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Rezension

NACH EUROPA!
Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent

Die grundlegende These des Buches ist, dass Europa im Jahre 1885, am Ende der Konferenz von Berlin, die koloniale Aufteilung Afrikas besiegelt hatte. Dabei war der innere Teil des afrikanischen Kontinents zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal kartografisch erfasst und stellte die ärmste Region der Welt dar. Afrika sei immer noch arm, schreibt Stephen Smith, und es drohe eine massive Auswanderung nach Europa.

Sein Buch sei der „Humangeografie“ (18) gewidmet, so Smith, der an der Duke University afrikanische und afro-amerikanische Studien lehrt. Die Thesen und die Zahlen, die er für seine Argumentation einsetzt, sind jedoch seit ihrer Veröffentlichung umstritten. So wird beispielsweise nicht deutlich, auf welcher Grundlage der Autor die Behauptung aufstellt, dass bis 2050 „zwischen 150 bis 200 Millionen Afro-Europäer“ (21) existieren und ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung in Europa afrikanischer Abstammung sein werde.

Bekannt ist, dass die Bevölkerung Europas altert und die afrikanische Bevölkerung jünger ist als sie. Smith geht davon aus, dass bis 2050 rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben und 20 Prozent von ihnen Afrikaner sein werden. Im Jahr 2100 jedoch würden aber 40 Prozent der Weltbevölkerung von elf Milliarden Menschen Afrikaner sein. „Rund 60 Prozent aller Menschen unter 15 werden südlich der Sahara leben – eine solide Mehrheit der Jugend der Welt.“ (46) Smith nimmt also an, dass sich die afrikanische Bevölkerung bis 2050 verdoppeln und infolge der nächsten 50 Jahre erneut duplizieren werde. Warum diese Prognose eintreffen sollte, wird nicht belegt.

Smith schreibt zudem, dass drei von vier Menschen, die ab jetzt bis 2100 auf die Welt kommen, „südlich der Sahara geboren werden.“ (53) Aus dem tatsächlich allgemein gültigen Argument einer „umfassenden Gesundheitspolitik“ (40) kann Smith solche Zahlen nicht plausibel erläutern. Denn es wird nicht deutlich, warum in den nächsten 80 Jahren die afrikanischen Gesellschaften durch eine intensive Bildung nicht ihr Bevölkerungswachstum besser kontrollieren und gegen die Desertifikation ihres Kontinents ökologische Lösungen finden können.

Neben dem Bevölkerungswachstum thematisiert Smith eine religiöse Erneuerung, die er als die „tiefgreifendste Änderung in Afrika heute“ (84) bezeichnet. Seiner Beobachtung nach würden Salafisten das tägliche Leben „immer stärker prägen“ (88) und die Medien keine Gelegenheit auslassen, den Salafismus in seiner Gegnerschaft zum westlichen Rationalismus darzustellen. Über christliche Bewegungen wie die Pfingstbewegung schwiegen die Medien dagegen.

Smith relativiert aber die Gefahr des Islamismus, wenn er die Anwendung der Scharia in zwölf Bundesstaaten Nigerias damit erklärt, dass dies im „lokalen Kontext“ (91) betrachtet werden sollte – denn auch Boko Haram heiße nur „westliche Erziehung ist verboten“ (92). Die Popularität des Koranrechts sei aus der Feindschaft gegenüber dem Westen abzuleiten. Smith diskutiert an dieser Stelle nicht, warum afrikanische Muslime nicht auch zu einer friedlichen Interpretation ihrer Religion gelangen könnten.

