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Redaktionelle Einführung

In seinem Buch „Schlacht der Identitäten“ setzt sich der Publizist und Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad mit der aufgeheizten Debatte über Rassismus in Deutschland auseinander. Indem er auf die psychologischen Grundlagen des Rassismus verweist und entsprechend alle Menschen zu einem reflektierteren Umgang mit dem Phänomen auffordert, hat er aus der Sicht unseres Rezensenten Rainer Lisowski einen Punkt getroffen. Auch die autobiografischen Einsprengsel, mit denen Abdel-Samad das Werk anreichert, fügen sich Lisowski zufolge gut in seine Argumentation. (lz)

Rezension

Schlacht der Identitäten
20 Thesen zum Rassismus – und wie wir ihm die Macht nehmen

Eine Rezension von Rainer Lisowski

Mit wem solle er sonst sprechen, wenn nicht mit Menschen, mit denen er nicht einer Meinung sei? So in etwa drückte sich Hamed Abdel-Samad aus, als er gefragt wurde, wieso er auf einer Veranstaltung der Alternative für Deutschland auftrete. Das Gespräch mit „den Anderen“ zu suchen, Kritik nicht zu scheuen und Kritikern nicht auszuweichen – diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des Autors. In weiteren Kreisen bekannt wurde er durch seine Thesen zum Islam, den er für kaum oder nur schwer reformierbar hält. Viele seiner Überlegungen zum Islam ähneln denen von Ayaan Hirsi Ali, die im internationalen Raum recht bekannt ist. So wie diese warnt Hamed Abdel-Samad regelmäßig vor einem zu verständnisvollen Umgang mit Islamisten, wie etwa in seiner Publikation „Der islamische Faschismus“ (2014).

Seine aktuelle Veröffentlichung „Schlacht der Identitäten“ greift das Thema Rassismus und Identitätspolitik auf. Das Buch richtet sich so wie seine vorherigen Publikationen erkennbar nicht an ein Fachpublikum, sondern an eine weitgefächerte Leserschaft. Dies erkennt man bereits an der Schreibweise (keine ellenlangen Fußnoten, kein Literaturanhang) und der Strukturierung des Textes in zwanzig schlüssig nachvollziehbare, aber übersichtlich knappe Thesen. Fünfzehn davon beschreiben zuerst das Problem aus Abdel-Samads Sicht; fünf weitere schlagen Wege aus dem Rassismus vor. 

Zunächst arbeitet der Autor heraus, was Rassismus seiner Meinung nach ist, in welchen Phänomenen er sich ausdrückt und wo seine Wurzeln liegen. Abdel-Samad sieht Rassismus in der menschlichen Natur selbst wurzeln und nicht nur in gesellschaftlichen Arrangements. Das ist bereits ein wichtiger Gedanke seiner Argumentation. Ausgehend von dieser Grundüberlegung kann selbstverständlich jeder Mensch unabhängig von seinem Glauben, seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft rassistisch sein. Als Hauptursache für Rassismus sieht Abdel-Samad das menschliche Bedürfnis, sich einer Gruppe zugehörig fühlen zu wollen und die Konstruktion dieser Gruppe auch durch die Ablehnung anderer Gruppen zu verfestigen. Damit wären wir auch bei der Frage der „Identität“. Die menschliche Psyche neige von Natur aus dazu, die Welt vereinfachen zu wollen, vielleicht sogar zu müssen. Sie weise daher per se mit Vorliebe Gruppen bestimmte Attribute zu. Die Moderne habe dabei zusätzlich die alten Bezugspunkte – Sippe, Nation, Religion, Männlichkeit – relativiert (35). Dies erklärt für Abdel-Samad einen Teil der heftigen Gegenreaktionen auf eben diese Moderne. Türkischer Nationalismus und White Supremacy sind entsprechend für Abdel-Samad keineswegs unterschiedlich, docken sie doch bei denselben Ideen an: Sie glorifizieren eine verloren geglaubte Vergangenheit, um sich vor der modernen Welt zu verstecken (30). 

Ganz klar grenzt Abdel-Samad sich von Ideen, wie etwa denen von Robin DiAngelo („White Fragility“) ab, denen zufolge Opfer von Rassismus niemals selbst rassistisch sein könnten. Folgte man solchen Vorstellungen, wäre Rassismus ein exklusives Problem von weißen Mehrheitsgesellschaften, keineswegs aber von „People of Colour“. Wenn dem so wäre, so fragt der Autor, wie könne es dann sein, dass Saudi-Arabien etwa erst 1963 die Sklaverei abgeschafft habe; dass Deutsche in manchen Kreisen von Migrantinnen und Migranten abfällig als „Kartoffeln“ bezeichnet würden; oder dass schwarze Muslime unter Muslimen (der Nomenklatur nach ebenfalls „People of Colour“) nur einen äußerst geringen Stellenwert hätten (25, 82). Gerade weil Rassismus ein Menschheitsproblem sei, eine „anthropologische Konstante“ darstelle (117), liegt nach Abdel-Samad die Diskurshoheit auf keinen Fall nur bei „People of Colour“, vielmehr sollten alle an der Debatte teilnehmen (12).  

