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Redaktionelle Einführung

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert A. Dahl beantwortet in „On Democracy“ zentrale Fragen zur Entstehungsgeschichte von Demokratien. Dabei unterscheidet der Autor, so Rezensent Vincent Wolff, zwischen der Demokratie in seiner idealen Form und in seiner realen Ausprägung und zeigt Wege auf, wie sich Erstere erreichen lässt. So könnten etwa mehr Kommunikation und eine intensivere Vernetzung zwischen den Ländern dazu beitragen, dass sich bestehende Demokratien zu idealen weiterentwickeln. Zwischen Marktwirtschaft und Demokratie bestehe ein Zusammenhang, sie könne zu einer Demokratisierung führen. (ste)


Rezension

Von der idealen Form zur realen Ausprägung von Demokratien
Ein Guide zu den wichtigsten Fragen

Eine Rezension von Vincent Wolff

„The twenty-five centuries during which democracy has been discussed, […] have not [..] produced agreement on some of the most fundamental questions about democracy” (3), konstatiert der 2014 verstorbene US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert Alan Dahl und tritt an, dies zu ändern. Das Buch sei ein „Guide” (4) zu den wichtigsten Fragen zur Demokratie. Die Erstauflage erschien bereits 1998, die Zweitauflage 2015, auf der diese Ausgabe basiert.

Der Anspruch des Autors, für die kommenden Generationen ein Standardwerk zu schaffen, durchzieht das Buch. Ian Shapiro – wie Dahl Professor für Politikwissenschaft an der Universität Yale – erklärt im Vorwort, Dahl sei „the most important political scientist of the twentieth century” (vii),– eine zumindest ambitionierte Einschätzung. In der Einleitung wird Dahl als Begründer der modernen Politikwissenschaft gelobt, der seine theoretischen Annahmen immer empirisch untermauert habe. Dahls Arbeit habe sich fast ausschließlich auf das 20. Jahrhundert konzentriert, weshalb neuere politische Phänomene damit nur schwer zu greifen seien. Gerade hinsichtlich der Rolle politischer Parteien sei Dahl, so Shapiro, auffallend stumm geblieben.

Dahl schreibt in einfachen Worten für ein breites Publikum und stellt in schnellem historischen Gang die wichtigsten Stationen der Entwicklung der Demokratie dar, von den ersten Anfängen und unterschiedlichen Wegen – immer an Einsteiger*innen und Anfänger*innen gerichtet: „[T]he course of democratic history would look like the path of a traveler crossing a flat and almost endless desert broken by only a few hills, until the path finally begins the long climb to its present heights“ (9 f.). Demokratie sei, ähnlich dem Feuer, an vielen Stellen gleichzeitig entstanden, sobald einige grundlegende Bedingungen erfüllt waren, wie Sesshaftigkeit, kleinere Gruppen mit engem Austausch und eigener Identität sowie wenig Einfluss von außen.

Dahl nimmt eine durchgehend wichtige Unterscheidung zwischen der Demokratie als Idealform und der Demokratie in ihrer heutigen Ausprägung vor. Der Weg zur Erreichung der idealen Demokratie erfolge dabei nur über Institutionen: Diese müssten gestärkt werden, vor allem die der politischen Bildung. Dabei gehe es um zwei Schritte: Im ersten müsse eine stabile Demokratie errichtet werden (was in zahlreichen Ländern bereits geschehen sei), diese müsse dann über ihr bestehendes Niveau hinaus weiter ausgebaut werden. Vor allem Letzteres stelle gegenwärtig eine Herausforderung für viele ältere Demokratien dar. Dahl hat dazu auch konkrete Vorstellungen und schlägt vor, die jeweilige Verfassung regelmäßig zu überprüfen. So könnten sich circa alle zwanzig Jahre führende Verfassungsrechtler*innen, politische Entscheider*innen und informierte Bürger*innen zusammensetzen und auf Grundlage der Erfahrungen anderer Länder die bestehende Verfassung eines Landes überarbeiten und an neue Herausforderungen der Moderne anpassen.

Dahl wendet sich auch komplexeren Risiken und Wechselwirkungen zu, vor allem der Frage nach Demokratie und Kapitalismus. Es gebe keine Demokratie ohne Marktwirtschaft, aber Marktwirtschaft funktioniere auch ohne Demokratie. Allerdings könne die Einführung der Marktwirtschaft zu einer Demokratisierung führen, so der Autor mit einem gewissen Optimismus bezüglich China. Dennoch stellten die Machtmechanismen des Kapitalismus große Schwierigkeiten für demokratische Prozesse dar, so Dahl. Umso wichtiger sei es, auch die Wirtschaft zu demokratisieren.