Besonders fragwürdig wird es, wenn er in diesen Kontext die dschihadistische Terrorbewegung al-Schabab (Jugend) legitimierend in die Tradition einer somalischen „Jugendliga“ (93) stellt, die für die Unabhängigkeit Somalias kämpfe. Ferner vergleicht Smith die terroristischen Aktionen dieser dschihadistischen Organisation mit dem Kampf von Nelson Mandela, der gegen die Rassendiskriminierung gekämpft hat. Diese Interpretation hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Smith geht davon aus, dass afrikanische Staaten deshalb häufig fragile Demokratien sind, weil ihre Gesellschaften es durch die „inhärente Instabilität“ (94) nicht schafften, die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die postkolonialen, gerontokratischen afrikanischen Staaten erfüllten ihre Aufgaben in Erziehung und Bildung nicht: „Ein Viertel der Schulen in Südafrika haben keine staatliche Zulassung und sind deshalb technisch illegal.“ (115)

In diese Lücke sei – insbesondere nach dem 11. September 2001 und dem Krieg gegen den Terrorismus – „die Religion als Träger der Konfliktmobilisierung mit Wucht wieder zurückgekehrt“ (124). Dies habe geschehen können, weil die Mehrheit der jungen Menschen keine politische Stimme habe und von kleinen Minderheiten Ältester beherrscht werden, über die Religion aber schien sich ein Ausweg aus dieser Situation zu eröffnen.

Dieser Problemaufriss, in dem die Faktoren Bevölkerungswachstum und Hinwendung zur Religion im Mittelpunkt stehen, bildet dann für Smith den Hintergrund einer Prognose der UNO: Es sei davon auszugehen, dass sich zwischen 2015 und 2050 „rund 91 Millionen Menschen aus dem Süden in den reicheren Ländern niederlassen“ (132) werden. Der afrikanische Migrant entfliehe der Hölle, Europa erscheine ihm daher als das „Paradies“ (211). Einer solchen Tendenz aber wolle die Europäische Union entgegenwirken und habe seit 2015 ihre finanziellen Anstrengungen verdoppelt, um „Polizeistaaten an ihrer südlichen Flanke“ (183) zu subventionieren. Als Beispiel wird insbesondere die Türkei genannt.

Im letzten Kapitel entwickelt Smith mehrere Szenarien für die Zukunft. Eine massive Migration und Auswanderung der jungen Menschen nach Europa sei nicht im Interesse Afrikas, stellt er fest. Dieser Kontinent sei arm, aber ein „demografischer Milliardär“ (214). Angesichts einer wachsenden Anzahl von Afrikanern, die die Mittel haben, woanders ein besseres Leben zu suchen, sei vor einem Dilemma dieser Menschen zu warnen, die südlich der Sahara leben, aber das Bedürfnis bekommen, ein „Leben über das Existenzminimum“ (215) zu führen.

Als erste Prognose entwirft der Autor das „Eurafrika-Szenario“ (215), in dem er vor einer unbegrenzten Aufnahmebereitschaft warnt. Das zweite Szenario ist die „Festung Europa“ (218), die auf eine verlorene Schlacht hinauslaufe. Sein drittes Szenario bezeichnet er als „Mafia Drift“ (220): Afrikanische Menschenhändler könnten Verbindungen mit der organisierten Kriminalität in Europa eingehen. In einem vierten Szenario wird die „Rückkehr zum Protektorat“ (221) prognostiziert: Europa könnte Verträge mit den afrikanischen Regimen zur Eindämmung von Migration schließen und dafür Gegenleistungen anbieten – teilweise sei dies schon der Fall. Es sei zudem möglich, die unzufriedenen Massen zu mobilisieren, um mit ihnen eine „quasi-neo-koloniale Wiedererlangung der Kontrolle“ (222) anzubahnen. Im fünften Szenario schlägt Smith eine Kombination der genannten Optionen vor.

Abgesehen davon, dass Smith von umstrittenen Statistiken ausgeht, ist er nicht in der Lage, jenseits des Islamismus und anderen fundamentalistischen Bewegungen eine positive Vision für die Zukunft Afrikas zu entwickeln. Er ist ein Kulturpessimist, der gewagte Thesen über die Zukunft eines ganzen Kontinents entwickelt.

Was wäre, wenn immer mehr gebildete Afrikaner erkennen, dass ihr Kontinent einen lebenswerten Raum für das Leben der Menschen bietet und wenn diese zum Motor einer ökonomischen, sozialen und ökologischen Entwicklung Afrikas werden, vielleicht mit der Hilfe Europas? Die kulturpessimistische Sicht des Autors schürt Ängste und trägt nicht dazu bei, Wege und Lösungen einer anderen Entwicklungspolitik für Afrika zu suchen.

