüge schon immer existiert hat, und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit die größere Sünde darstellt. Denn der Mangel an Unterscheidung zwischen wahr und falsch führt der Autorin zufolge zum Verlust einer „gemeinsamen Welt", wie sie insbesondere Arendt und Orwell für das Funktionieren (politischer) Kommunikation als fundamental erachten.

 

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Samira El Ouassil, Friedemann Karig: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen

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Narrative werden oft als Zutat populistischer fake news oder als Antipoden der Rationalität rezipiert. Samira El Ouassil und Friedemann Karig widmen ihr Buch nun der kollektiven Macht von Erzählungen. Dabei möchten sie zeigen, wie diese auf Menschen einwirken und von jeher ein Werkzeug des Zusammen- und Überlebens darstellen. Da politische Chancen- und Ressourcenverteilung und Lösungsansätze stets zuerst narrativ ausgehandelt würden, fordern sie angesichts von Protofaschismus und Klimakrise zu narrativer Alphabetisierung und Neusortierung in liberalen Demokratien auf. (tt)


Eine Rezension von Tanja Thomsen

Eine starke Geschichte verändert Gesellschaften, rechtfertigt Kriege oder sät Groll zwischen Menschengruppen. Samira El Ouassil und Friedemann Karig zeichnen daher die ambivalente Kraft von Erzählungen anhand zahlreicher Referenzen aus interdisziplinärer Wissenschaft und (Pop-)Kultur nach: von Joseph Campbell über Albrecht Korschorke bis zu Eva von Redecker, von Jesus über Black Panther bis zu Greta Thunberg. Sie konstatieren, daran aufzuzeigen, welche Erzählungen uns heute mehr schaden als nützen und warum dringend neue benötigt werden. Die Prämisse lautet: Der homo narrans (82, 105) nutze von jeher das Erzählen, um zu überleben. Geschichten erlaubten, anderen bei Erfolg und Scheitern zuzuschauen, sich selbst in eine bessere Situation zu denken und somit Antizipation als positive Problemlösekompetenz zu entwickeln: eine Paleo-Anleitung zum Altruismus zum Beispiel, zwecks Identifikation mit erstrebenswerten Eigenschaften für die Gruppe. Diese Art der Wissenskommunikation und -dokumentation umfasse von jeher Masterplots und Monomythen, die mit emotionalen Spannungsbögen vom Aufstieg oder Fall von Menschen und Gesellschaften berichteten (19-37).

Menschen seien, hier wird das Phänomen der Transportation benannt, biochemisch, physiologisch anfällig für das Funktionieren einer guten Geschichte (103). Geschichten stimulierten durch Oxytocin und Co. das Gehirn hormonell wie einen mentalen 3-D-Drucker und somit die menschliche Vorstellungskraft (98). Alle Weltwahrnehmung sei die narrativierte Interpretation von äußeren Informationen (108). Jede Information, die ‚erzählende Affen‘ aufnehmen, werde zunächst narrativiert und erreiche erst dann das Bewusstsein: Menschen ordneten narrativ Sinn zu, denn jedes Wahrnehmen sei „der Versuch, Ordnung in ein chaotisches Universum zu bringen“ (90).

Ist alles, also auch ein Stuhl, schon eine Geschichte? Hier kommt es darauf an, was über die damit verbundenen Sinnzusammenhänge inhaltlich weitergegeben wird. Ist es ein prunkvoller Stuhl, wird daraus in der eigenen Vorstellungskraft gar ein herrschaftlicher Thron? Ist er nah oder weit entfernt, wer nimmt darauf Platz. All dies spannt narrativ den Bogen zu Autorität, Macht und Rang in der Gruppe. Selbst klein erscheinende Sinneinheiten strukturieren wie unsichtbare Kräfte also durchaus unsere Gemeinschaften in der kurzen Zeitspanne, die es für das Wahrnehmen braucht, setzen Recht oder verdeutlichen Legitimation, evozieren Affekte. Weniger abstrakt wird all dies, wenn man die heutigen Errungenschaften liberaler Verfassungsstaaten noch einmal als die Utopien betrachtet, die sie einst waren: der gewaltlose Machtwechsel nach Wahlgängen ohne Sukzessionskriege zum Beispiel. Gesellschaften mit erfolgreichen Erzählungen hätten stets survival by fiction (85) betrieben. Dabei gaben sie auch Erzählungen, und waren es Utopien einer besseren Welt, weiter. Und es ist dieser auf das progressive und positive Potenzial von Erzählungen gerichtete Gedanke, auf den die Autoren trotz ihrer zahlreichen kritischen Dekonstruktionen bestehender Erzählungen wiederholt hinweisen.

