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SIRIUS: Kurzanalyse

Jemen Haus mit Huthi LogoParole der Huthis an einem Haus in Yafaa-Dhamar-Jemen, die Parolen lauten. Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam! Foto: Abdullah Sarhan / Wikimedia Commons (Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Wer sind die Huthis im Jemen?
Profil einer missverstandenen Konfliktpartei

1. Einleitung

Der Krieg im Jemen wird oft missverstanden und die daraus resultierende anhaltende humanitäre Krise vielfach ignoriert. Viele Analysen reduzieren den Konflikt auf einen Stellvertreterkrieg zwischen der arabischen Koalition – unter Führung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate – und Iran. Aber der Stellvertreterkrieg ist nur eine Facette eines mehrdimensionalen Konflikts, an dem viele verschiedene Gruppen beteiligt sind, von denen einige „unbehagliche“ Allianzen miteinander eingegangen sind. Die US-Politik ist vor allem dem Bündnis der USA mit Riad und ihrem gemeinsamen Ziel, den Einfluss Teherans einzudämmen, verpflichtet. Aufgrund dessen wurden die Komplexitäten des Konflikts oftmals nicht verstanden.

Eine der am meisten missverstandenen und zugleich wichtigsten Konfliktparteien sind die Huthis. Im vergangenen Jahrzehnt sind sie von einer isolierten religiösen Bewegung zu einer bedeutenden militanten Gruppierung geworden, die die jemenitische Hauptstadt Sanaa kontrolliert. Allerdings sind mit diesem Erfolg neue innere Spaltungen und äußere Bedrohungen entstanden, die beeinflussen werden, wie der verheerende Krieg enden und was danach kommen wird.

2. Der Aufstieg der Huthis

Die Huthis traten erstmals zu Beginn der 1990er Jahre als eine oppositionelle Bewegung in Erscheinung; allerdings ging von ihnen bis zu Beginn der 2000er Jahre keine ernstzunehmende militärische Bedrohung für den jemenitischen Staat aus. Die Gruppe, die ursprünglich als „Gläubige Jugend“ organisiert war, behauptete, die Schule des Zaidismus, eines Zweigs der Schiiten, erneuern zu wollen, und wollte ein Gegengewicht zu der wachsenden Zahl sunnitisch-wahhabitischer Schulen in Sa’da, der Nordprovinz des Jemen, und insbesondere in Dammaj bilden. Als die Organisation immer mehr Zulauf hatte, plante sie Aufstände gegen die Zentralregierung und wurde unter dem Namen „die Huthis“ bekannt, nach der Familie, die die Bewegung anführte. Die Huthis führten zwischen 2004 und 2010 sechs Kriege gegen die Zentralregierung, die sogenannten Sa’da-Kriege. In diesen Konflikten, die sie zum Aufbau einer militärischen Organisation veranlassten, sammelte die Rebellengruppe Kampferfahrung. Allerdings ereignete sich der eigentliche Aufstieg zur Macht während und nach dem Arabischen Frühling im Jahr 2011.

Als die Proteste im Jemen begannen, waren die Huthis auf dem Change Square (Platz des Wandels) vertreten. Nachdem Präsident Ali Abdullah Saleh nach monatelangem Druck zurückgetreten war und einen politischen Übergang eingeleitet hatte, nahmen die Huthis an der National Dialogue Conference (NDC) teil, wo einer der acht Ausschüsse, die gebildet wurden, sich ausschließlich mit ihren Anliegen befasste. Der politische Prozess war von Spannungen geprägt. Sana‘a hatte noch nie in seiner modernen Geschichte so viele Gruppen mit so unterschiedlichen Interessen beherbergt, und der von der NDC befürwortete Übergang war eine unpopuläre Abwendung von der traditionell dezentralen, konsoziationalistischen Regierungsform. Politisch ehrgeizige Gruppen in der Hauptstadt, darunter auch die Huthis, waren bestrebt, das staatliche Machtvakuum für sich auszunutzen.