Verfasst von:

Wahied Wahdat-Hagh

Erschienen am:

23. Januar 2019

Stephen Smith

NACH EUROPA! Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent

Berlin, edition.fotoTAPETA 2018

Rezension

Tom Burgis

Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas

Übersetzt von Michael Schiffmann. Frankfurt am Main, Westend Verlag 2016

Der Originaltitel „Looting Machine“ zeigt an, dass es nicht um die Analyse eines Mysteriums geht, sondern um eine „Maschine“ im Sinne eines Mechanismus, der bewusst initiiert wird. Dass der Reichtum Afrikas an Ressourcen zugleich das Verhängnis ist, das viele in Armut und Bürgerkrieg leben lässt, ist also kein unabwendbares Schicksal, wie Tom Burgis zeigt, sondern das Ergebnis einer Politik, in der sich die Gier weniger (in Afrika) und der Eigennutz vieler (erst in den westlichen Industrieländern, nun auch in China) miteinander vermengen.


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Aus den Denkfabriken

John Mukum Mbaku
From the electoral processes to democracy in Africa: Avenues to bridge the gap
Brookings Institution, 17. Januar 2019

Nic Cheeseman / Jeffrey Smith
The Retreat of African Democracy. The Autocratic Threat Is Growing
Foreign Affairs, 17. Januar 2019

Brahima S. Coulibaly (ed.)
Foresight Africa: Top priorities for the continent in 2019
Brookings Institution, 11. Januar 2019

Dirk Willem te Velde
Economic transformation in Africa: key trends in 2019
Overseas Development Institute, 10. Januar 2019


Aus der Annotierten Bibliografie
 

Salua Nour / Ekkehard Münzing (Hrsg.)

Wirtschaftsmacht Afrika. Wachstumspole, Potenziale und Perspektiven

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2015 (Edition OSI-Club); 371 S.; brosch., 44,39 €; ISBN 978-3-631-61177-7
Das Bild von Subsahara‑Afrika in der Öffentlichkeit wird immer noch von Bürgerkrieg, Hunger, Vertreibung und despotischen Potentaten bestimmt. Sofern die 54 Länder dieses Kontinents mit ihren über 1,1 Milliarden Menschen in den Medien aufscheinen, geht es um die illegale Migration über das Mittelmeer. Dass diese Staaten mehr zu bieten haben, spielt dagegen keine Rolle. Umso löblicher ist, dass die Herausgeber dieser düsteren Gegenwart ein anderes Bild ...weiterlesen

 

Christian Hiller von Gaertringen

Afrika ist das neue Asien. Ein Kontinent im Aufschwung

Hamburg: Hoffmann und Campe 2014; 286 S.; geb., 22,- €; ISBN 978-3-455-50323-4
Die Exportnation Deutschland ist dabei, in Afrika entscheidende Chancen zu verschlafen. So oder so ähnlich ließe sich die zentrale These von Christian Hiller von Gaertringen, Wirtschaftsjournalist bei der FAZ, auf den Punkt bringen. In seinem Buch will er deshalb das antiquierte Bild der Deutschen korrigieren: „Afrika ist dabei, die unglaubliche Wachstumsgeschichte, die Asien in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat, zu wiederholen.“ (9) Der Rückgang von Konflikten, die Verbesserung der Regimequalität, der Wandel von Staaten zu ...weiterlesen

 

Ute Schaeffer

Afrikas Macher – Afrikas Entwickler. Reportagen zur afrikanischen Gegenwart

Frankfurt a. M.: Brandes und Apsel 2012; 248 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-86099-891-5
Zwar ist Afrika „insgesamt politisch und wirtschaftlich stabiler, demokratischer und friedvoller“ (8) als in früheren Jahrzehnten, dennoch haben die Menschen auf diesem Kontinent enorme soziale, wirtschaftliche und politische Hürden zu überwinden. Auf diese geht die Chefredakteurin der Deutschen Welle, die bis 2011 die Programme für Afrika und Nahost leitete, in ihren Reportagen ein. Darin geht es um Menschen, die Zivilgesellschaften und auch um die Frage, warum der Funke des arabisc...weiterlesen

 



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