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Rezension

Königreich der Angst
Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Dass auf dem Gebiet des Politischen Emotionen eine wichtige Rolle spielen, wird von den Sozialwissenschaften nicht erst seit dem Erstarken populistischer Bewegungen aufmerksam verfolgt. Ambitionierte Zeitdiagnosen sehen in der modernen, singularisierten Gesellschaft eine Affektgesellschaft, „wie es die klassische Moderne niemals hätte sein können“ (Reckwitz 2017, 17). Der Wahlsieg von Donald Trump 2016 in den USA – für viele Beobachter ein Beleg, dass mit Affekten erfolgreich Politik gemacht werden kann – war auch der auslösende Impuls für Martha Nussbaums Studie über das „Königreich der Angst“. Die Gesellschaft der USA ist – so ihre Wahrnehmung – von einer „nebulöse[n] und vielgestaltige[n] Angst“ durchdrungen und Nussbaum rückt hierbei den Zusammenhang von Angst und „anderen problematischen Emotionen wie Wut, Ekel und Neid“ (8) ins Zentrum. Emotionen sind kein neuer Gegenstand für sie; in ihren zahlreichen Studien zur Ausformulierung einer aristotelisch inspirierten Ethik hat sie die kognitive Funktion von Emotionen hervorgehoben (vgl. Nussbaum 2002, 2014, 2017). Aber angesichts der aktuellen politischen Lage scheinen Nussbaum ihre bisherigen Untersuchungen mindestens in dem Punkt ergänzungsbedürftig, der die „kausale [..] Vorrangstellung“ von Angst im menschlichen Handeln betrifft (33). Wer nach dieser Ankündigung jedoch eine differenzierte Analyse der sozialen Voraussetzungen einer politischen Mobilisierung und Verwendung von Emotionen erwartet, wird von der Lektüre enttäuscht werden. Nussbaum entwickelt vielmehr – in ausdrücklich „introspektiver“ Haltung (30) – eine ideengeschichtlich gestützte Phänomenologie basaler Emotionen, die in Gestalt von Angst, Zorn, Ekel und Neid destruktive Effekte für die Demokratie entwickeln können (zu ihren bevorzugten Referenzen gehören Aristoteles, Lukrez und Rousseau).