Im nächsten Schritt geht der Autor noch weiter, indem er von sich und seinem eigenen Rassismus schreibt. Nicht immer klappt es, wenn es in Texten zu sehr ‚menschelt‘, bei Abdel-Samad aber geht dies gut. Er schreibt sehr unaufgeregt und ungeschönt über rassistische oder zumindest vorurteilsbehaftete Gedanken (zum Beispiel gegenüber Juden), die er bei sich selbst erkennen musste, obgleich er selbst Diskriminierung mehrfach am eigenen Leib zu spüren bekommen habe: als kleiner Junge mit eher hellerer Haut in Ägypten (Vorwurf: Kreuzritter-Kind) und in Deutschland als Mensch mit eher dunkler Haut (Vorwurf: Du gehörst hier nicht her.).   

Skeptisch ist Abdel-Samad gegenüber selbsterklärten Antirassisten. Aus seiner Sicht machten bestimmte „verbohrte Aktivisten“ zu oft den Fehler, die Menschen selbst simplifizierend in Gruppen einzuteilen, nämlich in „gut“ und „böse“. Und zu oft sei dabei für weiße Menschen ausschließlich die Rubrik „böse“ reserviert (69 ff.). Begründet werde dies vielfach mit historischen Erlebnissen und mit historischer Schuld. Gerade diese solle man aber besser nicht mit der aktuellen Rassismus-Debatte verquicken (31). 

Auch rein sprachliche Umformulierungen sind aus seiner Sicht wenig geeignet, Rassismus aufzuhalten. Niemandem habe es auch nur das Geringste gebracht, dass statt von „Asylanten“ fortan von „Flüchtlingen“ und dann später von „Geflüchteten“ gesprochen wurde. „Wirkungslos bis kontraproduktiv“ lautet hier seine Einschätzung (100). Sprache sei wichtig, aber nicht so entscheidend, wie es von mancher Seite propagiert würde. Einsicht und Reflexion kämen vor sprachlichen Finessen: „Die Aufklärung hat eine Sprache der Toleranz hervorgebracht, nicht umgekehrt“ (101).

Skeptisch ist er auch gegenüber verordneter Toleranz von oben. Mit Respekt und Toleranz verhalte es sich wie mit der Liebe. Sie müsse wachsen. Zu stark kämen Forderungen nach Multikulturalität „von oben“. Hier analysiert Abdel-Samad die Lage ähnlich wie Kenan Malik, nur dass er auf dessen hintersinnigen Vorwurf, Multikulturalismus sei ein Versuch von Eliten gewesen, Migration und Wut zu verwalten, verzichtet (95 ff.). Auch rechtlich sieht er keinen großen Handlungsbedarf. Die Gesetzeslage zur Antidiskriminierung in Deutschland bewertet er größtenteils als positiv und hält sie für ausreichend (114).

Was kann also gegen Rassismus getan werden? In seinen abschließenden fünf Thesen versucht der Autor einen Ausblick zu geben. Zunächst einmal müsse immer und immer wieder das (identitäre) Gruppendenken aufgezeigt und durchbrochen werden (114) – und zwar auf beiden Seiten der Rassismusdebatte. Gruppendenken und identitäres Denken sind für ihn per se die Brutstätte eines jeden Rassismus. Die Lösung sieht er – und hier ähnelt er in seiner Diskussion Cinzia Sciuto, die kürzlich ebenfalls ein Buch zu Fehlentwicklungen im Multikulturalismus vorlegte – im Individualismus (127 f.).

Zudem bedürfe es in Deutschland neben einer offenen, unverkrampften Debatte (die kein Tribunal sein darf, wie er betont, 117) einer Öffnung für Integration. Aber ebenfalls auf beiden Seiten. Er sieht die Communities von Migrantinnen und Migranten genauso in der Pflicht, sich zu öffnen, wie die Mehrheitsgesellschaft. Beide zusammen bedürften ferner eines neuen Narrativs, das eine gemeinsame Geschichte und eine positive, neue Idee von Deutschsein stiftet. Zugleich dürfe dieses die historische Schuldfrage nicht überbetonen. Erinnerung und Mahnung seien wichtig, für sich genommen aber zu wenig, um sich positiv mit dem Land zu identifizieren (125 f.). Dass Menschen eine Identifikation mit einem Land wollen, setzt er dabei als gegeben voraus. 