Die Zukunft der Demokratie hänge laut Dahl an drei großen Herausforderungen. Angesichts der Tatsache, dass das Buch erstmals 1998 veröffentlicht wurde, stärkt dies seine Vorhersagen noch. Die großen Arbeitsbereiche seien „changes in scale“, „complexity“, „communications“ (187). Die Internationalisierung der Politik führe zu einer größeren Vernetzung zwischen den Ländern, Politik werde immer komplexer und ausdifferenzierter und neue Kommunikationskanäle erforderten viel mehr kommunikative Arbeit. Das sei allerdings alles machbar und könne dabei helfen, bestehende Demokratien zu idealen werden zu lassen: „The success of the advanced democracies would then provide a beacon for all, throughout the world, who believe in democracy“ (188).

Im Vorwort erläutert Shapiro den US-amerikanischen Fokus der Arbeit, macht aber auch klar: Dahl hatte eine klare Präferenz für bestimmte politische Systeme. Er bevorzugte für die Vereinigten Staaten das Verhältnis- gegenüber dem Mehrheitswahlrecht. Besonders überraschen dabei die zahlreichen Verweise auf das deutsche Wahlsystem, das ausgesprochen positiv rezipiert und dem Vorbildcharakter attestiert wird. Tatsächlich fallen die vielen Verweise auf deutsche politische Begebenheiten in dem US-amerikanischen Werk auf.

Shapiro, der als Koautor etwas untergeht, zeigt Dahls unzweifelhaft bahnbrechende Arbeit in den Vereinigten Staaten exemplarisch auf. So habe Dahl bereits 1957 bewiesen, dass der Oberste Gerichtshof in den USA entgegen landläufiger Meinung kaum zum Schutz von Minderheitenrechten beitrage. Tatsächlich seien es demokratische Akteurinnen und Akteure, die in diesen Bereichen soziale Fortschritte erzielten. Daher sei die Stärkung der Gerichte nicht zwangsläufig der effektivste Weg, um den Schutz von Minderheiten zu garantieren.

Dahl und auch Shapiro verlieren das große Ganze nicht aus dem Blick und nehmen größere Entwicklungen in den Blick, über das Tagesgeschäft hinaus. So hätten die Reformen der 1970er-Jahre in den USA die Vorwahlen gestärkt. Dank niedriger Wahlbeteiligung setzten sich dort die Randgruppen durch – Donald Trump und seine Anhängerschaft seien das klarste Zeichen dafür.

Das Buch nimmt vor allem die USA in den Blick, was, wie bereits ausgeführt, Shapiro im Vor- und Nachwort erläutert. Dies führt zu einer argumentativen Nivellierung, so werden besondere US-Phänomene verallgemeinert und auf andere politische Systeme übertragen. Shapiro fragt beispielsweise in seiner Abhandlung über moderne politische Entwicklungen: „How long can (the shunning of the AfD) continue if the AfD keeps growing whole other parties shrink and fragment?“ (xx) Hier wäre auf die Dahl‘sche Würdigung zu verweisen: Wo ist hier die Empirie? Dennoch zeigt das Buch auch aufgrund seiner vielfältigen statistischen Aufbereitungen ein großes Potenzial für Weiterentwicklungen von Demokratien und für eine kritische Analyse des Status quo. Der Erfolg in Europa ist allerdings schwer abzusehen.

Verfasst von:

Vincent Wolff

Erschienen am:

4. Oktober 2021

Robert A. Dahl / Ian Shapiro

On Democracy

London, Yale University Press 2020 Veritas Paperbacks

Sammelrezension

Populismus, Radikalisierung, Autoritarismus. Herausforderungen der Demokratie

Unterschiedliche Facetten der Gefährdung von Demokratie stehen im Blickpunkt von drei Sammelbänden, denen sich Thomas Mirbach widmet. Der von Ralf Mayer und Alfred Schäfer edierte Band betrachte die Debatte über den Populismus aus divergierenden Perspektiven. Um Radikalisierungsprozesse gehe es in dem von Christopher Daase et al. herausgegebenen Buch und im Band „Die Zukunft der Demokratie“ werden Belastungen für die Demokratie genannt, wie etwa die steigende wirtschaftliche und soziale Ungleichheit und daraus Forderungen zur Rückgewinnung demokratischer Legitimität abgeleitet, so der Rezensent.
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Rezensionen