Dabei kommt der Angst, genetisch gesehen die erste unter den Emotionen, eine primäre Rolle zu, weil sie tief in unserem tierischen Erbe verankert ist und – wenn die Außenwelt als übermächtig erlebt wird – unser Handeln auf eine asoziale und narzisstische Haltung einengt (36 ff.). Wie nicht nur zahlreiche Studien der Entwicklungspsychologie zeigen, sind Emotionen wie Angst in hohem Maße kulturell geformt und es hängt unter anderem von sozialisatorischen Rahmenbedingungen ab, ob Menschen zu einem reifen Umgang mit Angst befähigt werden (51 ff.). Sowohl innerhalb der Dynamik familiärer Beziehungen wie in der Gesellschaft – Nussbaum belässt es hier bei einer sehr pauschalen Parallelisierung – müssen dementsprechend fördernde Umwelten ausgebildet sein, damit „wir unseren Narzissmus einschränken und die Gegenseitigkeit akzeptieren“ (84). Der Zorn, ein „Kind der Angst“ (86 ff.) und wie diese „Gift für die demokratische Politik“ (92), enthält zwei unterscheidbare Aspekte: Einerseits den Wunsch nach Vergeltung faktischer oder vermeintlicher Schädigung oder Herabsetzung und andererseits das Moment einer Empörung über ungerechte Zustände oder Handlungen. Allein diese zweite Form – der „Zorn des Übergangs“ als Protest jenseits von Rache und Schuldzuschreibungen – könnte in gesellschaftlich konstruktive Aktivitäten münden (beispielhaft steht in diesem Zusammenhang für sie das Wirken von Martin Luther King). Bei den anschließend Motiven des Ekels zugeschriebenen Mechanismen sozialer Ausgrenzung fällt auf, dass Nussbaum viel deutlicher als in den vorangegangenen Kapiteln eine Art der Koppelung von Gefühlen und Körperzuständen ins Spiel bringt (112 ff.). Ein primärer Ekel reagiert – wenngleich auch immer symbolisch vermittelt – auf Körperphänomene (wie Ausscheidungen und Gerüche) und in ihm zeigt sich eine Angst, die sich auf die eigene Animalität und Sterblichkeit bezieht. Darauf aufbauend kommt es – so Nussbaum – zur Ausbildung eines „projektiven Ekels“, der in fast allen Gesellschaften „Gleichheit und gegenseitigen Respekt bedroht“ (142). Diese Ausprägung des Ekels bedient sich nahezu beliebiger Merkmale, um spezielle Gruppen (Nussbaums Beispiele beziehen sich auf die Ausgrenzung von Afroamerikanern, Schwulen, Lesben, Homosexuellen) ab- und die eigene Gruppe aufzuwerten. Weil der projektive Ekel – ebenso wie der Zorn – angstfundiert ist, wird er in Zeiten allgemeiner Unsicherheit verstärkt zur Ausgrenzung eingesetzt (160). Auch die vierte problematische Emotion – der Neid – hat ihren Ursprung in der Angst (163 ff.). Neid beruht auf einer Mischung von destruktiver Feindseligkeit und Gefühlen der Machtlosigkeit hinsichtlich der Verteilung von Positionen und Gütern, über die andere verfügen. Zur Haltung des Neids gehört typisch die Vorstellung, gesellschaftliche Kooperation sei ein Nullsummenspiel. Wie schon bei der Erörterung der anderen Emotionen fällt der Bezug auf gesellschaftliche Kontexte, die Neid begünstigen, sehr pauschal aus – die Rede ist von unserer „Kultur der kurzlebigen Berühmtheiten und des Narzissmus der sozialen Medien“ (191). Lediglich in dem folgenden Kapitel, das sich mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit befasst, geht Nussbaum etwas konkreter auf bestimmte Tendenzen der gegenwärtigen (US-amerikanischen) Politik ein, namentlich die zahlreichen demütigenden Auslassungen Trumps über Frauen als Konkurrentinnen im politischen Feld (196 ff.). Er bedient damit – so ihre Unterscheidung – eher die Haltung von Frauenfeindlichkeit im Sinne einer entschiedenen Strategie, männliche Privilegien aufrechtzuerhalten, als die eines Sexismus, der eine naturbedingte Unterlegenheit von Frauen behauptet. Beide Haltungen aber haben für sie gemeinsame Wurzeln in unterschiedlichen Ausprägungen von Angst und Neid, in denen das Bild der Frau als „ungehorsame[.] Gehilfin“, „leibverhaftete[.] Frau“ oder als „erfolgreiche[.] Konkurrentin“ erscheint (200 ff.). Dass derartige Diskriminierungen – etwa bei der Wählerschaft von Trump – von Veränderungen ökonomischer Strukturen begünstigt werden könnten, die „weiße Männer, besonders diejenigen aus der unteren Mittelschicht, […] zu Verlierern“ macht, wird nur punktuell angesprochen.

Der Band schließt mit einer weitgefassten „Vision einer besseren Zukunft“ (231 ff.), in der sich Berufungen auf klassische (‚sokratische’) Tugenden, gerechtigkeitstheoretische Prinzipien (in Anlehnung an den von ihr maßgeblich entwickelten capability approach) und Empfehlungen politischer Maßnahmen (Ausbau des Gesundheitssystems und Einführung einer nationalen Dienstpflicht, beides nach deutschem Vorbild) mischen.


Fazit

Von einer Studie, die sich mit dem „Königreich der Angst“ befasst, wäre zu erwarten, dass sie auch einen Blick auf das Herrschaftsgefüge dieses Reiches wirft, also auf die Formierung und Verwendung von Ängsten für Zwecke des politischen Machterwerbs und Machterhalts eingeht. Das bleibt Nussbaum weitgehend schuldig und der ursprüngliche Anlass dieser Publikation – der Wahlerfolg Trumps – wird leider nicht durch eine Analyse eingelöst, die sich spezifisch mit der Rolle von Emotionen in populistischen Bewegungen oder mit der aktuellen politischen Krise der USA auseinandersetzt.