Im September 2014 schließlich besetzten die Huthis Sana‘a, aber diese Wende der Ereignisse kam alles andere als plötzlich. In den Monaten vor dem Einmarsch der Huthi-Truppen in die Hauptstadt stieß die Miliz langsam durch die Gebirgsregionen Arhab und Amran vor, wobei sie mehrere Schlachten gegen rivalisierende militärische Einheiten unter Führung von General Ali Muhsin al-Ahmar, die islamistische Stammeskonföderation Islah und unabhängige salafistische Kämpfer ausfocht. Als die Huthis in Sana‘a einzogen, wurde angeblich kein einziger Schuss abgefeuert. Die Machtübernahme ging langsam vonstatten und wurde flankiert von politischen Vereinbarungen, nicht nur mit der Regierung, sondern auch mit den 2005 gegründeten Joint Meeting Parties (JMP), einem oppositionellen Parteienbündnis.

Mit dem Eingreifen der arabischen Koalition wuchs sich der Bürgerkrieg 2015 zu einem regionalen Krieg aus. Ungeachtet dieses erhöhten Drucks zeigte sich, dass die politischen Ambitionen der Huthis viel größer waren als von den meisten Beteiligten erwartet. Zudem konnten sie gegenüber anderen konkurrierenden Faktionen schnell mehrere Vorteile erringen.

Sie hatten bereits die Hauptstadt Sana‘a erobert, wo sie sämtliche staatliche Institutionen unter ihre Kontrolle brachten. Sie profitierten auch von dem Erfahrungsschatz Salehs, des nach 33-jähriger Herrschaft zum Rücktritt gezwungenen Präsidenten und ehemaligen Feind der Huthis. Saleh verbündete sich völlig unerwartet mit den Huthis, um seinen Einfluss zu wahren. Als die arabische Koalition ihre Intervention verstärkte, nutzten die Huthis auch diese Tatsache aus und machten die Abwehr der Intervention zu einer Daseinsberechtigung.

Heute, mehr als fünf Jahre nach der Eroberung Sana‘as, haben die Huthis die Hauptstadt und die Gouvernements Amran, Dhamar, Raima, Ibb und al-Mahwit vollständig unter ihrer Kontrolle gebracht. Sie kontrollieren auch einen Großteil der nordwestlichen Provinz Haddscha, bis auf einen Streifen an der Grenze zu Saudi-Arabien, und sie sind in der zentralen Provinz al-Baida’ präsent. Der Krieg hat Sa’da verwüstet, die nördliche Hochburg der Huthis, aber die Provinz bleibt fast vollständig unter ihrer Kontrolle.

3. Wer ist in diesem Konflikt ein Huthi?

Die Huthis, die selbst die Bezeichnung Ansar Allah (Anhänger Gottes) vorziehen, werden im Allgemeinen definiert als Anhänger der religiösen und politischen Agenda Abdel Maliks und Hussein al-Houthis und der von Badr al-Din al-Houthi inspirierten Weltanschauung. Diese Ideologie ist vom Zaiditentum, einem Zweig des Schiismus mit ähnlichen religiösen Bräuchen wie die sunnitischen Schafiiten im Jemen, beeinflusst. Allerdings hat der gegenwärtige Konflikt einen neuen Typ von Huthi hervorgebracht. Heute setzen sich die Huthis aus einem breiten Spektrum von Gruppen zusammen – einer schwer kontrollierbaren Quasi-Koalition, die sich über religiöse, geografische und politische Räume und Hierarchien erstreckt, die in ihrem Widerstand gegen die Intervention unter Führung Saudi-Arabiens vereint sind.
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Die deutsche Übersetzung des englischsprachigen Originals ist erstmals erschienen in SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, Band 3, Heft 3: 280-286, DOI: https://doi.org/10.1515/sirius-2019-3008 (online erschienen: 07.09.2019)

Verfasst von:

Sama'a Al-Hamdani

Erschienen am:

9. Oktober 2019

Rezension

Marc Lynch

Die neuen Kriege in der arabischen Welt. Wie aus Aufständen Anarchie wurde

Aus dem Englischen von Rita Seuß und Thomas Wollermann. Hamburg, Edition Körber-Stiftung 2016

Marc Lynch, der Erfinder des Begriffs „Arabischer Frühling“, legt eine Bewertung der Aufstandsbewegungen in der arabischen Welt nach 2011 vor. In neun Kapiteln arbeitet er die sozialen und politischen Entwicklungen in den Aufstandsländern, die Interessenlagen der Regionalmächte und die Rolle der USA heraus. Auch geht er auf die Muslimbruderschaft ein, die er als ein Bollwerk gegen radikalere dschihadistische Kräfte einschätzt. Nach dem Scheitern der ersten Rebellion und angesichts der äußerst instabilen politischen Landschaft seien weitere und gewaltsamere Aufstände zu erwarten.


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