Wo Geschichten etwas mit der Verortung innerhalb der Gemeinschaft zu tun haben, erzählen Menschen auch Geschichten über sich (16). An dieser Stelle nennen die Autoren das Phänomen sogenannter ‚Märchen für Erwachsene‘, also Fiktionen über das Zusammenleben, die zum Beispiel wahre Gründe für Ungerechtigkeiten verschleiern könnten – und somit davon entlasteten, etwas zu ändern: Als Beispiele werden unter anderem die Meritokratie oder die Erfindung der Menschenrassen angeführt und dekonstruiert (235-272). Und die Autoren halten fest: Erzählungen kommen nicht aus dem Nichts, sie werden „geschaffen, angeboten, kultiviert, geteilt, verfestigt“ (433), sodass sie aufgrund des größtmöglichen sozioökonomischen Nutzens für eine Gruppe und meist aufgrund von Konsens oder/und Macht so lange fortbeständen, bis ein Gegennarrativ die Oberhand gewinne (ebd.). Ein Beispiel für eine der ältesten Geschichten sei die vom Verrat an der Göttlichkeit (143): Die darin enthaltene Erzählung sei die, von Mann und Frau, die einen Apfel essen, weil die Frau darum gebeten hat. Ein darin enthaltenes Narrativ laute: Die Frau hat Schuld.

Das Erzählte ist somit politisch, wo es „narrative Aushandlung“ betrifft und als am stärksten hiervon betroffen benennen die Autoren: „Klassenbewusstsein und Gerechtigkeitsempfinden, Verteilung von beziehungsweise Zugang zu Ressourcen, die Geschlechterrollen, das Verhältnis einer Mehrheitsgesellschaft zu Minderheiten sowie rassistische und antisemitische Narrative, die weiterhin reproduziert“ würden (442). Dabei halten sie eindringlich fest: Wo ein Wort, ein Pronomen oder ein Akronym eine Geschichte erzählen könne, gelte es allen insinuierenden Debatten um Identitätspolitiken zum Trotz zu bedenken: Unser Leben werde (in der Gruppe der erzählenden Affen) maßgeblich von den Geschichten geprägt, die andere über uns erzählen (443). Daher kämpften Menschen von jeher um Deutungshoheit bei der Herstellung von Geschichten: Wer könne und dürfe seine Geschichten erzählen (436). Aus dem hierbei entstehenden (Über-)Angebot an Narrativen, die mal mehr, mal weniger wirklichkeitsbasiert seien, wählten Menschen aus, was sie glauben. Und dies überfordere sie als erzählende Affen mitunter, da sie stets eine möglichst kohärente Selbsterzählung suchten (113-124, 122). Ein interessanter Aspekt, den die Autor*innen dabei formulieren: Menschen verwechselten Meinung oft mit Identitäten und da die tribalistische Identität einst essenziell für den eigenen Stand innerhalb der Gruppe gewesen sei (208), antworteten menschliche Instinkte daher auf Provokation, zum Beispiel im Internet, mit einem Gefühl der Bedrohung.

Dass Menschen sich die für sie passenden Erzählungen aussuchten, werde erst dann problematisch, wenn diese Erzählungen nicht mehr wirklichkeitsbasiert sind: Verschwörungsmythen, faschistische Erzählungen oder mythologische Erzählungen. Hier wird unter anderem auf Edward Louis Bernays Wirken („Propaganda“, „The Engineering of Consent“, „Crystallizing Public Opions“) verwiesen: Dieser habe die Kunst der Halbwahrheiten als Mittel der Public Relations geformt, nämlich narrative Kleinformen, die nicht nach dem binären Code wahr/falsch, sondern glaubwürdig/unglaubwürdig operierten – sodass die Fiktionalität ins faktische Erzählen eintreten und Redlichkeit im öffentlichen Diskurs zugunsten von Aufmerksamkeit verdrängen konnte (223). Hier wird repetiert, dass narratives Denken stets um Kausalitäten und Kontrolle ringe (222).

Ein spannender Aspekt, der im Buch angesprochen wird, ist auch der der kollektiven Tiefenerzählungen von Staaten (309-344). Dabei wird für die bundesrepublikanische Geschichte zum Beispiel die anfängliche Tiefenerzählung herausgearbeitet, die selbst ein Oxymoron war: „Es darf nie wieder geschehen, wovon wir alle nichts wussten.“ (337) Dass dieses Thema der politischen Soziologie nicht fremd ist, zeigt auch „Civilizing the Enemy: German Reconstruction and the Invention of the West“ von 2006: Hierin beschäftigt sich Patrick Thaddeus Jackson mit der Frage, welche neuen Narrative es für den Wiederaufbau des besiegten Deutschlands und der Wiedereingliederung seiner westlichen Besatzungszonen in die Staatengemeinschaft brauchte.