Literatur


Nussbaum, Martha C. (2002): Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge. Drei philosophische Aufsätze. Stuttgart, Reclam

Nussbaum, Martha C. (2014): Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Frankfurt am Main, Suhrkamp

Nussbaum, Martha C. (2017): Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Suhrkamp

 

Verfasst von:

Thomas Mirbach

Erschienen am:

27. Mai 2020

Martha Nussbaum

Königreich der Angst. Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Darmstadt, WBG Theiss 2019

Aus der Annotierten Bibliografie

Karl-Rudolf Korte (Hrsg.)

Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft [DGfP] 33); 350 S. ; 69,00 €; ISBN 978-3-8487-2246-4
Obschon Emotionen in der Politik eine nicht zu übersehende Rolle spielen, man denke an Kampagnen für Spitzenkandidaten im Rahmen von Wahlkämpfen oder an die Art öffentlicher Debatten über Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus, hat die (deutsche) Politikwissenschaft lange gezögert, sich mit diesem Thema konzeptionell und methodisch auseinanderzusetzen. Diese Distanz gegenüber Emotionen speist sich nicht zuletzt aus den rationalistischen Prämissen relevanter ...weiterlesen


Martha C. Nussbaum

Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Aus dem Amerikanischen von Ilse Utz

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014 ; 623 S. ; 39,95 €; ISBN 978-3-518-58609-9
Bereits Montesquieu hatte für eine demokratische Regierung die Tugend ihrer Glieder – verstanden als Liebe zur Gleichheit – vorausgesetzt. Martha Nussbaum folgt dieser Annahme mit der These, dass Liebe und Mitgefühl die zwischenmenschlichen Beziehungen auszeichnen, die eine wohlgeordnete liberale Gesellschaft stabilisieren. Eine gerechte Ordnung könne also nicht allein mit abstrakten politischen Prinzipien erreicht, sondern müsse mit Verständigungsbereitschaft und Zuneigung unterfüttert und begleitet werden, aus denen ...weiterlesen


Martha Nussbaum

Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus de Palézieux

Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014 ; 220 S. ; geb., 39,95 €; ISBN 978-3-534-26460-5
Die US‑amerikanische Philosophin Martha Nussbaum beobachtet in ihrem nun ins Deutsche übersetzten Buch eine zunehmende religiöse Intoleranz in der westlichen Welt, die sie zurückführt auf ein Gefühl der Angst. Festmachen lasse sich diese religiöse Intoleranz, die sich am deutlichsten gegenüber dem Islam und in Europa zeige, an zahlreichen Beispielen, etwa den Burka‑Verboten in Italien, Belgien und Frankreich oder auch an der Reaktion auf das Breivik‑Attentat in Norwegen, bei dem die Medien zunächst fälschlicherweise von einem ...weiterlesen


Dominique Moïsi

Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt

München: Deutsche Verlags-Anstalt 2009; 240 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-421-04332-0
Das Buch ist mehr als eine Antwort auf Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen. Moïsi verbindet in dem auf einen Foreign Affairs-Artikel zurückgehenden Buch das Empfinden von Massen mit geopolitischen Entwicklungen – kein gänzlich neuer, aber ein von der Politikwissenschaft vernachlässigter Ansatz. Etwas holzschnittartig, wenn auch nicht so monolithisch gemeint, unterteilt er dabei die Welt in drei Gefühlsregionen: den ängstlichen Westen, der um seine Identität ringt, die sich als...weiterlesen


Lektüre

Sabine Achour /Peter Massing (Hrsg.)
Emotionen
Politikum 1/2020
Bundeszentrale für Politische Bildung

Philipp Hübl
Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken
München, C. Bertelsmann 2019


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