Kritisch, ja vielleicht sogar ein wenig spöttisch eingeworfen, erinnert der Text bisweilen an ein Redemanuskript für den evangelischen Kirchentag: „Erst, wenn man seine eigenen Gefängnisse begreift, lernt man, die anderen nicht dafür zu verfluchen, dass auch sie in einem Gefängnis sitzen“ (55). Das sind schöne und wohlgewählte Worte. Sie sind auch richtig. Ob sie uns weiterbringen, steht aber auf einem anderen Blatt Papier.   

Am Ende kann man wesentliche Gedanken von Abdel-Samad auf einen Punkt konzentrieren. Und diesen Punkt kann man entweder (populär)philosophisch betrachten und passend finden oder man kann ihn eher soziologisch verstehen und vielleicht als unpassend zurückweisen: ‚Erkenne dich selbst, arbeite zunächst an deinem eigenen Charakter, fege vor deiner eigenen Haustür, bilde fortlaufend deine eigenen Rassismen zurück, bevor du andere bekehren willst. Und wenn du das tust, suche freundlich das kritische Gespräch mit ihnen, aber habe vor allem erst einmal ein gewisses Verständnis für die Ängste, die sich in ihrem Rassismus ausdrücken können.‘ So könnte eine kurze Zusammenfassung seiner zwanzig Thesen lauten. Je nachdem, wie ernsthaft man daran glaubt, jeder Mensch könne und wolle eben dies tun, wird man das Buch entweder wertschätzen oder ihm kritisch gegenüberstehen.  

Verfasst von:

Rainer Lisowski

Erschienen am:

4. August 2021

Hamed Abdel-Samad

Schlacht der Identitäten. 20 Thesen zum Rassismus - und wie wir ihm die Macht nehmen

München, dtv 2021

Rezension

Pascal Bruckner

Der eingebildete Rassismus: Islamophobie und Schuld

Edition Tiamat, Berlin 2020 Aus dem Französischen von Alex Carstiuc, Mark Heldon und Christoph Hesse

Rezensent Volker Stümke versteht das Buch des französischen Philosophen Pascal Bruckner als Kampfschrift. Diese richte sich gegen den Islamismus sowie die politische Linke in Frankreich, die dessen Verbrechen verharmlose, indem sie von Islamophobie spreche. Mit diesem Begriff solle Kritik am Islam und am Islamismus abgewehrt und auf den Angreifer projiziert werden. Die Kritik am religiösen Terror werde demnach von der Angst vor dem Fremden diktiert. „Den Ausdruck Islamophobie madig zu machen, ihn zu delegitimieren, Zweifel und Unbehagen an ihm zu verbreiten“, sei das Ziel dieses Essays.

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Caroline Fourest

Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer.

Berlin, Edition Tiamat 2020 Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse

Ob die politische Linke die Klassenfrage in Fokus stellen oder sich identitätspolitischer Forderungen annehmen sollte, bewegt die Gemüter – nicht nur hier, sondern auch in Frankreich. In ihrer Streitschrift „Die beleidigte Generation“ zeigt sich die ehemalige Charlie-Hebdo-Kolumnistin Caroline Fourest angriffslustig gegenüber der von ihr so titulierten „identitären Linken“. Sie kreidet ihr Sprachverbote und eine Überempfindlichkeit an, die drohe, in neuen Ausgrenzungen zu münden. Mit ihren schwungvoll darlegten Beispielen kann sie unseren Rezensenten Rainer Lisowski überzeugen.

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Digirama

Schlacht der Identitäten: Hamed Abdel-Samad im taz-Talk
6. Mai 2021

Thomas Ribi
Ist weiss sein ein Privileg? – Wie der antirassistische Populismus funktioniert.
NZZ, 21. April 2021

Themenheft: Identitätspolitik
Aus Politik und Zeitgeschichte 9-11/2019


Aus der Annotierten Bibliografie

Patrick Bahners

Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift

München: C. H. Beck 2011; 320 S.; geb., 19,95 €; ISBN 978-3-406-61645-7
Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ löste eine heftige Integrationsdebatte aus. Während die etablierte Politik dessen Ansichten vornehmlich ablehnend aufnahm, fand in den Feuilletons eine durchaus differenzierte Diskussion statt. Die Bild-Zeitung wiederum stand hinter Sarrazin. Patrick Bahners, Feuilleton-Chef der FAZ, legt nun eine Art „Anti-Sarrazin“ vor. Es geht ihm dabei auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial. Im Kern handelt es ...weiterlesen


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