El Ouassil und Karig fragen selbst in ihrem Buch, welche Erzählungen heute gefährlich sein können. Werden Themen verharmlost oder als besonders bedrohlich dargestellt? Dass diese Unterscheidung schwerfällt, zeige der Diskurs um die Klimaproblematik. Bei so großen Bedrohungen fielen die narrativen Muster uns als storytelling animals (81) erst einmal auf die Füße: Auf das Scannen von Geschichten fokussiert, tendierten unsere in Metaphern denkenden Gehirne zu Antagonisierung und Komplexitätsreduktion (443). Die eigenen konkurrierenden Interessen, Manipulationen, Deutungshoheiten seien indes so vielschichtig wie das zu fassende Problemphänomen. Thematisiert werden daher Phänomene wie der optimistic bias (396), das the-bright-side-Narrativ (395), wonach Technologie den Status quo retten werde, die Narrative mündiger Bürger*innen, die im Hedonismus weiterhin den Ausdruck ihres Anspruchs auf liberale Selbstentfaltung fänden (394), das biblische Dominium terrae-Narrativ (400), die Held*innenreise der Greta Thunberg (404) oder die Verantwortungsverschiebung von systemischen Problemen auf das Individuum (457). Nötig sei stattdessen eine gesamtgesellschaftlich attraktive Erzählung als Lösung für das Trolley-Problem, in dem jene für die Dauer von Legislaturperioden legitimierten Volksvertreter*innen in den Parlamenten derzeit steckten: Im Dilemma, wonach es die heutige Lebenswelt in 100 Jahren nicht mehr geben werde und daher heute die Weichen zur Schadensminderung gestellt werden sollten, allem „There is no glory in prevention“ zum Trotz (456).

Als Bedrohung wird auch der neue Faschismus benannt, siehe Brasilien (305 f.), welcher mit narrativen Gegenangeboten an dieses Dilemma anzuknüpfen scheint: Sein Versprechen laute, dass keine Transformation nötig sei, wo jeglicher Antagonismus im Außen liquidiert werden könne (280). Das Individuum und seine In-Group müssten nichts verändern (422), die Anderen seien das Problem. Dies wird neben Timothy Snyders Essay „Über die Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand“, dem Protofaschismus à la Donald Trump oder den interaktiven Verschwörungserzählungen (QAnon) narrativ aufgeschlüsselt (273-309). All dies verfange oft, wo alte Sinneinheiten, Codes und Chiffren angesichts aktueller Herausforderungen nicht mehr zu funktionieren scheinen. Stattdessen würde die Utopie der Vergangenheit beschworen. El Ouassil und Karig äußern daher die These, es seien folglich gerade die Geschichten mit Obacht zu betrachten, die in Krisenzeiten nichts von einem verlangten (422).

Und wie soll man als Vertreter*in der erzählenden Affen nun mit all dem umgehen? Wie können Menschen gegen ihre eingefleischten Erzählungen arbeiten? Es gelte einerseits für die Allgegenwärtigkeit narrativer Strukturen zu sensibilisieren (52). Wenn alles Geschichten sind, welche Geschichten nimmt man selbst wahr, woran glaubt man zu einfach, welche reproduziert man? In welche Richtung biegt eine gerade dargebrachte Erzählung ab, wie formt es einen zivilisatorisch? Ohne das Wissen über das, was Terry Pratchett als Metapher über die Macht von Geschichten in den Scheibenwelt-Romanen als „Narrativium“ (chemisches Element) bezeichnete (475), kann man nicht reflektieren, wo einen welche Erzählung packt, prägt und auch manipuliert. Erzählende Affen können (sich) aber fragen, wo beispielsweise aufgrund alter Narrative blind neue Möglichkeiten ausgeschlagen würden, siehe alternative Energiequellen (474), oder in Kriegszeiten die Distanz zur eigenen Rolle verloren gegangen gehe, wie Simone Weil in „Die Ilias oder das Poem der Gewalt: In Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen. Zürich, Diaphanes 2011, 163“, zitiert nach El Ouassil und Karig, schreibt (473): „So löscht Krieg jede Vorstellung eines Ziels aus, auch die eines Kriegsziels. Er löscht sogar den Gedanken aus, den Krieg zu beenden. […] [D]er Kopf müsse nachdenken und einen Ausweg finden, hat aber jede Fähigkeit verloren, irgendwelche Überlegungen anzustellen, die in diese Richtung gehen“. Inwieweit diese verabsolutierte Aussage in Anbetracht von Kriegsverbrechen, menschlicher Empathie und andauerndem Schrecken wirklich zur Gänze anschlussfähig ist, sei dahingestellt. Dass ein Ausstieg aus einer narrativen Selbstblindheit in eingefahrenen Situationen schwerfallen kann, vermag hingegen angesichts lang eingeübter Eigen- und Kollektiverzählungen zu überzeugen.

