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Rezension

Brüchige Wahrheit
Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften

„Alternative Fakten“ oder „Fake News“ sind längst geläufige Begriffe. Sie sind Ausdruck für ein Problem, mit dem wir uns seit Jahren im Bereich des Politischen kon-frontiert sehen: Wahrheit hat an Eigenwert verloren. Nicht mehr Fakten, sondern Gefühle und persönliche Einschätzungen prägen die öffentliche Meinung.

Die französische Philosophin Myriam Revault d’Allonnes nimmt ihr Erstaunen über das Aufkommen dieses Phänomens, das inzwischen mit dem Schlagwort der „Postwahrheit“ bezeichnet wird, zum Anlass, um unter Rückgriff auf Gedankengänge Platons, Aristoteles‘, Hannah Arendts und Michel Foucaults nach dem Verhältnis von Wahrheitsregime und Politik sowie nach seiner möglichen Radikalisierung zu fragen.

Dazu erschließt sie zunächst die Bedeutung des Präfixes „Post“. Anschließend ent-wirft sie zunächst eine historisch-begriffliche Genealogie. Diese setzt bei der Ursprungsdebatte zwischen Platon und Aristoteles an. Während Platon einen Gegensatz zwischen Wahrheitssuche und politischer Praxis (Vorwurf des Sophismus) sieht, wertet Aristoteles die am Wahrsprechen orientierten Meinungen auf, deren Voraussetzung das auf öffentlicher Aushandlung beruhende Urteil bildet. Die Bedingungen politischer Praxis nach aristotelischem Bild und das Gemeinsame, auf dem die politische Existenzweise beruht, werden analysiert.

Die Rhetorik habe im Aushandlungsprozess eine wichtige Rolle inne. Den Leser*innen wird vor Augen gehalten, dass die politische Sprache eine unüberwindliche Ambivalenz in sich trage: Weder sei sie mit dem Sprachgebrauch der Wahrheit noch dem der Philosophie identisch. Grund ist die Pluralität der im öffentlichen Raum artikulierten und konfligierenden Standpunkte. Diese Pluralität hilft jedoch nicht zu erklären, warum die Postwahrheit den Tatsachenwahrheiten abträglich ist. Tatsachenwahrheiten, oder auch faktische Wahrheiten, drängen sich – anders als Meinungen – auf. Sie sind aber anfällig. Diese Anfälligkeit, die sich etwa in der Auslöschung entmachteter politischer Führer zeigt, wurde schon von Arendt bei der Betrachtung totalitärer Regime festgestellt. Aber das Phänomen der Postwahrheit entspringe nicht denselben Mechanismen wie totalitäre Ideologien.

Besondere Relevanz erfahren Foucaults Konzepte der „parrhesía“ (des Wahr-Sprechens) und der Gouvernementalität, womit Erscheinungsformen neuzeitlicher Regierung gemeint sind, die das Verhalten von Individuen und Kollektiven steuern. Die Autorin hinterfragt den Verzicht auf die Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Sie stellt unter Rückgriff auf Hannah Arendt, Paul Ricoeur, Aristoteles und George Orwell fest, dass die Lüge schon immer existiert hat, und Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit die größere Sünde darstellt. Denn der Mangel an Unterscheidung zwischen wahr und falsch führt der Autorin zufolge zum Verlust einer „gemeinsamen Welt", wie sie insbesondere Arendt und Orwell für das Funktionieren (politischer) Kommunikation als fundamental erachten.

Verfasst von:

Günter Lipfert

Erschienen am:

20. Januar 2021

Myriam Revault d‘Allonnes

Brüchige Wahrheit. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften

Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt Hamburg, Hamburger Edition 2019

Digirama

Belinda Nüssel
„Smolensk-Religion“ oder der „Kampf um die Wahrheit“?
(Re-)Konstruktion des politischen Diskurses um den Flugzeugabsturz von Smolensk 2011 – 2017 – eine wissenssoziologische Betrachtung.
Abteilung Soziologie am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, März 2019

Lisa-Maria Neudert
Die Propaganda lernt sprechen
IPG-Journal, 16. Januar 2019

Cornelia Koppetsch
Rechtspopulismus als Klassenkampf? Soziale Deklassifizierung und politische Mobili-sierung
Hans-Böckler-Stiftung, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut, Mai 2018

Felix Schenuit
Modelle wissenschaftlicher Politikberatung auf dem Prüfstand. Impulse für die Politikwissenschaft aus den Science and Technology Studies
Stiftung Wissenschaft und Politik, 3. April 2017

Ralf Fücks
Über Wahrheit und Lüge in der Politik
Die Rede von zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2014 an die Pussy-Riot-Aktivistinnen Nadeshda Tolokonnikowa und Maria Aljochina sowie an den ukraini-schen Schriftsteller Juri Andruchowitsch.
Heinrich-Böll-Stiftung, 15. Dezember 2014


Rezension

Armin Nassehi

Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft

Hamburg, Murmann Verlag 2017 (kursbuch.edition)

Die Welt wird immer komplexer, bei immer sichtbareren Grenzen der Links-Rechts-Erklärungsmuster. Armin Nassehi nähert sich der unübersichtlichen Moderne über eine Wahrnehmung von Welten in Welten, deren unterschiedliche Logiken im Widerstreit miteinander stehen und der Vermittlung bedürfen. Nur so könne sich eine Pluralität der Le-bensformen etablieren. Es geht also nicht darum, die eine Wahrheit über die Gesellschaft herauszufinden – diese gebe es nicht. Ein positives Beispiel für den Versuch, zwischen den Perspektiven zu vermitteln, sei die Arbeit des Ethikrats des Bundestags.
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Aus der Annotierten Bibliografie

Hannah Arendt

Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays

München/Zürich: Piper 2013; 93 S.; kart., 8,99 €; ISBN 978-3-492-30328-6
Der Band versammelt zwei erstmals 1967 respektive 1971 veröffentlichte Aufsätze der politischen Denkerin Hannah Arendt und gruppiert sie als ewiges Streiten im Politischen. Wahrheit und Lüge in der Politik scheinen der zeithistorischen Beobachterin seit der Antike miteinander verbunden, brechen aber erneut auf in der amerikanischen Verarbeitung des Vietnam‑Krieges oder im trügerischen Selbstbild einer unverwundbaren Nation vor den Herausforderungen des Kalten Krieges. Abseits von Täuschung...weiterlesen

Hans-Peter Dürr / Hans-Jürgen Fischbeck (Hrsg.)

Wirklichkeit, Wahrheit, Werte und die Wissenschaft. Ein Beitrag zum Diskurs "Neue Aufklärung"

Berlin: BWV Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH 2003 (Wissenschaft in der Verantwortung); 175 S.; kart., 23,- €; ISBN 3-8305-0347-4
„Wo und wie im Forschungs- und Entwicklungsprozeß kann der Erosion von Grundwerten und dem Primat des technisch Machbaren vor dem gesellschaftlich Bedachten noch Einhalt geboten werden?“ (7) Dies war eine der zentralen Fragen der Tagung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler mit dem Titel „Welchen Wert hat die Wissenschaft? Zwischen Sein und Sollen, Wissen und Wollen: Beispiel Humangenetik und Embryonenforschung. Ein Beitrag zum Diskurs Neue Aufklärung“, die im November 2000 in Berlin stattfa...weiterlesen


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