Adam Przeworski

Krisen der Demokratie

Berlin, Suhrkamp Verlag 2020 Aus dem Englischen von Stephan Gebauer

Was gegenwärtig als Krise der Demokratie diskutiert werde, habe „‚tiefe ökonomische und gesellschaftliche Wurzeln‘“, heißt es in der Studie des Politikwissenschaftlers Adam Przeworski. Dazu zähle der Autor einerseits, wie Rezensent Thomas Mirbach ausführt, die steigende ökonomische Ungleichheit in den OECD-Ländern, verstärkt durch die abnehmende Bedeutung der Gewerkschaften, und die Deregulierung der Finanzmärkte. Andererseits sehe Przeworski auf der institutionellen Ebene die Erosion der traditionellen Parteiensysteme und das Erstarken von nationalistischen Parteien ebenfalls als dramatische Entwicklungen an. Gefährdet seien Demokratien auch in zunehmendem Maße durch eine graduelle Dekonsolidierung demokratischer Institutionen und Normen. Mirbach hält die Studie „für eine ebenso analytisch klare wie nüchterne Diskussion von möglichen Gefährdungen demokratischer Ordnungen“. (ste)
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Philip Manow

(Ent-)Demokratisierung der Demokratie

Berlin, Suhrkamp 2020

Der gegenwärtige Populismus sei durch die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von zwei Entwicklungen geprägt, die Philip Manow als Demokratisierung und Entdemokratisierung der Demokratie bezeichnet. Zu beobachten sei eine Krise der Repräsentation, nicht aber der Demokratie. Erstere sei eine Konsequenz der Ausweitung politischer Partizipationschancen, weshalb die Demokratie zwar „demokratischer“ geworden sei. Die Krise der Repräsentation transformiere aber den Streit in der Demokratie zu einem über die Demokratie. So würden „Dynamiken der ‚Feindschaft’“ freigesetzt und der Gleichheitsanspruch der Demokratie als zentrale Prämisse des friedlichen politischen Konflikts untergraben. Populisten seien Folge und nicht Ursache des Problems der repräsentativen Demokratie.
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Aus der Annotierten Bibliografie

Stefan Marschall (Hrsg.)

Demokratie

Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich 2014 (UTB Profile 4029); 125 S.; 9,99 €; ISBN 978-3-8252-4029-5
Die Demokratie ist ein Erfolgsmodell. Zwei Drittel aller Staaten der Erde werden von „Freedom House“ als sogenannte Wahldemokratien eingestuft. Anders als in den Freiheitsrevolutionen des 18. Jahrhunderts in den USA und Frankreich ist nicht die direkte Herrschaft weiter Teile der Bevölkerung der Markenkern, sondern die repräsentative Demokratie mit Wahlen sowie parlamentarischen Mehr‑ und Minderheiten. Hinzu kommt ein zweites Markenzeichen: die liberale Demokratie mit ihren ververfassungsverankerten Bürger‑, Menschen‑ bzw. Grundrechtskatalogen...weiterlesen

Paul Nolte

Demokratie. Die 101 wichtigsten Fragen

München: C. H. Beck 2015; 160 S.; 10,95 €; ISBN 978-3-406-67368-9
„Selten war irgendwann in der Geschichte so viel von Demokratie die Rede wie heute“ (154), schreibt der Berliner Zeithistoriker Paul Nolte: Demokratie sei nicht nur ein Regierungssystem, ein Schema von Institutionen und Verfahren, sondern zu einem globalen Sehnsuchtsraum und Erwartungshorizont geworden, also häufig auch Verheißung und Erwartung. Wie es dazu kommen konnte, wie sich also Konzeptionen der Demokratie entwickelten und was unter Demokratie eigentlich zu verstehen ist – diesen Fragen nähert sich Nolte thematisch breit gefächert. Angesichts ...weiterlesen

Giorgio Agamben / Alain Badiou / Daniel Bensaïd / Wendy Brown / Jean-Luc Nancy / Jacques Rancière / Kristin Ross / Slavoj Žižek

Demokratie? Eine Debatte

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2012 (edition suhrkamp 2611); 137 S.; 14,- €; ISBN 978-3-518-12611-0
„,Demokratie‘ ist ein exemplarischer Fall von Bedeutungslosigkeit geworden“ (72), denn während sie (mindestens) in der westlichen Welt als Selbstverständlichkeit – und dementsprechend alternativlos – erscheint, ist sie kaum mehr mit einem Wert zu verknüpfen, der über ihre formale Hülle hinausgeht. Statt zu einem Projekt der politischen Selbstbestimmung ist Demokratie sukzessive zu einem Schatten ihrer selbst geworden. Diesen prominent in der Postdemokratie-These zus...weiterlesen


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