Als Lösung wird Mut zu mehr Phantasie (459) und zu narrativen Abbildungen einer wünschenswerteren Zukunft, alias neuen Utopien (467), empfohlen. Narrative könnten sortiert, Dinge könnten neuerzählt werden. Ein Aspekt hierbei sei eine „moralische Revolution“ (462): El Ouassil und Karig sprechen von Ehre und nennen Beispiele, wo sich Gesellschaften aufgrund dessen wieder von ehemals dominanten Normen und den damit verbundenen Narrativen abwendeten: Abkehr vom Duell oder die Abschaffung der Sklaverei. Die Menschen sollten sich gerade angesichts multipler Krisen von einer schöneren Zukunft erzählen, sich mit anderen zusammentun (477) und Verantwortlichkeiten der politischen Volksvertreter*innen einfordern, so fordern es die Autoren in ihrem Ausblick.

Damit werden im Buch stets auch Fragen politischer Partizipation und repräsentativer Politik und Gerechtigkeit impliziert: Das „wie“ unserer Erzählungen wird damit unmissverständlich politisch, wo ein Konsens über herrschende Erzählungen bröckelt oder die Erzählung nicht mehr zu den Herausforderungen zu passen scheint. Liberale Demokratien sind aktuell dort gefährdet, wo wachsende Unsicherheit über normative und sozioökonomische Grundlagen die Bereitschaft trübt, weiterhin die Prozesse repräsentativ-parlamentarischer Systeme zu akzeptieren. Wo es nicht gelingt, sich strittigen, aber fair verlaufenden Debatten über (Un-)Gleichheit, soziale Gerechtigkeit, über Ratlosigkeit angesichts von Renten und Klimawandel zu stellen, schafft Unzufriedenheit das Potenzial, dass jene Politiker*innen an Wahlabenden jubeln, die mit ihren Erzählungen den Gegenentwurf zum pluralistischen Grundkonsens vertreten.

Dennoch ist „Erzählende Affen“ kein politikwissenschaftliches Fachbuch zur Thematik sozialwissenschaftlicher Erzählforschung, sondern ein Sachbuch mit umfangreichen interdisziplinären Querverweisen. Diese Rezension hat daher den Fokus auf das Politische verengt, während das Buch mit seinem breiten Ansatz, hier sind unter anderem Kommunikations-, Geschichts-, Literatur-, Theater- und Medienwissenschaften, Nachhaltigkeitsforschung, Gender Studies oder Philosophie zu nennen, viel mehr Input für seine Leser*innen bereithält: El Ouassil und Karig spannen mit ihrem narrativen Ansatz einen großen Bogen zwischen diversen Themen unserer Gegenwart und bieten so einen spannenden Fundus für weitere Forschungsfragen und Hypothesen. Und dies insbesondere dort, wo beide ihre pointierten formulierten Aussagen streitbar vertreten. Dabei lassen sie ihre Gedanken, zahlreichen Beispiele und Fußnoten selbst in jener dramaturgischen Inhaltsstruktur aufeinanderfolgen, welche allen Geschichten stets innewohne (Übersicht: 28), in denen der/die Held*in, wie Frodo Beutlin, eine Held*innenreise durchlaufe und verändert zurückkehre: Leser*innen unternehmen so epistemologisch exakt jene Reise in der Lektüre, die sie zur Erkundung eigener narrativer Automatismen führt. All dies erleichtert den Zugang zur politischen Erzählforschung, die andernorts oft abstrakt oder lediglich mit Zuschnitt auf ein Fallbeispiel/ auf eine Thematik demonstriert wird.


Diese Rezension aus der Redaktion des pw-portals entstand im Rahmen des Jubiläumszeitraums der Stiftung Wissenschaft und Demokratie. Die Stiftung ist seit 30 Jahren tätig und verfolgt mit ihren Einrichtungen und Förderprojekten das Ziel, insbesondere die Politikwissenschaft bei der Lösung praktischer und normativer Probleme der Demokratie zu unterstützen.               

                                                                                                                                                                                                                                                                                       swud logo 30jubi 400x400px

 

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